Wilhelm Zaisser (erster Minister für Staatssicherheit)
Bildrechte: IMAGO

Vom Täter zum Opfer Wilhelm Zaisser - erster Minister für Staatssicherheit

Wilhelm Zaisser war als Minister für Staatssicherheit 1952 verantwortlich für die Zwangsumsiedlung von 10.000 Menschen. Doch 1953 fiel er in Ungnade.

Wilhelm Zaisser (erster Minister für Staatssicherheit)
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Es existieren zwei bezeichnende Fotos von Wilhelm Zaisser. Das erstere ist 1947 aufgenommen, als er nach 14-jährigem Exil nach Deutschland zurückgekehrt ist. Es zeigt einen Mann mit energischem Kinn und misstrauisch zusammengekniffenen Augen. Das zweite stammt aus dem Jahr 1957. Zaissers Gesicht ist schwammig, er wirkt gebrochen und starrt mit weit aufgerissenen Augen ungläubig in die Kamera. Diese zehn Jahre zwischen 1947 und 1957 markieren Aufstieg und Fall eines deutschen Kommunisten.

Erster Minister für Staatssicherheit

Der 1893 nahe Gelsenkirchen geborene Zaisser war ein gebildeter Mann, der viel in der Welt herumgekommen war und mehrere Sprachen beherrschte. 1919 war er in die KPD eingetreten, hatte 1920 die "Rote Ruhrarmee" während des Kapp-Putsches geleitet und später als Vertreter der "Kommunistischen Internationale" in Moskau und der Mandschurei gewirkt. Im spanischen Bürgerkrieg war er der hoch geschätzte Kommandeur einer internationalen Brigade gewesen. Nach dem Sieg Francos ging Zaisser ins Moskauer Exil und kehrte 1947 nach Deutschland zurück. Er wurde zunächst Polizeichef von Sachsen-Anhalt, Mitglied des Politbüros der SED und 1950 der erste Minister für Staatssicherheit der DDR. Sein Name ist mit einem der dunkelsten Kapitel der DDR-Geschichte verknüpft.

"Aktion Ungeziefer"

Am 13. Mai 1952 berichtete Wilhelm Zaisser im SED-Politbüro über "Maßnahmen zur Errichtung eines besonderen Regimes an der Demarkationslinie". Vorgesehen war – und zwar auf Anweisung der Sowjetischen Kontrollkommission - die vollständige Abriegelung der innerdeutschen Grenze, um "ein weiteres Eindringen von Diversanten, Spionen, Terroristen und Saboteuren in das Gebiet der DDR zu verhindern", so die Begründung Wilhelm Zaissers. Doch damit nicht genug. Zaisser regte ferner an, "feindliche, verdächtige und kriminelle Elemente" aus den Dörfern und Gemeinden im Grenzgebiet umzusiedeln. Die streng geheime Aktion erhielt den Decknamen "Ungeziefer".

Abschied auf Nimmerwiedersehen

Bereits zwei Wochen später, Ende Mai 1952, begannen unter Leitung des Ministeriums für Staatssicherheit die Zwangsumsiedlungen. Etwa 10.000 Menschen wurden in den folgenden Monaten aus ihren Dörfern im Grenzgebiet in Notquartiere im Landesinneren verfrachtet. Für die meisten von ihnen war es ein Abschied auf Nimmerwiedersehen.

"Fraktionelle, parteifeindliche Arbeit"

Für seine "Verdienste" erhielt Zaisser im Juni 1953 den "Karl-Marx-Orden". Doch sein Niedergang hatte schon begonnen. Nur einen Monat später wurde Zaisser wegen "fraktioneller, parteifeindlicher Arbeit" seines Amtes enthoben und aus dem Politbüro entfernt. Offiziell machte SED-Chef Walter Ulbricht ihm zum Vorwurf, als Minister für Staatssicherheit den Arbeiteraufstand vom 17. Juni nicht verhindert zu haben, eigentlich aber wollte er sich eines Widersachers entledigen - Zaisser hatte den selbstgerechten Arbeitsstil Ulbrichts kritisiert und war für eine Beschränkung seiner Machtbefugnisse eingetreten. Unter Tränen verließ er die Sitzung des Politbüros, die seinen Ausschluss einstimmig gebilligt hatte. Zaisser, ganz Parteisoldat, hatte auch seinen Arm erhoben. Ein Jahr später verlor er auch noch seine SED-Mitgliedschaft.

Streng überwacht

Nach seinem politischen Ende wurde Zaisser, der noch einige Jahre als Übersetzer beim "Dietz-Verlag" beschäftigt war, von den Mitarbeitern seines einstigen Ministeriums streng überwacht und isoliert. Verhöre und Haussuchungen waren an der Tagesordnung. Wilhelm Zaisser starb am 3. März 1958 an einem Herzleiden.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "Erich Mielke - Meister der Angst" 10.11.2015 | 21,15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2011, 13:18 Uhr