Innenansicht einer Häftlingsbaracke in Buchenwald
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Mythos oder Wirklichkeit? Die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald

Es ist eine der eindrücklichsten Szenen der DEFA-Verfilmung "Nackt unter Wölfen" von Regisseur Frank Beyer: Die Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald, teilweise bewaffnet, erheben sich und strömen zum Tor mit der verhassten Inschrift "Jedem das Seine". Sie erschießen die SS-Leute von der Wachmannschaft und befreien das Lager. Ein heroischer Akt der Selbstbefreiung, der in der DDR als antifaschistischer Propaganda-Mythos gepflegt wurde. Beschrieben hat ihn der ehemalige Buchenwald-Häftling Bruno Apitz in seinem Roman "Nackt unter Wölfen", der 1958 erschien, millionenfach verkauft wurde und zur Pflichtlektüre in allen Schulen der DDR wurde. Aber hat es sich tatsächlich so zugetragen?

von Tom Fugmann

Innenansicht einer Häftlingsbaracke in Buchenwald
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Der Chemnitzer Historiker Lars Förster hat vor drei Jahren eine politische Biographie über Bruno Apitz geschrieben. Apitz habe die angebliche Selbstbefreiung gar nicht mitbekommen, so Förster. Denn er gehörte zu den 46 Häftlingen im KZ Buchenwald, die ganz zum Schluss noch erschossen werden sollten. Deshalb hielt er sich drei Tage versteckt und kam erst wieder ans Tageslicht, als die amerikanischen Soldaten da waren.

Aufräumen mit einer Legende

Besucher stehen am Lagertor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar mit der Inschrift Jedem das Seine
Den Sturm auf das Lagertor habe es nie gegeben, sagt der ehemalige Buchenwaldhäftling Markus Feingold. Bildrechte: dpa

Buchenwald wurde in der DDR zum Mythos, um Geschichte zu inszenieren, so Volkhard Knigge, der seit 1994 die Gedenkstätte leitet. Man habe den antifaschistischen Widerstand heroisiert. Es habe in der Tat ein illegales Lagerkomitee gegeben, welches auch den Widerstand gegen die SS organisiert habe, so Knigge. Man habe allerdings nur über ungefähr 100 Waffen verfügt, mit denen man keineswegs in der Lage gewesen sei, die SS zu überwältigen. Lediglich einige SS-Helfer aus der Ukraine seien festgesetzt worden. Auch Markus Feingold, ein ehemaliger Häftling, erinnert sich an den 11. April 1945. Buchenwald sei von den amerikanischen Soldaten befreit worden. Vorher seien die SS-Leute geflohen. Die Legende von der Selbstbefreiung sei ein von den Kommunisten inszenierter Schwindel, unter dem er 70 Jahre lang gelitten habe. Und den Sturm auf das Lagertor habe es nicht gegeben.

Streit um die Erinnerung

Jorge Semprun
Der spanische Schrifsteller und ehemalige Kulturminister seines Landes Jorge Semprun Bildrechte: IMAGO

Doch es gibt auch Buchenwald-Überlebende, die sich anders an die dramatischen Ereignisse von damals erinnern. Zum Beispiel der spanische Schriftsteller Jorge Semprun, der einige Jahre auch Kulturminister seines Landes war. Er zitierte vor einigen Jahren aus einem vorläufigen Bericht, verfasst vom Zivilisten Egon W. Fleck und dem US-Oberleutnant Eduard A. Tenenbaum. Die beiden Männer waren am 11. April 1945 die ersten Amerikaner in Buchenwald. In einem Bericht an ihre Vorgesetzten schrieben sie: "Als wir in die große Zufahrtsstraße einbogen, sahen wir Tausende von Männern, in Lumpen gekleidet und ausgemergelt, die in disziplinierten Formationen nach Osten marschierten. Diese Männer waren bewaffnet und hatten Vorgesetzte. Einige Abteilungen trugen deutsche Gewehre, andere hatten 'Panzerfäuste' über den Schultern hängen. Sie lachten und machten Gesten wütender Fröhlichkeit, während sie weitergingen... Das waren die Häftlinge aus Buchenwald, die sich zum Kampf aufmachten, während unsere Panzer sie mit 50 Stundenkilometern überholten."

Für Semprun, der selbst einer der Panzerfaust-Träger war, ist damit klar: den Aufstand hat es gegeben. Auch Kurt Goldstein, der in der DDR Karriere als Journalist machte, hat nie an der Selbstbefreiung durch die Häftlinge gezweifelt. Er habe mit eigenen Augen gesehen, so Goldstein 2005, wie die bewaffneten Häftlinge auf den Zaun gestürmt sind.

Vielschichtige Realität

Hat es die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald also doch gegeben? Die tatsächliche Chronologie des Geschehens lässt mehrere Deutungen zu. Am Morgen des 11. April 1945 nähern sich Einheiten der amerikanischen Armee dem Lager. Um 10 Uhr kündigt der SS-Kommandant von Buchenwald, Hermann Pister, dem Lagerältesten den Abzug der Wachmannschaften an. Eine halbe Stunde später mobilisiert das Internationale Lagerkomitee die Widerstandsgruppen und gibt die illegal besorgten Waffen aus. Die Häftlinge besetzen die Wachtürme, übernehmen ohne große Gegenwehr das Lager und jagen in der Umgebung flüchtige SS-Leute. Am Nachmittag treffen die ersten Amerikaner im Lager ein. War es also tatsächlich eine Selbstbefreiung, wie es in der DDR dargestellt wurde? Der Politikwissenschaftler Ulrich Peters, der den kommunistischen Widerstand in Buchenwald erforscht hat, hält diese Interpretation für nachvollziehbar: "Die Entscheidung: Wir nehmen das in die Hand und bereiten uns langfristig auf die finalen Tage vor - das ist natürlich auch ein Akt von Selbstbefreiung." Allerdings wäre der Begriff Befreiung passender, findet der Historiker. Denn ohne die herannahenden amerikanischen Truppen wäre die SS nicht geflohen und die Häftlinge hätten das Lager nicht übernehmen können.  

Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte

Volkhard Knigge vor einer Vitrine mit Häftlingskleidung
Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald Bildrechte: dpa

Der Streit um die Terminologie - Selbstbefreiung, organisiert von den kommunistischen Häftlingen oder Befreiung durch die amerikanischen Truppen - war Ausdruck einer politischen und ideologischen Mobilisierung. In der DDR wurde der Mythos der kommunistischen Selbstbefreiung benutzt, um das Selbstverständnis als antifaschistischer Staat zu inszenieren. Nach 1989 galt dieser Mythos im wiedervereinigten Deutschland als ein weiterer Propagandaschwindel des Arbeiter-und -Bauern-Staates. Allerdings werde die Leistung von Häftlingen, die sich im Konzentrationslager der SS widersetzt haben, herabgesetzt, wenn die Selbstbefreiung allein als kommunistische Propaganda abgetan werde, meint Ulrich Schneider, Historiker und Geschäftsführer der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora/Freundeskreis. Und der Gedenkstättenleiter Volkhard Knigge spricht heute salomonisch von einer "Befreiung von außen" und "einer Befreiung von innen" und wird damit der Komplexität des Ereignisses wohl am ehesten gerecht.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR AKTUELL | 15.04.2018 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 16:02 Uhr