Bruno Apitz
Bruno Apitz Bildrechte: dpa

Porträt Bruno Apitz und sein Roman "Nackt unter Wölfen"

1958 veröffentlichte Bruno Apitz seinen Roman über die Rettung eines Kindes im KZ Buchenwald. Das Buch wurde schnell ein Bestseller, nicht nur in der DDR. Der Roman orientiert sich an wahren Begebenheiten.

Bruno Apitz
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Er hat schon im Lager gewusst, lieber Gott, wenn du mich hier rauslässt, dann muss ich die Geschichte dieses Kindes aufschreiben für die Jugend.

So erinnert sich Kiki Apitz, die Witwe des Schriftstellers Bruno Apitz. Und tatsächlich: 1958 erschien Apitz’ Roman "Nackt unter Wölfen" im Mitteldeutschen Verlag Halle. Es ist die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines jüdischen Kindes, das von kommunistischen Häftlingen des KZ Buchenwalds auf wundersame Weise gerettet wird – eine Geschichte biblischen Ausmaßes. Das Buch avancierte schnell zu einem Bestseller, nicht nur in der DDR - in mehr als 30 Sprachen wurde es übersetzt und erreichte eine Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren. In der DDR war "Nackt unter Wölfen" bis 1990 Schullektüre – kaum ein Kind, das das Buch nicht gelesen hatte. Doch nicht nur das: Die Staats- und Parteiführung instrumentalisierte den Roman überdies als einen wesentlichen Bestandteil des antifaschistischen Gründungsmythos der DDR.

Die Geschichte des "Buchenwaldkindes" in Bildern

Stefan Jerzy Zweig 1945
Szene auf der Lagerstraße im KZ Buchenwald, aufgenommen nach der Befreiung des Lagers am 11. April 1945. Der kleine Junge auf der Aufnahme im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald ist Stefan Jerzy Zweig. Der jüdisch-polnische Junge ist eines von 900 Kindern, die das KZ überlebten. Sein Schicksal wurde durch den Roman "Nackt unter Wölfen" weltweit bekannt. Bildrechte: dpa
Cover des Buches "Nackt unter Wölfen"
1958 veröffentlichte Bruno Apitz, selbst acht Jahre lang Häftling in Buchenwald, seinen Roman über die Rettung eines Kindes im KZ. Das Buch avancierte schnell zu einem Bestseller und wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. In der DDR war "Nackt unter Wölfen" Schullektüre. Doch zwischen der Romanhandlung und dem tatsächlichen Schicksal Stefan Jerzy Zweigs gibt es erhebliche Unterschiede. Bildrechte: Aufbauverlag
Stefan Jerzy Zweig im Interview
2005 hat Stefan Jerzy Zweig im Eigenverlag seine Biografie mit dem Titel "Tränen allein genügen nicht" veröffentlicht. Das Buch enthält den authentischen Bericht des Vaters, den dieser 1961 für die Gedenkstätte Yad Vashem verfasst hatte. Dort beschreibt er die Wege seiner Familie vom Krakauer Ghetto bis nach Buchenwald bzw. nach Auschwitz. (Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Fernsehen: Thüringenjournal | 08.05.2018 | 19:00 Uhr) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Stefan Jerzy Zweig 1945
Szene auf der Lagerstraße im KZ Buchenwald, aufgenommen nach der Befreiung des Lagers am 11. April 1945. Der kleine Junge auf der Aufnahme im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald ist Stefan Jerzy Zweig. Der jüdisch-polnische Junge ist eines von 900 Kindern, die das KZ überlebten. Sein Schicksal wurde durch den Roman "Nackt unter Wölfen" weltweit bekannt. Bildrechte: dpa
Der Schriftsteller Bruno Apitz (u.a. "Nackt unter Wölfen") im Jahr 1975. Als Widerstandskämpfer gegen den Faschismus wurde er mehrmals verhaftet und war bis 1945 acht Jahre lang im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Bruno Apitz wurde am 28. April 1900 in Leipzig geboren und ist am 7. April 1979 in Berlin (DDR) gestorben.
"Ich habe mich schon im Lager mit dem Gedanken befasst, wenn ich einmal lebend herauskommen werde, dann will ich die Geschichte von der Rettung dieses kleinen Polenkindes schreiben", wird der Schriftsteller Bruno Apitz im Hörfunkfeature "Millionen lesen einen Roman" zitiert. Bildrechte: dpa
Dr. Ute Gebhardt im Gespräch mit Stefan Jerzy Zweig
Die Fernsehjournalistin Dr. Ute Gebhardt erzählt in ihrem Film "Das Buchenwaldkind oder Was vom Antifaschismus bleibt" die wahre Geschichte des Stefan Jerzy Zweig. Außerdem geht der Film der Frage nach, was nach dem Ende der DDR und der Zerstörung des Buchenwald-Mythos in den 90er-Jahren vom Antifaschismus bleibt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Stefan Jerzy Zweig 1945
Szene auf der Lagerstraße im KZ Buchenwald, aufgenommen nach der Befreiung des Lagers am 11. April 1945. Der kleine Junge auf der Aufnahme im Archiv der Gedenkstätte Buchenwald ist Stefan Jerzy Zweig. Der jüdisch-polnische Junge ist eines von 900 Kindern, die das KZ überlebten. Sein Schicksal wurde durch den Roman "Nackt unter Wölfen" weltweit bekannt. Bildrechte: dpa

Schon früh politisch interessiert

Bruno Apitz, 1900 in Leipzig als zwölftes Kind einer Arbeiterfamilie geboren, war schon früh politisch interessiert. Mit 17 kam er für neun Monate das erste Mal wegen "Antikriegspropaganda" gegen den 1. Weltkrieg in Untersuchungshaft, mit 18 musste er wegen "Landesverrats" anderthalb Jahre ins Gefängnis. In dieser Zeit begann seine Beschäftigung mit Literatur, er schrieb erste Gedichte. Aber er musizierte und schauspielerte auch. Vor allem aber war er ein politischer Mensch: 1927 trat er der KPD bei, übernahm verschiedene Parteifunktionen, und war als Vorsitzender der Leipziger Bezirksgruppe des "Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller". Mit der Machtübernahme der Nazis setzte sich sein Weg durch Gefängnisse und Zuchthäuser fort, bis er 1937 ins KZ Buchenwald deportiert wurde, wo er bis zur Befreiung im April 1945 Häftling blieb.

Der Roman

Nach 1945 wurde Apitz Gründungsmitglied der SED und arbeitete als Hörspielautor und als Feuilletonist bei der "Leipziger Volkszeitung". Das Sujet der Rettung des Buchenwaldkindes Stefan Jerzy Zweig hatte er dabei immer im Kopf. Zunächst wurde es von der DEFA, dem Filmstudio der DDR in Potsdam-Babelsberg, wo Apitz ab 1952 als Dramaturg arbeitete, als "unzeitgemäß" abgelehnt. Auch sein Antrag an den Schriftstellerverband, ein Darlehen zu bekommen, um seinen Buchenwald-Roman zu schreiben, wurde abgelehnt: Man sehe "keine Gewähr, dass der Autor den vorliegenden Stoff zum Roman gestalten kann", hieß es. Drei Jahre lang schrieb er auf eigene Kosten. Dann legte er das Manuskript dem Antifa-Komitee vor. Es wurde zensiert, und Apitz strich und veränderte geduldig. Unter anderem schilderte er ausschließlich den heroischen Widerstandskampf der Kommunisten im KZ Buchenwald. "Er machte Helden aus Menschen, die vielleicht gar keine waren", kritisiert der britische Historiker Bill Niven.

Er machte Helden aus Menschen, die vielleicht gar keine waren.

Der Historiker Bill Niven

Fiktion und Wirklichkeit

Zwischen den tatsächlichen Vorgängen um Stefan Jerzy Zweig und Apitz' Roman - der ja kein Tatsachenbericht, sondern ein künstlerisch gestaltetes Werk ist - gibt es einige Unterschiede. Die wesentlichen: In "Nackt unter Wölfen" wird das "Buchenwaldkind" in einem Koffer ins Lager gebracht und die SS weiß nichts von seiner Existenz. In Wirklichkeit war es mit seinem Vater unter den Augen der SS ins Lager gekommen. Bei Apitz sind es ausschließlich kommunistische Häftlinge, die dem Kind das Leben retten, der Vater spielt dabei keine Rolle. Tatsächlich aber war es der Vater, der seinem Sohn immer wieder das Leben rettete. Apitz erklärt das so: "Ich wollte keinen Vater im Roman haben, weil ein Vater sein Kind natürlich beschützen will. Aber wenn andere das tun, ist das etwas Heldenhaftes, etwas fast Übermenschliches." Ein weiterer und entscheidender Unterschied ist der sogenannte "Opfertausch". In Wirklichkeit war das "Buchenwaldkind" von der SS auf eine Transportliste gesetzt worden, Zielort: Auschwitz. Die Häftlinge konnten das Kind vor dem Abtransport retten, allerdings um einen grausamen Preis – ein anderes Kind wurde stattdessen in den Tod geschickt. Davon schweigt Apitz in seinem Roman, obwohl er von den tatsächlichen Ereignissen wissen musste.

Leidenschaftlicher Verfechter des Details

1963 verfilmte der DEFA-Regisseur Frank Beyer den Roman "Nackt unter Wölfen". Apitz verfasste das Drehbuch, spielte selbst eine kleine Rolle und war bei den Dreharbeiten immer anwesend. "Er war ein leidenschaftlicher Verfechter aller Details", erinnert sich der Schauspieler Armin Mueller-Stahl. "Er wusste schließlich, wie es in Buchenwald ausgesehen hatte. Und er war die ganze Zeit über dabei und kontrollierte uns. Eine bessere Informationsquelle konnte es nicht geben." Für ihn war es eine wunderbare Zeit, erinnert sich Kiki Apitz: "Das war ein Triumph für ihn. So etwas hat es im Leben meines Mannes nicht noch einmal gegeben, eine solche innere Genugtuung."

Nach dem Welterfolg seines ersten Romans hatte Bruno Apitz finanziell ausgesorgt. Von der SED wurde er fortan als Vorzeigedichter benutzt, was ihm allerdings lästig war. Anknüpfen konnte er an sein berühmtes Werk nie wieder. Zwar schrieb er noch einige Bücher, die Resonanz aber war gering. Besonders traurig stimmte ihn, dass sein Verhältnis zu dem realen Buchenwaldkind Stefan Jerzy Zweig stets unterkühlt blieb. "Mein Mann hätte gern einen Sohn in ihm gesehen", erinnert sich Kiki Apitz, "Aber das ergab sich leider nicht ..."

Bruno Apitz starb 1979 kurz vor seinem 79. Geburtstag in Berlin und wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt.

(zuerst veröffentlicht am 08.04.2010)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Nackt unter Wölfen (Spielfilm DDR 1963) | 09.04.2018 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. September 2018, 16:17 Uhr

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