Leonid Breschnew und der Prager Frühling

Leonid Breschnew gab im August 1968 das Signal für die Invasion in der ČSSR. Über den sowjetischen KP-Chef und seine Rolle beim Prager Frühling gibt Susanne Schattenberg, Professorin für Zeitgeschichte und Direktorin an der Universität Bremen, in einem Interview Auskunft. Das Interview führte Nils Werner.

Leonid Breschnew und Alexander Dubcek
Leonid Breschnew und Alexander Dubček 1967. Bildrechte: imago/CTK Photo

Leonid Breschnew ist im Zusammenhang mit der Niederschlagung des Prager Frühlings sicher kein Mensch, dem man allzu große Sympathien entgegenbringt. Warum lohnt sich so viele Jahre danach trotzdem ein 660 Seiten langer Blick auf diesen Mann?

Susanne Schattenberg: Erst mal ist er nicht der Stalinist, den man sich so vorstellt. Er ist auch niemand, der von Anfang entschlossen ist, einzumarschieren. Breschnew, so glaube ich, verstand sich menschlich als jemand, der auf Leute zugeht und gerne zuhört. Von seinen eigenen Politbürogenossen wird er als sehr umgänglich beschrieben. Er kommt 1964 an die Macht, weil er sich unterscheidet von Stalins Terror und dem ausrastenden Chruschtschow. Breschnew wird zunächst geschätzt als jemand, der immer die Mitte suchte und sehr ausgleichend wirkte.

Für Ihr Buch sind Sie in kleine Provinzarchive in der Republik Moldau und in Kasachstan gefahren, haben aber auch als erste "Nicht-Russin" Gelegenheit gehabt, Hinterlassenschaften wie seine Notizbücher aus dem Präsidentenarchiv zu sichten. Was haben Sie erfahren über das Verhältnis Breschnew – Dubcek?

Susanne Schattenberg: Ja, Breschnew fährt persönlich im Dezember 1967 nach Prag auf Einladung der tschechoslowakischen Genossen. Dann ist er aber sauer, dass er über den wahren Anlass der Einladung getäuscht wurde. Sie haben Probleme in der Parteiführung und erwarten offenbar von dem sowjetischen Genossen, dass er entweder Antonin Novotny den Rücken stärkt oder grünes Licht gibt für dessen Ablösung. Breschnew erwidert, er wolle damit überhaupt nichts zu tun haben. Es fällt das berühmte: "Das ist eure Sache!", was sich nur auf die Kaderfrage bezieht. Später wurde es immer missverstanden im Sinne von: "Und was ihr politisch macht, ist auch eure Sache". Das hat er ganz sicher nicht so gemeint. In Dubcek sieht er sein Pendant: eine junge und halbwegs gutaussehende Parteihoffnung, die den starrsinnigen Altkader Antonin Novotny, ablöst.

In geheimen Aufzeichnungen beim Gipfeltreffen im März 1968 in Prag kann man lesen, dass Breschnew eine ganze Nacht mit Dubcek zusammengesessen hat und erst danach der Weg für Dubcek frei zu sein schien. Hat er ihn also erst so richtig auf den Weg gebracht?

Susanne Schattenberg: Breschnew hatte wohl den Eindruck, Dubcek sei ein sympathischer netter Mensch auf den man sich verlassen könne und der es wert ist, gefördert zu werden. Verbunden ist damit, dass es einen neuen Umgangs- und Politikstil gibt, aber nicht Reformprogramme und schon gar nicht, dass die Parteispitze anfängt, Kader auszutauschen.

Anfang Januar löst Dubcek Novotny ab, im März hebt Dubcek die Zensur auf und es kommt zu Umbesetzungen in der Regierung und im Parteiapparat. Wie war die Reaktion in den anderen "Bruderländern" - warum schaltet Breschnew etwa den ungarischen KP-Führer Janos Kadar ein?

Susanne Schattenberg: Breschnew schätzte Kadar sehr und schickt ihn oft vor, um mit Dubcek zu reden und ihm auf den Zahn zu fühlen. Kadar versucht lange zwischen Breschnew und Dubcek zu vermitteln. Während der polnische KP-Chef Gomulka - obwohl er ursprünglich gegen den Willen Moskaus eingesetzt wurde - schon als Hardliner gilt, den selbst Breschnew zu starrsinnig findet. Gomulka hat zu diesem Zeitpunkt einen ziemlich radikalen Wandel durchlaufen und steht im März 1968 wahnsinnig unter Druck, weil es Studentenunruhen in Polen gibt.

In der DDR reagiert Walter Ulbricht unverblümt und wirft Dubcek vor, er falle ihm in den Rücken: "Unsere Leute, die lesen Westpresse, hören Westradio und dann hören sie dort die ganze Zeit eure Reformer und laufen denen dann hinterher. Wie stellt ihr euch das denn vor? Das muss aufhören." Ulbricht zeigt keine Selbstkritik im Sinne von, die DDR müsse auch dazu beitragen, dass der unerwünschte Reformprozess nicht stattfindet.

Breschnew wollte Dubcek dann schnellstmöglich auf Linie bringen, die Option des Einmarschs stand früh im Raum. Obwohl die gerade auch im Moskauer Außenministerium früh erwogen wird, bleibt Breschnew zögerlich - warum?

Susanne Schattenberg: Breschnew dachte einfach in Kader-, also in Personalfragen. Er hält lange an Dubcek fest, vertraut ihm. Zweifel äußert Breschnew erstmals Anfang Mai, als er in der Parteiöffentlichkeit sagt: "Man hat den Eindruck, Dubcek sagt das eine und dann macht er doch das andere. Nichts von dem, was er uns zugesagt hat, hat er jemals umgesetzt." Für Breschnew ist es dann aber erst mal entscheidend, jemand Neues zu finden. Moskau sträubt sich also militärisch einzugreifen, solange man nicht weiß, wem man vertrauen kann. Breschnew wollte kein Vakuum und hatte Sorge vor dem Chaos ohne Spitze, der man vertrauen kann. Gomulka und Ulbricht hätten gerne schon viel früher militärisch eingegriffen.

Breschnew küsst Honecker. Gemälde von Dimitri Wrubel an einem Rest der Berliner Mauer.
Der berühmsteste aller Bruderküsse: Das Kunstwerk auf der Berliner Mauer zeigt den ehemaligen sowjetischen Staats-und Parteichef Leonid Breschnew und den EX-DDR-Staatschef Erich Honecker. Bildrechte: imago/McPHOTO

Bei der letzten großen Verhandlungsrunde mit Dubcek im August in Cierna verliert Breschnew kurz das Bewusstsein, eine Folge einer Überdosis. Denn der erste Mann im Kreml ist süchtig nach Schlaftabletten. Ist das eine Folge des Drucks und der Krise?

Susanne Schattenberg: Fakt ist, dass Breschnew sich persönlich verantwortlich fühlt. Denn wenn Dubcek abgesetzt werden muss, ist das ein bisschen auch sein Versagen, weil er sich auf jemanden verlassen hat, auf den kein Verlass war. Ich denke, das spielt schon eine große Rolle. Er sagt ganz klar, wenn wir die ČSSR verlieren, dann muss ich zurücktreten. Es gibt ein altes Gesetz, dass sich das Politbüro in Moskau selber gegeben hat: Wenn ein Staat auszubrechen droht, dann steht auch die Position des Generalsekretärs in Frage. Das wäre nicht nur ein riesiger Prestigeverlust, der Sozialismus verliert dann auch Mitglieder. Das wäre eine Schwächung gegenüber den Nato-Staaten.

Gleichzeitig empfinde ich es als positiv, dass Breschnew kein Hardliner ist. Dadurch, dass er unter Stalin gelitten hat, ist ihm Gewalt eigentlich zuwider, deshalb möchte er diesen Waffengang vermeiden. Er zögert, bis er den Eindruck hat, es gibt keine andere Lösung. Selbst nach dem Einmarsch versucht er Gewalt abzuwenden. Als es aus Moskau, der DDR und Polen die Aufforderung gibt, jetzt mit Panzern richtig reinzugehen und vor allem den zivilen Widerstand - wie in Budapest - mit Waffengewalt zu unterdrücken und zu beenden, erwidert Breschnew: "Nein, das machen wir anders."

Prof. Dr. Susanne Schattenberg ist Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen und seit Oktober 2008 Direktorin der Forschungsstelle Osteuropa, Forschungsschwerpunkt Sowjetunion, Chruschtschow und Breschnew; Susanne Schattenberg ist Autorin der 2017 erschienenen Biografie Leonid Breschnew, Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins.  

Über dieses Thema berichtet MDR Zeitreise auch im: TV | 14.08.2018 | 21:15 Uhr