Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf.
Explosion einer Atombombe auf einem Testgelände in der Wüste von Nevada. Bildrechte: dpa

Atomschlachtfeld Europa

Tausende Atombomben auf die Staaten des "Warschauer Vertrages"? Ein Atomkrieg mit mehr als 1.000 "Zero Grounds" allein auf dem Gebiet der DDR? Das klingt ganz unglaublich. Ein geheimes amerikanisches Atomkriegs-Szenario ging 1956 aber tatsächlich genau davon aus.

Ein Atompilz steigt nach der Explosion einer Atombombe über dem Testgelände in der Wüste von Nevada auf.
Explosion einer Atombombe auf einem Testgelände in der Wüste von Nevada. Bildrechte: dpa

Erst 60 Jahre später wurde das geheime Planungs-Papier des Strategischen Luftkommandos der USA aus dem Jahr 1956 der Öffentlichkeit zugänglich. Es sind Akten, die belegen, mit welch gnadenloser Konsequenz amerikanische Militärs damals ihren Job erledigten. Auf Hunderten Seiten stehen die Namen Tausender Städte aus den gesamten sozialistischen Ländern im Osten Europas, versehen mit geheimnisvollen Zahlen-Codes.

Wunschkatalog der Generalität

Borna  Liebe Kollegen  folgende drei Fotos aus dem heutigen Tagesordner hätte ich gern: BOMBEBORNARASA_1930 BOMBEBORNASACH_151 BOMBEBORNASACH_738  Quelle Rechte: mdr  Vielen Dank, Steffen 7407
Auszug aus dem Planungs-Papier des Strategischen Luftkommandos der USA aus dem Jahr 1956. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Das Dokument ist im Prinzip ein Wunschkatalog der amerikanischen Luftwaffen-Generalität, der darstellt, welche möglichen Ziele im Ostblock mit atomaren Waffen bekämpft werden sollen", erklärt der Historiker Matthias Uhl. Das umfangreiche Dokument listet über 3.600 Zielpunkte, sogenannte "Zero Grounds", auf, mit Namen und genauen Ziel-Koordinaten. "Die vierstelligen Zahlenreihen markieren den Ort, der dreistellige Zahlen-Code in der ersten Spalte benennt die Ziel-Kategorie: Flughafen, Militärbasis oder Industrie..."

200 Atombomben allein für Moskau

Borna  Liebe Kollegen  folgende drei Fotos aus dem heutigen Tagesordner hätte ich gern: BOMBEBORNARASA_1930 BOMBEBORNASACH_151 BOMBEBORNASACH_738  Quelle Rechte: mdr  Vilen Dank, Steffen 7407
Planungspapier des Strategischen Luftkommandos. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die meisten der Ziele lagen in der Sowjetunion. Aber mehr als 1.000 "Zero Grounds" befanden sich auf dem Territorium der DDR: in Jena, Leipzig, Magdeburg, Rostock, Bautzen, Halle, Erfurt, Dresden... Eine grauenhafte Liste. An Atomsprengköpfen schien es den USA jedenfalls nicht zu mangeln. Für bestimmte Städte sind Dutzende, manchmal sogar Hunderte solcher Zielpunkte aufgelistet. Fast 200 Atombomben etwa allein für Moskau. Der russische Militärhistoriker Alexander Jazakow: "Jeder normale Mensch, der dieses US-Dokument liest und die Anzahl der Bomben pro Stadt sieht, wird erstaunt sein. Das geht doch eigentlich gar nicht: 200 Megatonnen-Bomben allein für Moskau. Da zweifelt man schon an der Vernunft der Militärs. Aber so war das damals eben."

Genügend Atombomben in den Arsenalen

Matthias Uhl
Historiker Matthias Uhl Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Planungspapier des Strategischen Luftkommandos war noch kein endgültiger Ziel-Katalog, relativiert Matthias Uhl. "Aber wir können auf der Grundlage dieser Akte ganz gut sehen, wo die Ziele liegen und an Planungen bereits erfolgt ist, um diesen eventuellen nuklearen Angriff gegen den Ostblock auch durchführen zu können. Die Amerikaner besaßen Ende der 1950er-Jahre genügend Nuklearwaffen, um diese Wunschliste umzusetzen. Wir wissen, dass sie zwischen 15.000 bis 22.000 Nuklearwaffen zur Verfügung hatten."

Dr. Matthias Uhl, 1970 in Nordhausen geboren, studierte Politikwissenschaften und Osteuropäische Geschichte in Halle und Moskau. Seit 2005 arbeitet er am Deutschen Historischen Institut in Moskau.

"Massive Vergeltung"

Das am 6. Dezember 1960 von der amerikanischen Regierung erstmals freigegebene Foto zeigt eine Atombombe vom Typ «Fat Man».
Amerikanische Atombombe vom Typ "Fat Man". Bildrechte: dpa

Das Atomkriegs-Szenario des Westens basierte über Jahrzehnte auf der Strategie der "Massiven Vergeltung". Diese ging davon aus, dass der Westen dem Osten auf dem Gebiet der konventionellen Waffen unterlegen sei. Die Strategie der "Massiven Vergeltung" folgte daher der Maxime: Auf jeden Angriff der Sowjetunion wird sofort mit maximaler nuklearer Vergeltung reagiert. Jeder Angriff auf ein NATO-Land zieht unweigerlich die atomare Vernichtung der Sowjetunion und des gesamten Ostblocks nach sich. Der Planungsstab des Strategischen Luftkommandos hatte die Aufgabe, die richtigen Ziel-Objekte aufzuspüren und aufzulisten, um sie im Ernstfall nuklear auslöschen zu können.

Ein atomarer Krieg kann gewonnen werden?

Die Strategie der "Massiven Vergeltung" ging weiterhin davon aus, dass ein atomarer Krieg nicht nur geführt, sondern auch gewonnen werden kann. Dies belegte eindrucksvoll auch ein Manöver der US-Streitkräfte in der Wüste von Nevada 1953. Die Truppe übte damals unter realen Atomkriegsbedingungen. In einem Schulungsfilm sieht man lachende Soldaten, obgleich der Atompilz hinter ihnen echt ist. Die Soldaten sollten sich schon einmal daran gewöhnen, dass ein Atomkrieg durchaus praktikabel ist. Und auch der Bevölkerung wurde damals vermittelt, dass man einen Atombombenabwurf ohne weiteres überleben kann, wenn man sich geschwind eine Aktentasche über den Kopf hält oder unters Bett kriecht.

Den Osten komplett auslöschen

Im Ernstfall sollten die Atompilze natürlich nicht in den Wüstenhimmel von Nevada steigen, sondern in den Himmel der osteuropäischen Ballungsräume, um ganze Landstriche zu zerstören. "Die Amerikaner waren in der Lage, die gesamte Sowjetunion auszulöschen", führt Historiker Uhl aus. "Die defensivsten Planungen gingen davon aus, dass man in einem ersten Nuklearschlag etwa 55 bis 60 Prozent der sowjetischen Bevölkerung töten könnte. Das zeigt ganz deutlich die Dimensionen des nuklearen Holocaust. Auf dem Gebiet der DDR wäre die Bilanz nicht weniger gravierend gewesen. Im Prinzip können wir davon ausgehen, dass sich in der DDR und der UdSSR jede Stadt ab etwa 20.000 Einwohnern auf dieser Zielliste befand."

Das zerstörte Hiroshima
Hiroshima nach dem amerikanischen Atombombenabwurf 1945. Bildrechte: imago/United Archives

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV in MDR Zeitreise 28.04.2019 | 22.25 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. April 2019, 09:38 Uhr