Fabriken gegen Apfelsinen

85 Prozent seines Handelsvolumens wickelte Kuba bis 1990 mit den Ostblockstaaten ab. Die RGW-Staaten und besonders die DDR lieferten ganze Fabrikanlagen, z.B. zur Energiegewinnung oder für die Zuckerindustrie. Südamerikas größte Zementfabrik - made in GDR - arbeitet bis heute auf Kuba, auch wenn sie nie an ihre geplante Produktivität herankam. Als Gegenleistung erhielt die DDR Zucker, Südfrüchte und Nickel zu Vorzugspreisen. Und es kamen kubanische Arbeitskräfte in die DDR.

Vertragsarbeiter und Studenten

kubanische Vertragsarbeiter 3 min
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Mehr als 30.000 meist junge Kubaner wurden zur Ausbildung in ostdeutsche Kombinate geschickt. Die Aussichten, die berufliche Qualifikation später auf Kuba zur Erwerbsgrundlage zu machen, waren allerdings gering. Die Mehrheit der jungen Leute wurde in Textilberufen ausgebildet, für die es auf Kuba kaum Arbeitsstellen gab. Letztlich blieben viele der Vertragsarbeiter 1990 in der DDR. Teile ihres Lohnes wurden sofort nach Kuba in den Staatshaushalt transferiert. Später wurde den in der DDR lebenden Kubanern erlaubt, Kühlschränke, Motorräder oder Heimelektronik auf die Insel zu schicken.

Kuba nach dem Ende der DDR

Als in Deutschland die Mauer fiel, wurden alle Studenten und Arbeiter sofort nach Kuba zurückbeordert. Zwar herrschte durchaus auch bei vielen Kubanern Freude über das Ende der deutschen Teilung, doch die Konsequenzen sind von Havanna aus sehr kritisch beobachtet worden, insbesondere die Privatisierung des Volkseigentums und die Entmachtung der DDR-Eliten. Denn die DDR galt in kubanischen Augen als ein Mekka des Sozialismus und als ein Land mit einem enormen Entwicklungspotenzial.

Nach dem Untergang der DDR stellte die Bundesregierung die Zusammenarbeit mit Kuba auf staatlicher Ebene ein. In Verhandlungen mit der kubanischen Regierung ging es lediglich um die "Schulden Kubas" gegenüber der DDR. Zwar hatte die letzte DDR-Regierung unter Lothar de Maizière noch im Sommer 1990 angesichts der Wirtschaftskrise in Kuba einen vollständigen Schuldenerlass beschlossen, doch das vereinigte Deutschland bestand kompromisslos auf einer Rückzahlung der Gelder. Erst im Frühjahr 2000 begann die Bundesregierung mit einer offiziellen Zusammenarbeit mit Kuba – und zwar auf Druck des "Bundesverbandes der deutschen Industrie" (BDI). "Kuba ist interessant, weil es sozialistisch ist. Es ist interessant, weil wir es in den letzten Jahren vernachlässigt haben. Und wir sollten es uns nicht leisten, irgendeinen Markt zu vernachlässigen", betonte der damalige BDI-Chef Klaus-Olaf Henkel, nachdem er Silvester gemeinsam mit Fidel Castro in Havanna gefeiert hatte. (1)

DDR hatte großen Einfluss auf Kuba

Spuren der DDR auf Kuba existieren auf Kuba bis heute. "Ich konnte mich davon überzeugen, dass nahezu alle von der DDR errichteten Betriebe noch produzierten und dass die Bewohner in den entsprechenden Städten mit Gefühlen der Sympathie und Hochachtung von den Freunden des 'Alemania Democratica' sprachen", schreibt Heinz Langer, langjähriger Botschafter der DDR auf Kuba. (2)

"Drei Jahrzehnte lang hat der sozialistische deutsche Staat einen großen Einfluss auf Kuba gehabt und deutliche Spuren hinterlassen", sagt Manuel Torres Gemeil, Professor an der Universität von Havanna. "Über 10.000 Kubaner haben in der DDR gearbeitet und nicht nur etwas über Technik gelernt, sondern auch kulturelle Eindrücke mitgenommen. Viele Kubaner haben ihren Universitätsabschluss in der DDR gemacht, und etliche von ihnen sind heute Dozenten, Professoren oder gar Universitätsrektoren." (3)

MZ-Motorräder als Schwarztaxi

Auf den Straßen Kubas knattern noch unzählige Simson-Mopeds aus Suhl und MZ-Motorräder aus Zschopau, die kubanische Vertragsarbeiter damals aus der DDR mitbringen durften. Einige der unverwüstlichen Maschinen sind mittlerweile als "Schwarztaxis" unterwegs. Das ist zwar verboten, doch wenn die Polizei kommt, ist der Fahrgast eben ein Freund. Und Motoren aus verschrotteten IFA-Lastern aus Ludwigsfelde wurden von findigen kubanischen Autobesitzern in den letzten Jahren in ihre amerikanischen Straßenkreuzer eingebaut, nachdem deren Originalmotoren nach zum Teil mehr als fünfzig Jahren den Dienst endgültig versagten.

Quellen

(1) Interview mit Klaus-Olaf Henkel, Junge Welt, 26.07.2000
(2) Heinz Langer, Zärtlichkeit der Völker, Verlag Wiljo Heinen, Berlin 2010
(3) Die DDR hat auf Kuba deutliche Spuren hinterlassen, Junge Welt, 21.2.2008