Kalter Krieg Atomschlachtfeld Europa

In mehr als 1.200 Ostblock-Städten sollten US-Atombomben fallen: Das klingt unglaublich. Aber genau davon gingen geheime US-Pläne von 1956 aus. Hunderte Atombomben sollten allein die DDR treffen.

Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf.
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Erst 60 Jahre später wurde das geheime Planungs-Papier des Strategischen Luftkommandos der USA aus dem Jahr 1956 der Öffentlichkeit zugänglich. Es sind Akten, die belegen, mit welch gnadenloser Konsequenz amerikanische Militärs damals ihren Job erledigten. Auf den hunderte Seiten umfassenden Listen stehen mehr als 1.100 Flugplätze sowie Luftwaffenstützpunkte und mehr als 1.200 Städte aus den gesamten sozialistischen Ländern im Osten Europas, versehen mit geheimnisvollen Zahlen-Codes.

In Phase eins wollte das US-Militär die feindliche Luftwaffe treffen, dafür war der Einsatz von Wasserstoffbomben vorgesehen. Im zweiten Schritt sollten Atombomben Industrie- und Wohngebiete "systematisch zerstören".

Wunschkatalog der Generalität

Dokumente
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"Das Dokument ist im Prinzip ein Wunschkatalog der amerikanischen Luftwaffen-Generalität, der darstellt, welche möglichen Ziele im Ostblock mit atomaren Waffen bekämpft werden sollen", erklärt der Historiker Matthias Uhl. Das umfangreiche Dokument listet mehr als 3.400 Zielpunkte auf, sogenannte "Designated Ground Zeros", mit Namen und genauen Ziel-Koordinaten. "Die achtstellige Zahlenreihe markiert den Ort, der dreistellige Zahlen-Code benennt die Ziel-Kategorie: Flughafen, Militärbasis oder Industrie."

179 Atombombenziele allein für Moskau

Die meisten der Ziele lagen in der Sowjetunion. Für bestimmte Städte sind Dutzende, für Moskau sogar 179 Zielpunkte vorgesehen. 13 Atombomben sollten in der Stadt einschlagen.

Auch auf dem Territorium der DDR befanden sich Hunderte sogenannter "Ground Zeros": in Jena, Leipzig, Magdeburg, Rostock, Bautzen, Halle, Erfurt, Dresden... Eine grauenhafte Liste. Allein in Ostberlin und den Vororten der DDR-Hauptstadt sollten 13 Atombomben einschlagen und 91 Ziele auslöschen.

Genügend Atombomben in den Arsenalen

Dr. Matthias Uhl, 1970 in Nordhausen geboren, studierte Politikwissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Halle und Moskau. Seit 2005 arbeitet er am Deutschen Historischen Institut in Moskau
Historiker Matthias Uhl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Planungspapier des Strategischen Luftkommandos war noch kein endgültiger Ziel-Katalog, relativiert Matthias Uhl. "Aber wir können auf der Grundlage dieser Akte ganz gut sehen, wo die Ziele liegen und an Planungen bereits erfolgt ist, um diesen eventuellen nuklearen Angriff gegen den Ostblock auch durchführen zu können. Die Amerikaner besaßen Ende der 1950er-Jahre genügend Nuklearwaffen, um diese Wunschliste umzusetzen. Wir wissen, dass sie zwischen 15.000 bis 22.000 Nuklearwaffen zur Verfügung hatten."

Dr. Matthias Uhl, 1970 in Nordhausen geboren, studierte Politikwissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Halle und Moskau. Seit 2005 arbeitet er am Deutschen Historischen Institut in Moskau.

"Massive Vergeltung"

Das Atomkriegs-Szenario des Westens basierte über Jahrzehnte auf der Strategie der "massiven Vergeltung". Diese ging davon aus, dass der Westen dem Osten auf dem Gebiet der konventionellen Waffen unterlegen sei. Die Strategie der "Massiven Vergeltung" folgte daher der Maxime: Auf jeden Angriff der Sowjetunion wird sofort mit maximaler nuklearer Vergeltung reagiert. Jeder Angriff auf ein NATO-Land zieht unweigerlich die atomare Vernichtung der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks nach sich. Der Planungsstab des Strategischen Luftkommandos hatte die Aufgabe, die richtigen Ziel-Objekte aufzuspüren und aufzulisten, um sie im Ernstfall nuklear auslöschen zu können.

Ein atomarer Krieg kann gewonnen werden?

Die Strategie der "massiven Vergeltung" ging weiterhin davon aus, dass ein atomarer Krieg nicht nur geführt, sondern auch gewonnen werden kann. Dies belegte eindrucksvoll auch ein Manöver der US-Streitkräfte in der Wüste von Nevada 1953. Die Truppe übte damals unter realen Atomkriegsbedingungen. In einem Schulungsfilm sieht man lachende Soldaten, obgleich der Atompilz hinter ihnen echt ist. Die Soldaten sollten sich schon einmal daran gewöhnen, dass ein Atomkrieg durchaus praktikabel ist. Und auch der Bevölkerung wurde damals vermittelt, dass man einen Atombombenabwurf ohne weiteres überleben kann, wenn man sich geschwind eine Aktentasche über den Kopf hält oder unters Bett kriecht.

Den Osten komplett auslöschen

Im Ernstfall sollten die Atompilze natürlich nicht in den Wüstenhimmel von Nevada steigen, sondern in den Himmel der osteuropäischen Ballungsräume, um ganze Landstriche zu zerstören. "Die Amerikaner waren in der Lage, die gesamte Sowjetunion auszulöschen", führt Historiker Uhl aus. "Die defensivsten Planungen gingen davon aus, dass man in einem ersten Nuklearschlag etwa 55 bis 60 Prozent der sowjetischen Bevölkerung töten könnte. Das zeigt ganz deutlich die Dimensionen des nuklearen Holocaust. Auf dem Gebiet der DDR wäre die Bilanz nicht weniger gravierend gewesen. Im Prinzip können wir davon ausgehen, dass sich in der DDR und der UdSSR jede Stadt ab etwa 20.000 Einwohnern auf dieser Zielliste befand."

Das zerstörte Hiroshima
Hiroshima nach dem amerikanischen Atombombenabwurf 1945. Bildrechte: imago/United Archives

Über dieses Thema berichtete die MDR ZEITREISE im TV: 06.09.2020 | 22.00 Uhr

Im MDR Fernsehen

Janett Eger im MDR-Zeitreise-Studio
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