Blick in ein Lazarett im ersten Weltkrieg.
Verwundete wurden in den Lazaretten versorgt. Doch schon bald fehlte es dort an allem. Bildrechte: IMAGO

Gefangene im Ersten Weltkrieg Die Hölle von Sibirien

1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Schon in den ersten Wochen fallen den Armeen hunderttausende Gefangene in die Hände. Sie sind völlig überfordert mit den Massen; menschenwürdige Behandlung, wie sie die Haager Landkriegsordnung vorschreibt, kann kaum einer leisten. Stattdessen landen viele von ihnen in Gefangenenlagern und vegetieren unter katastrophalen Bedingungen vor sich hin. Die junge Elsa Brandström, eine junge Frau aus einem Diplomatenhaushalt, stellt sich dem Elend entgegen und geht in die Geschichte ein als "Engel von Sibirien".

Blick in ein Lazarett im ersten Weltkrieg.
Verwundete wurden in den Lazaretten versorgt. Doch schon bald fehlte es dort an allem. Bildrechte: IMAGO

Elsa Brändström, geboren in St. Petersburg, aufgewachsen in Schweden. Ihre Familie ist wohlhabend, der Vater ist ein Militärattaché, zum Alltag des jungen Mädchens gehören Bälle und Opernbesuche und andere gesellschaftliche Vergnügungen. Nur in einem unterscheidet sich ihr Zuhause von dem ihrer gleichaltrigen Freundinnen - Elsa durfte wie ihre Brüder ihre Meinung frei sagen und Jungen vorbehaltenen Vergnügungen wie dem Rodeln nachgehen. Elsa beschäftigen gesellschaftliche Unterschiede und Ungerechtigkeiten, sie beobachtet wie deutsche Kriegsgefangene in Güterwaggons nach Sibirien verfrachtet werden - Eindrücke, die Spuren hinterlasen. Elsa will Schwesternhelferin werden und tritt 1915 in das Rote Kreuz ein: Zunächst kümmert sie sich um russische Verwundete, dann um deutsche Kriegsgefangene.

Schon in jenem Jahr sind die zuständigen Stellen mehr als überfordert. Eigentlich gehen die Russen ganz ordentlich mit ihren Gefangenen um, solange es nur eine kleine Masse ist. Manche werden von ihren Fängern sogar bewirtet, Offiziere und Generäle rauchen zusammen.

Aber in den Hochzeiten des Ersten Weltkriegs, als hunderttausende Soldaten gefangen genommen werden, bricht das System zusammen. Die Versorgung der Gefangenen kann nicht mehr gesichert werden. Die Haager Landkriegsordnung besagt, dass Kriegsgefangene wie eigene Truppen zu behandeln sind, doch die Masse an Gefangenen macht das nahezu unmöglich.

Es mangelt an allem

So kommt es, dass Gefangene oft nicht nur ausgeraubt werden, sondern geschlagen und anschließend in völlig überfüllte Kriegsgefangenenlager gesteckt werden, deren Zustand katastrophal ist. Die Lager bestehen teilweise aus einfachen Holzhütten, teilweise aus Erdbaracken - Höhlen, die in den feuchten Lehm gegraben sind. Es mangelt an Betten, Decken und anständiger Kleidung. Manche Soldaten mussten in Sommeruniform durch den sibirischen Winter stapfen, andere haben sogar nur Schlafanzüge an. Kälte und Feuchtigkeit setzen den Gefangenen zu, viele sterben an Krankheiten wie Flecktyphus oder Durchfall.

Der lange Weg ins Lager

Bereits der Weg in die Lager ist für die Kriegsgefangenen eine Tortur, die viele nicht überleben. Nach der Gefangennahme müssen die Soldaten erst einmal Waffen und Papiere abgeben. Danach werden sie zu Marschkolonnen zusammengestellt und müssen zur nächsten Bahnstation laufen. Wer nicht mithalten kann, der wird mit der Peitsche vorangetrieben.

Unverwundete und Leichtverletzte, deren Wunden nicht am Marschieren hinderten, wurden gesammelt. Dann begann unter starker Bewachung der Fußmarsch nach Rußland hinein, und oft mußten täglich 20-30 km während mehrerer Wochen zurückgelegt werden,bevor ein Bahntransport möglich wurde.

Elsa Brändström: "Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien – 1914-1920

Die Reise im Zug ist ebenfalls beschwerlich. In Viehwaggons, auf Holzpritschen, werden die Gefangenen oft mehrere Wochen lang ins Russische Hinterland gefahren. Ungeziefer und fehlende Sanitäreinrichtungen machen die Reise zur Tortur. Die Verpflegung unterwegs ist kaum ausreichend. Bereits während dieser Fahrten brechen die ersten Epidemien aus - meist Flecktyphus. Wer am Bestimmungsort ankommt, der hat meist noch mehrere Kilometer Fußmarsch ins Lager vor sich.

Im Oktober 1915 reist Elsa Brändström das erste Mal mit dem Zug nach Sibirien. In Novo Nikolajevsk konfrontiert sie den Lagerkommandanten mit der Haager Landkriegsordnung. Die Zustände im Lager kommen der Ordnung nicht annähernd nach. Brändström übt Druck auf den Kommandeur aus und erreicht entscheidende Verbesserungen. Kranke werden von den Gesunden getrennt, sie organisiert über das Rote Kreuz Spenden aus Deutschland, Österreich, und Schweden warme Kleidung für die GEfangenen udn Decken. Im Lager Krasnojarsk schafft sie es sogar, die Sterblichkeitsrate von 80 Prozent auf 18 Prozent zu senken. Ihre Arbeit bringt ihr den Namen "Engel von Sibirien" ein.

Erst 1920 verließ Elsa Brändström Rußland. Sie setzte ihre Arbeit in Deutschland fort, wo sie ein Arbeitssanatorium für ehemalige "Sibirier" gründete. In Mittweida richtete sie ein Heim für Kinder verstorbener Kriegsgefanener ein. In den 1920er-Jahren wird sie fünfmal für den Friedensnobelpreis nominiert. 1929 heiratete sie Robert Ulich, mit dem sie 1934 in die USA auswanderte. Auch hier engagiert sich Elsa, die nun Brändström-Ulrich hieß, für Flüchtlinge. Am 4.März 1948 starb sie in Cambridge/Massachussetts.

Haager Landkriegsordnung Die Ordnung wurde 1907 verabschiedet und enthält Festlegungen zu verschiedenen Bereichen des Krieges. Ein wichtiger Teil beschäftigt sich mit dem Umgang mit Kriegsgefangenen.

Nach Artikel vier sind Kriegsgefangene menschenwürdig zu behandeln, und in Bezug auf Nahrung, Kleidung etc. wie eigene Truppen zu behandeln.

Die Massen an Kriegsgefangenen im ersten Weltkrieg machten es für die Parteien allerdings schwer, die Einhaltung der Ordnung zu garantieren.

Elsa Brändströms Erinnerungen "Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914-1920", Koehler & Amelang, Leipzig, 1927.

Zuletzt aktualisiert: 29. Oktober 2015, 15:46 Uhr