Blick auf das im 2. Weltkrieg stark zerstörte Industriegebiet von Magdeburg.
Blick auf das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Magdeburg Bildrechte: dpa

Hintergrund Bomben auf Mitteldeutschland

Der Bombenkrieg ist als eines der schrecklichsten Kapitel des Zweiten Weltkrieges in die Geschichtsbücher eingegangen. So traf der "Tod aus der Luft" nicht nur militärische Ziele und die Rüstungsindustrie. Der Luftkrieg forderte auch immer mehr zivile Opfer in Europa. Mitteldeutschland blieb als kriegswichtiger Industrie- und Ballungsraum davon nicht verschont. Die Diskussion um die Aufarbeitung und die Opferzahlen beschäftigt Überlebende wie Historiker bis heute.

Blick auf das im 2. Weltkrieg stark zerstörte Industriegebiet von Magdeburg.
Blick auf das im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Magdeburg Bildrechte: dpa

Die Luftwaffe ging als die jüngste und auch modernste Waffengattung aus dem Ersten Weltkrieg hervor und setzte für Militärs die konventionelle Kriegsführung unter neue Vorzeichen. Schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen beschäftigten sich Militärtheoretiker mit den neuen Möglichkeiten, die weit über den Luftkampf, die Feindaufklärung und den Lufttransport hinausgingen. Als einer der ersten erprobte die deutsche "Legion Condor" im Spanischen Bürgerkrieg die schrecklichen Auswirkungen von Flächenbombardements. Dabei ging es jedoch um weit mehr, als um die Zerstörung militärischer oder industrieller Ziele. Mit der Bombardierung Gernikas wurden eine Stadt und ihre Bewohner zum Ziel eines Angriffes gemacht.

Bomben im Blitzkrieg

Was die deutsche Luftwaffe auf schreckliche Weise in Spanien getestet hatte, wurde zur strategischen Größe in den Blitzkriegen in Ost und West. Städte wie Warschau und Rotterdam wurden unter dem Hagel deutscher Bomben eingenommen. Auch die Invasion Großbritanniens sollte unter noch gewaltigeren Bombardements vorbereitet werden: London, Birmingham, Coventry und Manchester waren unter anderem die Ziele deutscher Bombergeschwader. Mit der Bombardierung Belgrads 1941 bediente sich die Luftwaffe erneut der Methode, die bereits in Gernika zur Anwendung gekommen war: die völkerrechtswidrige Bombardierung einer "unverteidigten Stadt".

Der Luftkrieg gegen England setzte eine Gewaltspirale in Gang, die immer mehr zu Lasten der Zivilbevölkerung ging. Die britischen Royal Air Force antwortete nicht nur mit der Bombardierung Berlins, sondern zunehmend auch mit Flächenbombardements auf andere deutsche Industriestädte.

Von der Zerstörung der Industrie zum "Moral Bombing"

Während Mitteldeutschland zu Beginn der 1940er-Jahre vor allem als kriegswichtiges Industriezentrum in das Fadenkreuz alliierter Bomber gerückt war, kam es in den folgenden Kriegsjahren immer mehr zu Angriffen auf zivile Ziele. Die Absicht des "Moral Bombing" war es, die Bevölkerung zu demoralisieren, den Rückhalt des nationalsozialistischen Regimes zu schwächen und nicht zuletzt auch Arbeitskräfte von der Rüstungsproduktion fernzuhalten.

Durch die 1942 von Churchill erlassene "Area Bombing Directive" erreichte die Umsetzung dieses Ziels unter dem Kommando von Sir Arthur Harris eine neue schreckliche Dimension: Der Bombenkrieg war zu dieser Zeit längst im Alltag der Deutschen angekommen. Verdunkelung und Luftschutzübungen wurden zur Normalität, auch für die Kinder.

Unser Hauptspiel war Fliegeralarm. Da haben wir mit den Puppen gespielt und dann hat einer die Sirene gemacht und dann haben wir die Puppen schnell zusammengesammelt: 'Ihr müsst euch jetzt ganz schnell anziehen. Ihr müsst doch fort.' Und da haben wir noch das wichtigste von den Puppensachen mitgenommen und sind unter den Tisch gekrochen. Über den Küchentisch haben wir dann immer eine Wolldecke gehängt, das war unser Luftschutzkeller.

Hannelore Henze, Weimar, Jahrgang 1936 Geschichte Mitteldeutschlands

Die Lufthoheit über Deutschland schien in den Kriegsjahren 1943/44 längst verloren. Daran konnten auch die als "Vergeltungswaffen" bezeichneten Marschflugkörper und Raketen V1 und V2 nichts mehr ändern. Erneut nahm der Bombenkrieg über Deutschland tragischere Dimensionen an als man zuvor erahnen konnte.

Der gezielte Einsatz von Spreng- und Brandbomben bei Flächenbombardements von deutschen Städten sorgte für regelrechte Feuerstürme und damit bei der Zivilbevölkerung für bisher ungeahntes Leid. Bereits im Dezember 1943 erlitt die Stadt Leipzig auf diese Weise ihren schwersten Bombenangriff.

Da lagen verbrannte und verkohlte Leichen auf der Straße. Also erwachsene Menschen, die nicht größer wie eine Puppe waren. So waren sie zusammen geschmolzen. Das war schrecklich. Und dieses Bild - der glutrote Himmel über Leipzig und die Toten auf der Straße - das vergesse ich nie.

Hildegard Gebauer, Leipzig, Jahrgang 1930 Geschichte Mitteldeutschlands

Die Taktik der Bombardements zielte darauf ab, mit Sprengbomben die Dächer der Häuser abzudecken und mit Brandbomben das so freigelegte brennbare Material zu entzünden.

Weitere Angriffswellen mit Sprengbomben sollten dann die Menschen in den Luftschutzkellern halten und Löscharbeiten verhindern. Auf diese Weise wurde auch Magdeburg im Januar 1945 nahezu dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt war weg, die Stadt war einfach weg. Da lagen zum Beispiel in der Jacobstraße und in den Nebenstraßen, da lagen die Trümmer drei Meter hoch. Da kam man überhaupt nicht durch. Alles kaputt.

Gerhard Knoch, Magdeburg, Jahrgang 1930 Geschichte Mitteldeutschlands

Die meisten Opfer hatte die Elbestadt Dresden im Februar 1945 zu beklagen. Als weitere Ziele der Flächenbombardements in Mitteldeutschland folgten von März bis April noch Städte wie Dessau, Jena, Nordhausen und Halberstadt oder Plauen und Chemnitz.

Narben an Städten und Bevölkerung

Blick auf das fast völlig zerstörte Stadtzentrum von Dresden.
Blick auf das fast völlig zerstörte Stadtzentrum von Dresden nach der Bombardierung Bildrechte: dpa

Der Bombenkrieg traf die mitteldeutschen Städte schwer. Nicht nur ihre Industrie und Verkehrsknotenpunkte wurden zerstört. Ganze Stadtkerne verloren über Nacht ihr Gesicht. Mehrere Tausende Opfer forderte der "Tod aus der Luft" unter der zivilen Bevölkerung, ganz zu schweigen von Flüchtlingen und Vertriebenen, die in den Ballungszentren Schutz gesucht hatten. Es dürfen aber auch nicht diejenigen verschwiegen werden, die bis zuletzt gar keine Chance hatten, den Bomben zu entkommen. Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und andere Ausgegrenzte, denen man den Luftschutz vorenthalten hatte.

Die Bewältigung dieses Kapitels des Zweiten Weltkriegs ist allen Beteiligten, Opfern und Tätern, Zivilisten und Piloten auf beiden Seiten nicht leicht gefallen. Die Opfer des Bombenkrieges wurden noch in den letzten Kriegstagen für die Propaganda missbraucht und auch nach dem Krieg in politisch gefärbten Geschichtsbildern eingesetzt. Die Verarbeitung dieser Ereignisse und der Beginn einer gemeinsamen Auseinandersetzung dauern bis heute an. Historiker und interessierte Bürger ringen noch immer um eine korrekte wissenschaftliche Aufarbeitung. Die Erinnerung und auch die Debatten kehren mit jedem Jahrestag wieder.

Dresden, 13./14. Februar 1945 In der Nacht vom 13. zum 14. Februar und am folgenden Tag zerstörten die Bomben der britischen und US-amerikanischen Luftwaffe eine Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern vollständig. Von den Renaissance- und Barockbauten im Zentrum blieben nur verbrannte Trümmer übrig. Kulturhistorische Prachtbauten wie Semperoper, Residenzschloss oder Zwinger wurden größtenteils zerstört, die Frauenkirche stürzte am 15. Februar in sich zusammen.

Die 773 Bomber der britischen Airforce warfen in den ersten zwei Tagen 1.478 Tonnen Spreng- und 1.182 Tonnen Brandbomben sowie Luftminen auf die Stadt ab. US-amerikanische Flieger klinkten tagsüber weitere 711 Tonnen Bomben aus. Am 15. Februar folgte eine letzte Angriffswelle von 210 US-amerikanischen B-17-Bombern, die 463 Tonnen Sprengbomben abwarfen.

Wie viele Menschen in der etwa 630.000 Einwohner zählenden Stadt bei diesen Bombardements ums Leben kamen, war lange umstritten. Die Dresdner Innenstadt war zum Zeitpunkt der Bombardierung zudem mit Flüchtlingen aus dem Osten überfüllt. Eine 2004 einberufene Expertenkommission schätzte die Opferzahl auf bis zu 25.000 Tote.

Magdeburg, 16. Januar 1945 Magdeburg war 1944 und 1945 mehrfach Ziel britischer und US-amerikanischer Luftschläge. Das mit Abstand schwerste Bombardement erlebte die Elbestadt am Abend des 16. Januar 1945. Bei dem 39 Minuten dauernden Angriff mit Luftminen, Spreng-, Brand- und Phosphorbomben wurden 90 Prozent der Innenstadt zerstört.

Mindestens 2.500 Bewohner kamen dabei ums Leben. Etwa 190.000 Menschen verloren ihr Obdach. 15 Kirchen und der Breite Weg - seinerzeit eine der prächtigsten Barock-Straßen Deutschlands - wurden fast vollständig verwüstet. Allein der Magdeburger Dom überstand den Angriff relativ unbeschadet. Die Bombardierung Magdeburgs gehörte zu den verheerendsten Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges überhaupt.

Buchtipps: Jörg Arnold, Dietmar Süß, Malte Theißn, Malte (Hrsg.): Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa, Wallstein Verlag, Göttingen 2009.

Dietmar Süß: Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England. Siedler Verlag.

Matthias Puhle: Dann färbte sich der Himmel blutrot - Die Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar 1945, Katalog für die Ausstellung im Kulturhistorischen Museum Magdeburg vom 15. Januar 1995 bis 14. Mai 1995

Rolf-Dieter Müller, Nicole Schönherr und Thomas Widera (Hrsg.):
Die Zerstörung Dresdens 13. bis 15. Februar 1945
Gutachten und Ergebnisse der Dresdner Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen, V&R Unipress, Göttingen

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Mythos Dresden - Der lange Schatten einer Bombennacht | 13.02.2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2018, 14:10 Uhr