Ein KZ-Arzt erinnert sich Die Aufzeichnungen des August Heinrich Bender

In seinen Aufzeichnungen über sein Wirken als Lagerarzt im KZ auf dem Ettersberg ab 1938 schwärmt er von Ilse Koch als "hoch gebildet", eine "Schönheit" sei sie gewesen. Im Buchenwald-Prozess von 1947 hatte er noch behauptet, Ilse Koch nicht zu kennen. Er war damals zu 10 Jahren Haft verurteilt worden, kam allerdings nach drei Jahren frei und praktizierte als Hausarzt in einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen. 1993 schrieb er der ehemalige SS-Sturmbannführer seine Erinnerungen nieder, nach seinem Tod im Jahr 2005 gelangten sie ans Bundesarchiv in Koblenz. Dort stieß die"Geschichte Mitteldeutschlands" bei den Recherchen zu Ilse Koch darauf.

Der SS-Offizier August Heinrich Bender kommt 1938 als zweiter Lagerarzt ins Konzentrationslager von Buchenwald. Zuvor war er fünf Jahre lang Mediziner bei der SS-Totenkopf-Standarte von Thüringen. Über seine Wirken im KZ auf dem Ettersberg bei Weimar gehen die Aussagen auseinander. Einerseits wurde im Buchenwald-Prozess in Dachau 1947 bezeugt, Bender sei an der Selektion von Häftlingen für Außenkommandos und deren Misshandlung beteiligt gewesen. Andererseits gibt es Berichte, Bender habe sich bei den Gefangenen in Buchenwald sogar einer gewissen Beliebtheit erfreut.

1945 wurde Bender zusammen mit zahlreichen anderen SS-Männern festgenommen. Nach einer zweijährigen Internierung im US-Gefangenen-Lager Bad Aiblingen wurde er am 14. August 1947 im Buchenwals-Prozess wegen Mithilfe und Teilnahme an Gewaltverbrechen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Doch bereits ein Jahr später wurde er entlassen.

"Arzterei ohne Krankenkasse" - Der Fund im Bundesarchiv Koblenz

Über seine Zeit als KZ-Arzt in Buchenwald hat Bender nach dem Krieg nie gesprochen, jedoch schrieb er seine Erinnerungen daran 1993 nieder. Nach seinem Tod im Jahr 2005 ging das handschriftliche Manuskript gemeinsam mit seinem Nachlass in den Besitz des Bundesarchivs in Koblenz über. In seinen Aufzeichnungen schwärmt er:

"Arzterei - ohne Krankenkasse und den damit verbundenen Bürokraten-Kram. Das war eine feine Praxis! Nie wieder habe ich später so ungebunden arzten können."

August Heinrich Bender, KZ-Arzt in Buchenwald

Auch über das Kommandanten-Ehepaar Karl und Ilse Koch hat Bender einiges zu berichten. Karl Koch beschreibt er als "üblen Typen", der sich mit Syphilis infizierte und sich, um es geheim zu halten, von zwei Häftlingen behandeln ließ. Danach habe er dafür gesorgt, dass die beiden auf einem Transport in ein anderes Lager liquidiert werden. Als Koch selbst nach einem großen Korruptions-Prozess gegen ihn am 5. April 1945 von der Gestapo in Buchenwald hingerichtet wird, ist auch Bender anwesend, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht:

Feuer wie üblich, ein Schuss in die Stirn.
Letzte Worte von Koch: 'Jungens, schießt gut!' Schneid hatte er.
Ausstellung des Totenscheins. Affäre Koch beendet.

Aus den Aufzeichnungen von August Heinrich Bender, KZ-Arzt in Buchenwald

Leben auf dem Ettersberg: Die schöne Kommandeuse und die erlesene Küche

Karl Kochs Frau Ilse steht bei Bender deutlich höher im Kurs. Er beschreibt sie als "hoch gebildet", eine "Schönheit", die das Zeug zum Filmstar gehabt hätte: "rötliche lange blonde Locken, schneeweiße Haut, grünliche Augen ... Und erst die Figur!"

Überhaupt scheint ihm das Leben auf dem Ettersberg ein Fest:

"Die Küche der Kommandantur: Der Koch, natürlich ein Häftling, war Chefkoch des Berliner 'Hotel Adlon'. Erlesene Speisen, zum Teil a la carte und Getränke bester Güte. Das war dort ein Leben, morgens, mittags, abends. Von dieser Küche aus wurde auch die Führersiedlung versorgt, dort wurde nicht gekocht!"

Aus den Aufzeichnungen von August Heinrich Bender, KZ-Arzt in Buchenwald

500 Gramm Brot, ein Liter Krautsuppe, ein Löffel Marmelade, etwas Margarine - das war dagegen die offizielle Tagesration eines Häftlings. Tatsächlich aber gab es in Buchenwald für die meisten Gefangenen noch weniger, weil etwa Kommandant Karl Koch mit den Lebensmitteln auf dem Schwarzmarkt Handel trieb.

Ob im Lager tatsächlich Gefangene auf Grund ihrer Tätowierungen getötet wurden, ist bis heute nicht bewiesen, wohl aber, dass man in Buchenwald im großen Stil tätowierte Hautteile konservierte. Das steht auch in den Erinnerungen des Lagerarztes Bender. Für seine Unterkunft wollte er jedenfalls kein "solches Schreckgespenst". So wie Ilse Koch ihre vermeintliche Obsession dafür im Prozess leugnet.