Geschichte eines "Schwarzbaus" Bowlingtreff Leipzig – der geheime Prachtbau

"Warum ist der Leipziger Bowlingtreff unterirdisch gebaut?" – "Pssst ... damit die Berliner nicht merken, dass in Leipzig noch Bauarbeiter sind!" – Ein Witz, der Mitte der 80er-Jahre in Leipzig kursiert. Während nämlich das DDR-Regime Ost-Berlin mit aller Kraft – Arbeitern und Material - für die 750-Jahrfeier im Jahr 1987 herausputzt, verfallen andernorts die Städte. So auch in Leipzig: Die einst prächtigen Altbauten der Innenstadt sind marode, der Putz bröckelt, Häuserfassaden sind grau, viele verfallen. Aus der Vogelperspektive wirkt die Stadt trist, einst rote Dachziegel sind rußgeschwärzt, verrottete Dächer bieten Tauben Einschlupflöcher in die Dachböden.

In dieser Zeit gibt der Rat der Stadt Leipzig einen Bau in Auftrag, den Ostberlin vermutlich so nie abgesegnet hätte: Eine Einrichtung, die klar mit dem gängigen Freizeitangebot des Ostens bricht: Bowling statt Kegeln. Offiziell lautet die umständliche Begründung der Stadt für den Bau: "Die gesellschaftliche Nutzung des in den Jahren 1925 bis 1927 errichteten 'Unterwerkes Mitte für ein Bowlingzentrum resultiert aus den vielfältigen Bedürfnissen der Bürger und Gäste der Stadt Leipzig nach sinnvoller Freizeitbeschäftigung und sportlicher Betätigung.' Im Klartext: Die Bevölkerung braucht einen Lichtblick, einen Kontrapunkt gegen die Tristesse und den Verfall.

Bowlingbahn, Polyplay und Fitnessclub

So kommt es, dass in Leipzig unbeachtet von den DDR-Oberen in den Gewölben eines alten Umspannwerks an einer Sensation gewerkelt wird: Ein Freizeittreff der Superlative - 14 Bowlingbahnen mit 84 Spielerplätzen. Zum Vergleich: Im Palast der Republik in Berlin konnte man auch Bowlen - aber nur auf acht Bahnen. Für den Leipziger Bowlingtreff waren außerdem mehrere Gastronomieeinrichtungen geplant, zwei Getränke- und eine Speisebar, fünf Billardtische mit 20 Spielerplätzen, sechs Spielcomputer vom Typ "Polyplay" und ein absolutes Novum in der DDR: Das erste Fitnesscenter des Landes mit zehn Trainingsplätzen.

Feierabendarbeit im alten Umspannwerk

Auch beim Material wurde geklotzt -  verbaut wurden Marmor, Eichenparkett und ein Glasdach. Die Baustelle wird im Oktober 1986 zum Jugendobjekt der Freien Deutschen Jugend erklärt und Wettbewerbe unter allen beteiligten Bau- und Ausrüstungsbetrieben organisiert. "40.000 Stunden Arbeitszeit geleistet von 6.675 Personen" stecken am Ende in dem Bau, fasst der Rat der Stadt, Abteilung Erholungswesen, später den Arbeitsaufwand zusammen. Der Bau mit seiner lichtdurchfluteten Eingangshalle entspricht in keiner Weise der Formsprache der DDR-Architektur. Architekt Winfried Sziegoleit, dessen Entwurf damals umgesetzt wurde,  ist bis heute verblüfft, "Ich konnte zum ersten Mal einfach bauen, wie ich wollte", sagt er 2015 in Thomas Beyers und Adrians Dorschners Film "Bowlingtreff".

 Sein Bauwerk erinnert in nichts an den tristen Charme der gängigen DDR-Kegelbahnen. Im Gegenteil, das frühere, unterirdische Umspannwerk bietet für ein paar Stunden einen Ausstieg aus dem DDR-Alltag. Täglich konnten hier bei 15-stündigen Öffnungszeiten 2.000 bis 2.500 Gäste aus dem DDR-Alltag aussteigen, und sich - wenn auch nur für ein paar Stunden - in der noch so unerreichbaren großen, weiten Welt wähnen.

Und Ostberlin?

Die Ostberliner Regierung erfährt von Größe und Umfang des "Bowlingtreffs" erst kurz vor der Eröffnung im Juli 1987. Zeitgleich zu einem Sportevent der damaligen Zeit, dem  VIII. Turn-und Sportfest und der XI. Kinder- und Jugendsportspartakiade, wird auch der Bowlingtreff eingeweiht. Da sind die Kader aus Ostberlin ohnehin in der Stadt und müssen gute Miene zum prachtvollen Bau machen.  

Blick auf das achteckige Bowlingtreffgebäude, im Vordergrund steht eine kelchförmige Skulptur mit scheinbar schwebender Kugel darin.
Einst ein Prachtbau am Rande der Innenstadt - heute ein verlassener Ort, von dem noch keiner weiß, was aus ihm wird. Bildrechte: Weber/Kasten/Beyer&Dorschner

Warum war Leipzigs Bowlingtreff nicht wettbewerbsfähig - und warum das nur wenige bedauerten

Damit die DDR-Oberen den glamourösen Bowlingtreff nicht für sich okkupieren konnten, um sich in internationalen Wettbewerben mit "ihrem" Bauwerk zu schmücken, hatten die findigen Leipziger mit Weitblick gebaut: Die Bowlingbahnen entsprachen einfach nicht der Norm von 19,20 Meter Länge. Mit zu kurzen Bowlingbahnen konnten die DDR-Oberen keine folgerichtig fremden Lorbeeren einheimsen. So konnten die Leipziger fortan in luxuriösem Ambiente ein paar Stunden aus dem Alltag fliehen. 1997 wird der Bowlingtreff geschlossen. Das Haus verfällt zusehends und oft wundern sich Ortsfremde über den vereinsamten trostlos wirkenden Bau am Innenstadtring der Messestadt. Bis heute ist unklar, was aus Leipzigs legendärem Bowlingtreff wird.

Recherche: Thomas Beyer / Adrian Dorscher

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Fernsehen: MDR Dok: Bowlingtreff | Mo, 09.07.2018 | 00:00 Uhr