Polizeiruf 110 & Co. Der sozialistische Kriminalfilm

Verbrechen und Kriminalität in einem sozialistischen Staat - aus Sicht der DDR undenkbar. Doch wie passt dann eine Krimiserie ins Fernsehprogramm der DDR?

Die Fernsehreihe "Polizeiruf 110" entstand innerhalb des Fernsehens der DDR in einer eigens dafür gegründeten Abteilung. Drei Gründe dürften entscheidend für die neue Serie gewesen sein: Erstens fehlte seit Einstellung der "Blaulicht"-Serie die entsprechende Programmfarbe. Zweitens brachte die ARD mit dem "Tatort" seit November 1970 das DDR-Fernsehen in Zugzwang. Und drittens reagierte das Staatsfernsehen auf den VIII. Parteitag der SED vom Frühjahr 1971. Dort hatte Erich Honecker als neuer erster Mann im Staate nicht mit Kritik gespart am Fernsehen und "unterhaltsamere und spannendere Programmangebote" gefordert.

Erfolgreich und pädagogisch

Szene aus dem Polizeiruf 110 "Ein ungewöhnlicher Auftrag" aus dem Jahr 1976 mit Oberleutnant Hübner (Jürgen Frohriep)
Szene aus dem Polizeiruf 110 "Ein ungewöhnlicher Auftrag" von 1976 mit Oberleutnant Hübner (Jürgen Frohriep) Bildrechte: MDR/DRA/Laaß

Im Juni 1971 wurde "Der Fall Lisa Murnau" ausgestrahlt, der erste "Polizeiruf 110". Schon bald erreichte die Resonanz der neuen Serie Höchstwerte, die Zuschauerbeteiligung lag im Durchschnitt bei 50 Prozent. Die Fernsehmacher bekamen viele Zuschriften. Oft wendeten sich die Zuschauer auch mit der Bitte um Rat und Hilfe an die Fernsehleute. Zu jeder Sendung wurden Foren veranstaltet. Dann gingen Regisseure, Autoren, Dramaturgen und Darsteller in Betriebe oder Schulen, um über Kriminalität im Allgemeinen und die Filminhalte im Besonderen zu diskutieren. Der "Polizeiruf" war der Exportschlager des DDR-Fernsehens. In vielen "Bruderländern" liefen die Serien im Kino und im Fernsehen, und selbst für die Dritten Programme der ARD wurden Rechte verkauft. So wurde der "Polizeiruf" auch ein Devisenbeschaffer.

"Überkommene Verhaltensweisen"

Kriminalität wurde in der DDR als Überbleibsel eines alten, eigentlich überwundenen Systems angesehen. Grob verkürzt herrschte die Formel: Einer Gesellschaft, in der die Klassenwidersprüche überwunden sind, fehlt der Nährboden für Kriminalität. Konflikte müssen nicht mit krimineller Energie ausgetragen werden, sondern lösen sich durch den guten Einfluss des Kollektivs – wie aber einen spannenden und unterhaltenden Krimi machen, wenn doch Kriminalität eigentlich gar nicht vorkommen darf?

In einer Konzeption des "Polizeirufs" aus den frühen 70er-Jahren heißt es im damals üblichen Parteideutsch: "Für die Ursachenforschung der Kriminalität und ihrer Gestaltung bedeutet das die Konzentration auf die Tatsache, dass sich die Entwicklung des Sozialismus unter vielfältigen Widersprüchen und im Kampf gegen zählebige, nicht auf der Höhe der Anforderungen stehende oder gar kapitalistische Lebens- und Denkgewohnheiten vollzieht."

Konflikte und Erzählweisen

Werner Krecek, 1987 Bereichsleiter für dramatische Kunst im DDR-Fernsehen, sagte: "Zu den Spannungsfaktoren, die jeder Kriminalfilm nun einmal braucht, gehört natürlich ein Delikt von gehörigem Ausmaß. Wir wissen, dass wir damit nicht der realen Kriminalitätsentwicklung in der DDR folgen, denn hier sind vorsätzliche Angriffe auf Leben und Gesundheit von Bürgern absolute Ausnahme." Tatsächlich monierte das stark in die Entwicklung der Filme integrierte Ministerium des Inneren immer wieder, dass ein falsches Bild der DDR-Gesellschaft entstehen würde. So wurden denn anfangs überwiegend "Knobelkrimis" gedreht, also Ermittlungskriminalfilme, in denen der Täter den Zuschauern wie den Ermittlern erst am Schluss bekannt wird. Aber bald schon überwogen Krimis mit offener Täterführung – die Zuschauer hatten durch Kenntnis einiger Verdächtiger einen gewissen Wissensvorsprung. Dank dieser Erzählweise konnten die Filme stärker auf die Motive der Täter eingehen – und damit auch die erzieherische Absicht mehr in den Vordergrund stellen.

Tabuthemen: Republikflucht und Umweltverschmutzung

Wer sich die "Polizeiruf"-Folgen in ihrer Entwicklung ansieht, der bemerkt, dass wesentliche "Delikte" fehlten: Republikflucht oder Umweltverschmutzung etwa. Und natürlich durfte kein Täter aus staatstragenden Kreisen stammen, keinesfalls durften sich Kombinatsleiter, Parteisekretäre, Polizei- oder Armeeangehörige als Täter entpuppen.

Verständnis für die Täter

Das simple Gut-Böse-Muster wurde in den 80er-Jahren in einigen Filmen verlassen. So in "Variante Tramper" von 1989: In dieser Folge will eine Familie die Fahrerflucht ihres Sohnes vertuschen, statt wie im bisherigen "Polizeiruf"-Schema brav auf der Seite der Ermittler zu stehen. In der letzten vor der friedlichen Revolution ausgestrahlten Folge "Trio zu viert" zeigten die Ermittler sogar Verständnis für die Täter: Erstmals gab es ein völlig untypisches, offenes Ende ohne Überführung und Bestrafung der Täter durch die Volkspolizei. Die bisher unangetastete Überlegenheit und Korrektheit der Staatsmacht wurde auch im "Polizeiruf" relativiert.

Zuletzt aktualisiert: 10. Mai 2011, 13:47 Uhr