Interview mit Steffen Jindra Ein Mann und seine Mission

Die einen feierten ihn als Märtyrer der Revolution von 1918/1919, die anderen schmähten ihn als linksradikalen Putschisten. Steffen Jindra sucht in seinem Film in der MDR-Reihe zur "Geschichte Mitteldeutschlands" nach dem Liebknecht, "wie er wirklich war". Wir trafen den Autor am Rande der Dreharbeiten in Leipzig.

Wie kamen Sie auf Karl Liebknecht als Protagonisten für die neue Staffel zur "Geschichte Mitteldeutschlands". Er gilt ja vor allem als der Mann, der am 9. November 1918 in Berlin die "freie sozialistische Republik" ausrief? Was hat Sie interessiert?

Ich bin persönlich ja noch aufgewachsen mit diesen Kultveranstaltungen, die es in der DDR vor allem zum Todestag von Liebknecht und Luxemburg am 15. Januar 1919 gab. Da hat man als kleiner Schüler einen Ehrenkranz an einer der vielen Gedenkstätten abgelegt, um Liebknecht und Luxemburg als Märtyrer der Revolution von 1918/1919 zu ehren, die feige und hinterrücks ermordet worden waren. Im Prinzip galten Liebknecht und Luxemburg auch als Vorkämpfer des Arbeiter- und Bauernstaates. Viel mehr wusste ich damals nicht.

Ich musste mich erstmal von diesem ganzen Wust befreien und mich von grundauf neu mit diesem Mann befassen. Das hat mich schon interessiert, natürlich auch als jemand, der schon lange für die "Geschichte Mitteldeutschlands" arbeitet. Liebknecht wurde schließlich in Leipzig geboren, sein Name ist in der Stadt noch immer präsent, durch die "Karli", die Karl-Liebknecht-Straße, auf der sich die Leipziger und die Touristen vergnügen. Der Film soll anregen zu sehen, wer Karl Liebknecht wirklich war. Wer weiß denn schon noch, dass er als engagierter Kriegsgegner vor allem in der SPD gewirkt hat und erst am Ende in der KPD, deren Mitbegründer er 1918/1919 wenige Wochen vor seinem Tod noch war.

Inwiefern hat sich denn das Bild von Karl Liebknecht in Ost und West unterschieden?

Es ist natürlich in den Jahrzehnten sehr, sehr viel über den Politiker erzählt worden. In der DDR war er wie gesagt der große Märtyrer und Held. Auf bundesdeutscher Seite galt er von vornherein als der Radikale und Abtrünnige von der SPD. Ab 1990 spielte er in der öffentlichen Wahrnehmung kaum noch eine Rolle. 2007 kam ein Buch der Leipziger Historikerin Annelies Laschitza heraus. Nach langen Forschungen entblättert sie in "Die Liebknechts" auch die private Seite von Karl, sie erzählt von seinem Familienleben. Als jemand, der schon lange zu Liebknecht und Luxemburg geforscht hat, wurde sie auch zur Fachberaterin für unseren Film.

Sie legen also Wert darauf, Liebknecht nicht nur als Politiker, sondern auch privat zu zeigen. Was machte den Menschen Liebknecht aus?

Es gibt ein Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht: Das ist seine Rastlosigkeit. Dieses Immer-dabei-Sein - als Volkstribun, auf der Straße, von einer politischen Versammlung zur nächsten hastend. Das beginnt schon in den frühen Jahren. 1900 hat er als Politiker überhaupt erst angefangen. Er trat nach dem Tod seines Vaters Wilhelm Liebknecht in die SPD ein. Dann ackerte er sich hoch - vom kleinen Berliner Stadtverordneten zum Reichstagsabgeordneten. Endlich wurde er einer der bedeutendsten Männern der Revolution. Da blieb im Privatleben natürlich einiges auf der Strecke. Zwar gibt es Briefe aus dem Gefängnis und da wirkt es so, als ob er sich viel gekümmert und versucht hätte, auf seine Söhne und seine Tochter einzuwirken. Aber das ist der Vater in der Ferne. Es ist auch überliefert, dass er seiner zweiten Frau Sophie noch vor der Ehe signalisierte, was seine Prioritäten sind.

Diese Rastlosigkeit, von der Sie sprechen, kommt die vielleicht auch daher, dass er im Auftrag seines Vaters Wilhelm Liebknecht, der ja einer Gründervater der deutschen Sozialdemokratie war, eine bestimmte Mission verfolgte?

Die Mission ist natürlich auch etwas Wichtiges, ja! Er war von seinem Vater schon früh als politischer Erbe ausersehen. Seine Taufpaten waren immerhin Karl Marx und Friedrich Engels. Der junge Liebknecht wollte eigentlich Medizin studieren. Doch sein Vater machte ihm klar: "Du studierst Jura, die Partei braucht Anwälte." Diese Mission, eine gerechtere, menschlichere Gesellschaft herzustellen, wenn nötig auf dem Weg einer Revolution, die hat er immer vor sich hergetragen. Dabei blieb er aber kein Epigone seines Vaters, wie allein schon sein Engagement gegen den Militarismus zeigt.

Welchen Einfluss hatte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf seine politische Entwicklung? Wie hat er das erlebt?

Das war ein Schock. Damit trat genau das ein, wogegen er jahrelang gekämpft hatte. 1907 wurde er ja für seine Schrift "Militarismus und Antimilitarismus" wegen Hochverrats zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt. Dennoch wurde er 1908 ins preußische Abgeordnetenhaus gewählt. 1912 zog er als einer der jüngsten Abgeordneten in den Reichstag ein und trat gegen eine Heeresvorlage ein, die dem Kaiser Steuermittel für die Rüstung bewilligen sollte. Er wies nach, dass Krupp durch illegale Absprachen mit Rüstungsfirmen Geschäfte machte. Dann folgte der nächste Schock. Denn seine Partei stimmte im August 1914 geschlossen für die Kriegskredite, die die totale Mobilmachung ermöglichten. Er enthielt sich. Im Dezember 1914 stimmte er dann als einziger Reichstagsabgeordneter gegen die Verlängerung der Kriegskredite. Das war ein mutiger Schritt und ein Achtungszeichen.

Er wurde dann ja selbst eingezogen, obwohl er eigentlich als Angeordneter Immunität besaß. An Reichstagssitzungen durfte er teilnehmen, er
erkämpfte sich Redezeiten und überschüttete das Parlament mit seinen Wahrheiten über den Krieg. Als er dann am 1. Mai 1916 auf dem Potsdamer Platz in Berlin bei einer Antikriegsdemonstration das Wort ergriff, setzte er ein Fanal: "Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!", forderte er. Zu dem Zeitpunkt war er schon aus der SPD-Fraktion im Reichstag bereits ausgeschlossen worden. Nun wurde er wieder verhaftet und als Landesverräter verurteilt. Das machte ihn in weiten Teilen der kriegsmüden Bevölkerung zum Antikriegshelden und Märtyrer, der ins Zuchthaus ging für seine Überzeugungen. Diese Erfahrungen haben ihn sicher radikalisiert. Schließlich drängte er nach seiner vorzeitigen Haftentlassung im Oktober 1918 auf die Vorbereitung einer reichsweiten Revolution. Und nach dem Kieler Matrosenaufstand brach die ja tatsächlich aus.

Doch zur sozialistischen Räterepublik sollte es nicht kommen. Ist Liebknecht letztlich mit seiner Idee, die Gesellschaft auf dem Weg einer Revolution umzuwandeln, gescheitert? Hat er die Stimmung im Volk falsch eingeschätzt?

Er hat die Bedürfnisse der Leute auf der Straße überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Er stammte selbst aus dem intellektuellen, bürgerlichen Milieu und hatte sowieso relativ wenig Kontakt zur Arbeiterschaft. Es gibt nur wenige Filmdokumente von Karl Liebknecht, aber eins zeigt ihn im Dezember 1918: Er hält eine Rede draußen vor dem preußischen Abgeordnetenhaus, denn rein darf er nicht mehr. Drinnen tagt der Reichsrätekongress, eine Mehrheit tritt für baldige Parlamentswahlen und damit für die Selbstauflösung ein. Er hält also eine feurige Rede gegen die "Verräter der Revolution", die Massen scheinen begeistert. Aber nachdem die Leute ihre Hüte geschwenkt haben, sind sie nach Hause gegangen. Das schätzte er völlig falsch ein.

Auch beim Januar-Aufstand von 1919 dachte er, dass jetzt der Zeitpunkt für die Revolution da wäre, weil nochmal Massen auf die Straßen gegangen waren. Er forderte den Sturz der Regierung. In Berlin kam es zu blutigen Straßenkämpfen, die zahlreiche Opfer forderten. Der Aufstand aber war nach wenigen Tagen niedergeschlagen.

Doch auch in den wenigen Tagen, die ihm bis zur Ermordung durch rechte Militärs am 15. Januar 19191 noch blieben, trat bei Liebknecht kein Sinneswandel ein: Er weiß zwar, dass dieser Kampf verloren ist, das weiß er sehr wohl und auch, dass er nicht überleben wird, aber er ist überzeugt, die Revolution werde trotzdem siegen, nur eben später ...

Zuletzt aktualisiert: 21. September 2010, 16:30 Uhr