Zwischen Drill und Gewalt Alltag der Sowjetsoldaten in der DDR

Bis zu 120 Männer in einem Mannschaftsraum, kaum Freizeit, miserable Versorgung - und einmal in der Woche Duschtag: Das Leben der in der DDR stationierten sowjetischen Soldaten war hart und entbehrungsreich.

Russische Soldaten gucken aus einer offenen Waggontür
Bildrechte: Mahmoud Dabdoub

Zwischen 350.000 und 500.000 sowjetische Soldaten waren in der DDR stationiert - so viele wie nirgendwo sonst außerhalb der Grenzen der UdSSR. Die Dauer des Wehrdienstes betrug zunächst drei, später zwei Jahre. In dieser Zeit kamen die Soldaten so gut wie nie aus ihren Kasernen heraus. Ihr Alltag war geprägt von militärischem Drill und Gewalt.

Der Begriff des freien Tages galt als unanständig

Die Rekruten, die in der DDR ihren Wehrdienst abzuleisten hatten, kamen häufig aus den nichteuropäischen Republiken der Sowjetunion – sie sollten sich in ihren Stationierungsorten vollkommen fremd fühlen. Wochenlang wurden sie, nicht selten in Viehwagons, in die DDR gebracht. Meist erfuhren sie erst hier, in welcher Stadt sie dienen sollten. Doch der Alltag war ohnehin überall derselbe: Es gab einen strikt durchorganisierten Tagesablauf und ein grundsätzliches Kontaktverbot nach außen, außerdem waren Urlaub und Ausgang eine Seltenheit.

In einem Interview mit dem Historiker Thomas Ammer erzählte Anfang der 1990er-Jahre ein ehemaliger Offizier: "Offiziell hängt in jeder Einheit ein Dienstplan aus, der aber in Wirklichkeit nur auf dem Papier besteht. Insbesondere gibt es keinen festgelegten Dienstschluss, ebenso wenig ein gesichertes freies Wochenende. Freizeit - das bedeutet in der Praxis oft die Teilnahme an bestimmten Diensten in der Einheit. Das heißt, man muss in der Einheit präsent sein. [...] Ein Begriff wie der eines freien Tages galt geradezu als unanständig."

Alltag der Sowjet-Soldaten in der DDR

Rotarmisten auf Panzern, 1979 in Wittenberg
Zwischen 350.000 und 500.000 sowjetische Soldaten waren in der DDR stationiert. Die Dauer des Wehrdienstes betrug am Anfang drei Jahre, später waren es nur noch zwei. Auf dem Bild Rotarmisten bei einer Übung in Wittenberg 1979. Bildrechte: imago/Werner Schulze
Rotarmisten auf Panzern, 1979 in Wittenberg
Zwischen 350.000 und 500.000 sowjetische Soldaten waren in der DDR stationiert. Die Dauer des Wehrdienstes betrug am Anfang drei Jahre, später waren es nur noch zwei. Auf dem Bild Rotarmisten bei einer Übung in Wittenberg 1979. Bildrechte: imago/Werner Schulze
russische Soldaten in Kasernenhof
Der Alltag der Soldaten war geprägt von Drill und Gewalt, sie kamen so gut wie nie aus ihren Kasernen raus. Bildrechte: IMAGO
Eine Informationstafel zur Reinhaltung der Fingernägel russischer Soldaten.
Die Rekruten kamen häufig aus den nichteuropäischen Republiken der Sowjetunion, damit sie sich so fremd wie möglich fühlten. Im Bild eine Tafel, die die Regeln des Soldatenalltags erklären soll. Bildrechte: dpa
Schlafsaal Soldaten in Wünsdorf
Bis zu 120 Männer schliefen in einem Mannschaftsraum, die Versorgung war schlecht, duschen durften die Männer nur einmal in der Woche. Auf dem Bild Soldatenbetten in der Garnison von Wünsdorf. Bildrechte: IMAGO
Hauptquartier der Sowjetarmee in Wünsdorf
Von Wünsdorf aus wurden die sowjetischen Truppen befehligt. Hier befand sich das Hauptquartier der Sowjetarmee in der DDR. In der Garnisonsstadt, auch "Klein-Moskau" genannt, lebten zwischen 50.000 bis 75.000 Sowjetbürger - Soldaten, Frauen und Kinder. Bildrechte: IMAGO
Soldaten der Sowjetischen Streitkräfte und Schüler der DDR am Lagerfeuer (1985)
Kontakte zu den DDR-Bürgern waren den Soldaten verboten – Ausnahme waren die verordneten Kontakte zu Feiertagen oder politischen Veranstaltungen. Dann trafen sich DDR-Pioniere und russische Soldaten, wie hier bei der Woche der Waffenbrüderschaft in Dresden 15.3.1985 oder…. Bildrechte: IMAGO
Pionier bindet Soldat ein Halstuch um
... bei der Verabschiedung sowjetischer Truppen in Wittenberg im Dezember 1979. Bildrechte: IMAGO
Russische Soldaten entsorgen Bücher im Müll
Nach dem Ende der DDR wurde im Zwei-plus-vier-Vertrag festgelegt, dass die sowjetischen Truppen bis zum 31. August 1994 abziehen müssen. Die Soldaten zogen ins Ungewisse, in ein zerfallendes Großreich, das mit großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. (Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Sowjetarmee geheim | 20.02.2018 | 22:05 Uhr Bildrechte: dpa
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Morgens, mittags, abends: Brei

Ein einfacher Soldat erhielt im Schnitt einen monatlichen Sold von rund einem Rubel pro Tag (das waren etwa drei DDR-Mark) und bis zu 25 DDR-Mark zusätzlich. Von den so maximal rund 100 DDR-Mark mussten aber nicht nur Dinge wie Zigaretten und Schokolade, sondern auch ganz grundlegende Artikel wie Lebensmittel und Waschutensilien bezahlt werden - denn die Versorgung in den Kasernen war karg. Nach ihrer Flucht Anfang 1987 erzählten zwei Deserteure damals im westdeutschen Fernsehen: "Das Essen der einfachen Soldaten ist in jeder Hinsicht miserabel. Ich würde so etwas nicht einmal meinen Hunden geben: Brei, nur Brei - morgens, mittags, abends, immer Brei."

Ähnlich schlecht war es um die gesundheitliche Betreuung der Soldaten bestellt. Ein Deserteur erzählte damals, in den Armeehospitälern werde man "nicht geheilt, sondern nur am Sterben gehindert. Ich wurde beispielsweise im Sommer 1986 am Blinddarm operiert. Er wurde mir ohne jede Betäubung herausgeschnitten."

Die "Herrschaft der Großväter"

Doch die schlechte Versorgung war nur eine der Bürden, die die Soldaten zu tragen hatten. Besonders unter den Schikanen der höheren Ränge litten viele junge Männer zusehends, nicht wenige zerbrachen daran oder riskierten gefährliche Fluchtversuche. Die "Dedowschtschina", die "Herrschaft der Großväter", stand für eine systematische Unterdrückung der Rekruten durch die dienstälteren Ränge. Sie war geprägt von Brutalität und Nötigung bis hin zu Vergewaltigung und Mord. Nach Schätzungen durch die Fraktion Die Grünen/Alternative Liste von 1990 waren in der DDR jährlich bis zu 4.000 Sowjetsoldaten ums Leben gekommen – durch Unfälle, Gewaltexzesse und Selbsttötungen.

Kriminelle Übergriffe durch die Soldaten

Doch auch kriminelle Übergriffe von Soldaten der Sowjetarmee außerhalb der Kasernen gehörten zur Tagesordnung. Aus Stasi-Akten gehen allein für die Jahre 1976 bis 1989 etwa 27.500 Delikte sowjetischer Militärangehöriger auf DDR-Gebiet hervor, darunter viele Verkehrsdelikte und Diebstähle, aber auch Mord, Körperverletzung, Raub und Vergewaltigung. Ein straffällig gewordener Sowjetsoldat konnte von der DDR-Justiz jedoch nicht belangt werden. Der Thüringer Kriminalpolizist Klaus Dalski bestätigt: "Unsere Ermittlungen hörten am Tor der Kaserne auf." Stattdessen wurden von den eigenen Männern begangene Verbrechen durch die Oberbefehlshaber oftmals mit drakonischen Maßnahmen geahndet - bis hin zur Todesstrafe.

Pioniernachmittage am Samowar

Eine der wenigen angenehmen Abwechslungen im Soldatenleben bildeten die "verordneten" Kontakte zu den DDR-Bürgern. Eigeninitiative war verboten, doch zu Feiertagen und politischen Veranstaltungen bei den deutschen Nachbarn wurden regelmäßig kleine Abordnungen der vorbildlichsten Soldaten entsandt: zu Pioniernachmittagen am Samowar, kleinen Konzerten in Kulturhäusern, Dia-Vorträgen über die Sowjetunion und Matrjoschka-Malstunden mit den Kleinsten - die "Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft" (DSF) machte es möglich. Doch abseits dieser vorgeschriebenen Termine blieben die Soldaten weitgehend abgeschottet.

Granaten und Munition auf wilden Müllkippen

Weitere "Kontakte" zu den DDR-Bürgern gab es eher durch negative Ereignisse: Ortschaften in der Nähe von Truppenübungs- und Schießplätzen waren ständig der Gefahr von Querschlägern und fehlgeleiteten Granaten ausgesetzt. Im thüringischen Gossel wurde die Kirchturmspitze weggeschossen, in Schwerin kam es Mitte der 80er-Jahre gar zu einer "mehrstündigen Explosion eines Munitionsdepots", wie seinerzeit aus einem Schreiben der Bezirksverwaltung Schwerin an das Ministerium für Staatssicherheit hervorging. Im März 1989 starben zwei Kinder, als auf einer wilden Müllkippe eine Patrone explodierte, zwei Monate später starben zwei weitere Kinder, nachdem sie auf einem Truppenübungsplatz nicht beräumte Munition gefunden hatten und diese explodiert war.

Rückkehr ins Ungewisse

Das Jahr 1989 stellte die GSSD vor eine überraschende Situation. Plötzlich drohte ihr mit der Maueröffnung buchstäblich der Boden unter den Füßen wegzubrechen. Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag wurde der Abzug der Sowjettruppen bis zum 31. Dezember 1994 festgelegt, später auf den 31. August 1994 vorgezogen. Das Unterfangen stellte sich als eine logistische Großaufgabe heraus, die insgesamt drei Jahre und elf Monate dauerte. 546.200 Soldaten und Offiziere sowie die Angehörigen mussten nach Russland zurückgebracht werden. Dazu kamen mehr als 120.000 schwere Waffen und sonstiges militärisches Gerät - insgesamt eine Last von 2,7 Millionen Tonnen.

Für die Soldaten gestaltete sich die Heimkehr schwierig - sie gingen in ein zerfallendes Reich, das nach dem Scheitern des Sozialismus unter großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten litt. Was also lag näher, als beim Abzug aus den Kasernen alles mitzunehmen, was nicht niet- und nagelfest war? Generaloberst Matwej Burlakow schrieb später in seinen Aufzeichnungen über den Abzug: "Ich forderte von den Kommandeuren, sorgsam mit materiellen Werten umzugehen und nach Möglichkeit alles mitzunehmen, weil man praktisch alles am neuen Stationierungsort in Russland gebrauchen könnte." Was die Westgruppe der Sowjetarmee zurückließ, war eine Last, an der das wiedervereinigte Deutschland noch heute zu tragen hat: verfallene Kasernen, kontaminierte Grundstücke, Müllberge und zurückgelassene Munition.

Auf dem letzten Panzer, der 1994 die DDR verließ, stand "Lebe wohl Deutschland - für immer!" - angelehnt an das "Abschiedslied der russischen Soldaten", das Oberst Gennadi Luschetzki damals schrieb: "Deutschland, wir reichen dir die Hand - und kehr'n zurück ins Vaterland. Die Heimat ist empfangsbereit. Wir bleiben Freunde - allezeit! Auf Frieden, Freundschaft und Vertrauen sollten wir uns're Zukunft bauen. Die Pflicht erfüllt! Leb' wohl, Berlin! Uns're Herzen heimwärts ziehn."

(Zitate aus: Ilko-Sascha Kowalczuk, Stefan Wolle, Roter Stern über Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin 2010.)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: Sowjetarmee geheim | 20.02.2018 | 22:05Uhr