Babylon Berlin - Tanzende Pärchen in einem Berliner Klub in  den 1920er-Jahren
Tanzende Pärchen in einem Berliner Klub in den 1920er-Jahren. Bildrechte: Frédéric Batier/ X Filme 2017

ARD-Serie "Babylon Berlin" Historiker: "Die Parallelen sind unübersehbar"

"Babylon Berlin" erzählt von den "Goldenen Zwanzigern". Wenige Jahre später folgte - nach einem Rechtsruck der Gesellschaft - der Zweite Weltkrieg. Ein Gespräch mit dem Berliner Historiker Daniel Schönpflug darüber, welche Parallelen es zur Gegenwart gibt.

Babylon Berlin - Tanzende Pärchen in einem Berliner Klub in  den 1920er-Jahren
Tanzende Pärchen in einem Berliner Klub in den 1920er-Jahren. Bildrechte: Frédéric Batier/ X Filme 2017

Herr Schönpflug, viele Menschen verspüren eine Sehnsucht, wenn sie an das rauschhafte Leben der "Goldenen Zwanziger" denken. Ist diese Sehnsucht gerechtfertigt, wenn man das Leben in den 20er-Jahren betrachtet?

Für die meisten Leute waren die 20er-Jahre nicht "golden". Am Anfang der 1920er-Jahre gab es die Hyperinflationskrise, die Vermögen vernichtet hat und die die einfachen Leute nach dem Krieg noch einmal in schwere Lebenssituationen stürzte. Dann folgte 1929 der Börsencrash und die große Wirtschaftskrise. Dazwischen gab es zwar auch eine Phase der Erholung, aber für die meisten Leute war es eine harte Zeit. Mit dem Rausch hat man zum Teil versucht, die schweren Lebensbedingungen zu vergessen.

Es ist die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Welche Hoffnung hatte der normale Bürger nach dem Ersten Weltkrieg?

Historiker Daniel Schönpflug
Historiker Daniel Schönpflug Bildrechte: Bayerischer Rundfunk/Babylon Berlin

1918 ist die mehrheitlich geteilte Hoffnung, dass es Frieden und nie wieder Krieg geben würde. Dazu kommen gesellschaftliche Hoffnungen auf Wandel, mehr Gerechtigkeit, mehr Beteiligung für die breite Bevölkerung und das Frauenwahlrecht in Deutschland. Aus diesen Hoffnungen heraus, suchen die Menschen nach neuen Lebensmodellen. Der Faschismus und der Kommunismus sind zwei Modelle, am Ende setzt sich das fürchterlichste Modell durch.

Daniel Schönpflug, geboren 1969, ist Professor für Geschichte an der Freien Universität Berlin und wissenschaftlicher Koordinator des Wissenschaftskolleg zu Berlin. Sein Arbeitsgebiet ist die europäische Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts. Er ist Autor des Buches "Kometenjahre: 1918: Die Welt im Aufbruch".

Gibt es Parallelen zur heutigen Zeit, in der auch vermehrt rechte Gruppierungen an die Macht streben wollen?

Geschichte wiederholt sich nicht! Jede Situation ist in sich spezifisch. Aber ich sehe schon Ähnlichkeiten. 1918 ist ein revolutionärer Moment, der Krisen nach sich zieht. Wir leben im Grunde genommen ein bisschen in einer ähnlichen Zeit, denn 1989 war ja auch so ein radikaler Umbruch, weltweit hat eine neue Zeitordnung begonnen. Aber anstatt Frieden, Freiheit und Wohlstand haben wir sehr bald Krisen und Kriege und große Probleme erlebt, bis hin zu Terrorismus.

Man hat das Gefühl, dass "Rechtssein" wieder gesellschaftsfähig geworden ist, so wie das Ende der 20er-Jahre der Fall war. Kann man weitere Parallelen ziehen?

Die Parallelitäten sind unübersehbar. Damals und heute ist es so, dass politische Kräfte die Krisen nutzen, um daran zu zeigen, dass das politische und das ökonomische Regime nicht richtig funktioniert. Sie geben einfache Antworten und mobilisieren. Aber wir müssen auch auf die Unterschiede schauen: Der eine Unterschied ist, dass der Organisationsgrad der Rechten damals und heute nicht miteinander verglichen werden kann.

Wir haben keine Sturmabteilung, wir haben keine schwarze Reichswehr, wir haben keine Organisation Condor, jedenfalls ist das noch nicht sichtbar geworden. Wir haben auch nicht in der Regierung und in der politischen Elite in derartiger Weise Sympathien und Unterstützung für die Rechten.
Unsere Regierung distanziert sich ganz klar davon.

Wir haben auch keine galoppierende Wirtschaftskrise wie in den Zwanzigern. Die NSDAP beginnt ihren kometenhaften Aufstieg 1929, dann werden die Wahlergebnisse für sie von Jahr zu Jahr besser. Davor ist sie am Rande des politischen Spektrums. Unsere Wirtschaft  blüht, es ging Deutschland selten besser und das macht doch einen großen Unterschied für die Triebkraft solcher Entwicklungen.

Wäre es ohne den Crash an der New Yorker Börse, der Europa mit in die Krise zog, nicht zu einem neuen Weltkrieg gekommen?

Babylon Berlin - Soldaten prügeln auf Demonstranten in den 20er-Jahren ein.
Szene aus dem Film "Bayblon Berlin" über die Unruhen Anfang Mai 1929. Bildrechte: Frédéric Batier/ X Filme 2017

Das Jahr 1929 ist auf jeden Fall ein Einschnitt. In den Jahren davor haben wir in Deutschland nach 1923 eine gewisse politische und ökonomische Beruhigung erlebt, aus der sich Stabilität hätte entwickeln können. Aber 1929 kommt der Börsencrash und bringt die Wirtschaftskrise, den Hunger und die Arbeitslosigkeit massenhaft zurück. Das erlaubt wiederum der Rechten, ihre einfachen Argumente zu zünden, wie "die Juden sind schuld".

War die Zeit in den 20er-Jahren noch nicht reif für eine stabile Demokratie?

Die Demokratie braucht Zeit, um sich durchzusetzen. In Frankreich sind das 100 Jahre von der Französischen Revolution bis zur ersten Republik und in Deutschland dauert es eben auch länger. 1918 folgt die Demokratie auf das Kaiserreich - und man hat im Grunde genommen gar keine Erfahrung damit. Es gibt auch niemanden zu der Zeit, der sich 100-prozentig damit identifiziert. Die Eliten sind Vernunftsrepublikaner und brauchen Zeit, um die Demokratie und die Republik wirklich zu lernen. Das ist einer der Gründe, warum dieser erste Versuch scheiterte und sich die Demokratie erst im zweiten Anlauf durchsetzte.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: MDR Zeitreise | 25.09.2018 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. September 2018, 09:05 Uhr