Blick durch einen Grenzzaun auf einen Wachturm.
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Zwangsumsiedlung "Aktion Ungeziefer"

Von 1952 an wurden etwa 12.000 von der Staatsführung als "politisch unzuverlässig" eingeschätzte Bürger von der Grenze ins Landesinnere zwangsumgesiedelt. Das Ganze lief unter dem Tarnnamen "Aktion Ungeziefer".

Blick durch einen Grenzzaun auf einen Wachturm.
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Die Lkw kamen im Morgengrauen mit gedrosseltem Motor. Von den Pritschen sprangen bewaffnete Volkspolizisten herunter, drangen in die Häuser des kleinen Ortes vor und gaben knappe Anweisungen: "Fertig machen. Sachen packen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit müssen Sie den Grenzkreis sofort verlassen." Die Menschen durften schnell noch ein paar Habseligkeiten zusammensuchen, dann wurden sie auf die Lkw verladen und in hastig errichtete Notquartiere in der gesamten DDR gebracht.

So wie die 100-Seelen-Gemeinde Stresow, 45 Kilometer nordwestlich von Magdeburg an der Elbe gelegen, wurden ab Mai 1952 Hunderte Dörfer zwischen Rhön und Ostsee entvölkert. Sie hatten in den Augen der Staatssicherheit einen entscheidenden Makel – sie lagen zu nah an der Grenze zum Westen. Der Tarnname der Zwangsumsiedlungsaktion war: "Aktion Ungeziefer". Sie war minutiös geplant und galt als "geheime Verschlusssache". Eine gesetzliche Grundlage für diese Aktion existierte nicht. Sie basierte lediglich auf Befehlen und Weisungen des Ministers für Staatssicherheit Wilhelm Zaisser und stand in krassem Gegensatz zur DDR-Verfassung. Aber die Staatssicherheit hatte die Hoheit über das Grenzregime.

Abriegelung der Staatsgrenze

Auslöser für die Zwangsumsiedlungen war die Verordnung des Ministerrates der DDR vom 26. Mai 1952 "über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen Deutschlands", die einen zügigen Ausbau der innerdeutschen Grenze vorsah. Es wurden Wachtürme errichtet, mannshohe Zäune gezogen und ein 500 Meter breiter Schutzstreifen angelegt, der nur bei Tageslicht und mit einem Sonderausweis betreten werden durfte. Der gesamte Grenzraum bis zu einer Tiefe von 5 Kilometern wurde zur "Sperrzone" erklärt.

Umsiedlung von "feindlichen Elementen"

Anfänglich richtete sich die Zwangsumsiedlung nur gegen "feindliche, verdächtige und kriminelle Elemente", die schnellstmöglich aus dem Grenzbereich entfernt werden sollten. Das konnten Bauern sein, die sich der Kollektivierung widersetzten, Personen "mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr" oder einfach politisch Missliebige. Der Rahmen war von der Staatssicherheit weit gespannt. Nicht selten genügten aber auch Denunzierungen, um auf die Liste der "feindlichen Elemente" gesetzt zu werden.

Entvölkerung ganzer Dörfer

Im weiteren Verlauf der Zwangsumsiedlungsaktionen wurden ganze Dörfer und Gemeinden im Grenzgebiet entvölkert. Von der "Aktion Ungeziefer" waren in den 1950er-Jahren etwa 10.000 Menschen betroffen, von der "Aktion Kornblume" im Jahr 1961 noch einmal etwa 2.000. Mehr als 3.000 Menschen entzogen sich der Umsiedlung durch Flucht in den Westen. Doch selbst in den 1970er und 1980er Jahren gab es noch vereinzelte Zwangsumsiedlungen aus dem Grenzgebiet.

Dem Erdboden gleichgemacht

Für die Zwangsumgesiedelten war der Abtransport aus ihren Häusern in den meisten Fällen ein Abschied auf Nimmerwiedersehen. Die entvölkerten Dörfer wurden im Zuge des weiteren Ausbaus der Grenzsicherungsanlagen oft dem Erdboden gleich gemacht - wie auch das Dörfchen Stresow an der Elbe. Gleichzeitig hatte die Staatssicherheit sämtlichen Betroffenen dringlich nahe gelegt, Stillschweigen über das Geschehene zu wahren. Eine Entschädigung für den Verlust von Häusern und Höfen war nicht vorgesehen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "Erich Mielke - Meister der Angst" 10.11.2015 | 21,15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2011, 12:17 Uhr