Ostdeutschland SED-Erfahrung sorgt bis heute für Misstrauen gegen Staat

"Es gibt ein mentales Erbe der DDR." Das sagt Historiker Jörg Ganzenmüller und erklärt, wie ein echter Demokratisierungsprozess im Osten gelingen kann. Denn die persönlichen DDR-Erfahrungen der Ostdeutschen und die Erlebnisse des Umbruchs seit 1990 prägen bis heute. Es gibt Erinnerungskonflikte, die auch die aktuellen Debatten über Demokratie beeinflussen. Jörg Ganzenmüller ist Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Ettersberg und Sprecher im Forschungsverbund „Diktaturerfahrung und Transformation“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Eine lädierte Deutschlandflagge weht an einer Häuserfront im Wind.
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Ein ehrlicher Demokratisierungsprozess kann nur dann stattfinden, wenn eine echte, selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Diktaturgeschichte stattfindet. So lautet zumindest eine Ihrer Thesen. Wie soll das denn heute, 31 Jahre nach der deutschen Einheit, funktionieren?

Jörg Ganzenmüller: Da sind zunächst einmal die Westdeutschen am Zug, die ostdeutschen Erfahrungen anzuerkennen. Die Menschen im Osten haben nach wie vor das Gefühl, dass ihre Geschichte vor und nach 1989/90 in der gesamtdeutschen Debatte keine große Rolle spielt. Das ändert sich langsam. Ich mache die Beobachtung, dass ostdeutsche Perspektiven in den Medien zuletzt mehr Platz einnehmen. Und ja, im Osten selbst ist das Thema natürlich sehr präsent. Aber für einen Vereinigungsprozess wäre es wichtig, dass man im ganzen Land die Geschichte der DDR und der Transformation als einen Teil der gesamtdeutschen Geschichte begreift. Und nicht als die Geschichte von "denen da drüben".

Es ist wichtig, dass man im ganzen Land die DDR-Geschichte als einen Teil der gesamtdeutschen Geschichte begreift. Und nicht als die Geschichte von 'denen da drüben'.

Und dabei gibt es natürlich auch unangenehme Aspekte, die in Ostdeutschland weniger gern thematisiert werden. Niemand kommt unbescholten durch eine Diktatur. Viele haben sich notgedrungen angepasst, andere haben sich aktiv engagiert, wieder andere haben sich gewehrt und sind dafür bestraft worden. Über all diese Facetten des Lebens in der DDR muss offen und ehrlich gesprochen werden. Auch wenn es mitunter schmerzhaft und mit Scham behaftet ist, so ist eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Leben in der SED-Diktatur notwendig, um die Vorteile eines Lebens in der Demokratie zu erkennen, ohne dies gleich zu romantisieren.

Zu dieser Auseinandersetzung gehört auch, dass sich Osten und Westen bewusst machen, dass in Deutschland zwei Sichtweisen auf die Deutsche Einheit existieren: eine liberale und eine nationale.

Genau. Zum einen gibt es eine Freiheitserzählung, die den Umbruch von 1989 als Friedliche Revolution bezeichnet. Das ist die Erzählung über die Befreiung von der Diktatur, die mit den Massendemonstrationen beginnt, die Rolle der Runden Tische betont und die Selbstdemokratisierung der DDR in den Fokus rückt.

Das andere ist die nationale Erzählung, die versucht, das Jahr 1989 in eine deutsche Nationalgeschichte einzuordnen. Ausgangspunkt dieser Erzählung ist die deutsche Teilung, die durch die Wiedervereinigung überwunden und womit gewissermaßen ein Normalzustand wiederhergestellt wird. In dieser nationalen Erzählung steht der Mauerfall im Zentrum. Dabei ist schon der Begriff unscharf, denn die Mauer wurde von DDR-Grenzern geöffnet und ist nicht gefallen. Die Selbstbefreiung und die Selbstdemokratisierung des Ostens spielen in dieser Erzählung eine untergeordnete Rolle. Stattdessen tritt ab Frühjahr 1990 Helmut Kohl und die Bundesregierung als Hauptakteur eines Vereinigungsprozesses auf, der scheinbar geradlinig zum 3. Oktober führt.

Im Westen dominiert dieses nationale Narrativ. Im Osten existieren beide Erzählungen, aber hier ist die Perspektive der Akteure der Friedlichen Revolution natürlich wichtiger. Von deren Seite kommt auch die Kritik, dass die Leistungen, die 1989 erbracht wurden, marginalisiert werden. Und tatsächlich kommt die Leistung der Ostdeutschen in dem nationalen Narrativ kaum vor, insbesondere mit Blick auf die Selbstdemokratisierung im demokratischen Jahr der DDR zwischen November 1989 und Oktober 1990, aber auch im Hinblick auf die Integration in eine neue Gesellschaftsordnung. Stattdessen markiert die staatliche Einheit als erfolgreiche Überwindung der Teilung einen Endpunkt, dem allenfalls noch ein paar Anpassungsschwierigkeiten folgten. Eine solch einseitige Erfolgsgeschichte widerspricht den Umbruchserfahrungen vieler Ostdeutscher.

Zu sehen ist Prof.Dr. Jörg Ganzenmüller, Inhaber der Professur für Europäischen Diktaturenvergleich an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena
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Über den Interviewpartner Jörg Ganzenmüller studierte von 1992 bis 1999 Neuere und Neueste Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Wissenschaftliche Politik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Bis 2004 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Lehrstuhl für Neuere und Osteuropäische Geschichte. 2003 promovierte er bei Gottfried Schramm mit der Arbeit "Das belagerte Leningrad: Eine Großstadt in der Strategie von Angreifern und Verteidigern."

2004 bis 2010 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der FSU Jena. Im Rahmen eines Förderstipendiums am Historischen Kolleg in München 2008/2009 forschte er zum Thema Russische Staatsgewalt und polnischer Adel und habilitierte sich 2010 mit einer Studie dazu an der Universität Jena. 2010 bis 2014 vertrat er den Lehrstuhl von Joachim von Puttkamer für Osteuropäische Geschichte an der FSU Jena. Seit Dezember 2014 ist Jörg Ganzenmüller Vorstandsvorsitzender der Stiftung Ettersberg in Weimar. Seit 2017 ist er Professor für Europäischen Diktaturenvergleich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Eine weitere Theorie von Ihnen ist: Der Prozess, dass die Ostdeutschen überhaupt Demokratie oder auch Selbstdemokratie lernen konnten, wurden schon auf dem Weg zur Einheit gekappt. Woran lag das?

1989/90 gab es einen enormen Aufbruch in der ostdeutschen Gesellschaft. Wenn heute darüber gesprochen wird, dass Demokratie im Osten nicht angekommen ist, kann ich nur widersprechen. Die Ostdeutschen hatten vor 32 oder 31 Jahren eine klare Vorstellung von Demokratie. Ich erinnere an die Runden Tische, an Plenardebatten in der Volkskammer, an den Verfassungsentwurf, es wurde in kürzester Zeit die DDR demokratisiert. Dieser Weg der Selbstdemokratisierung wurde abgebrochen, indem der Geltungsbereich des Grundgesetzes auf Ostdeutschland erweitert wurde. Da gab es dann nicht mehr viele Möglichkeiten zum Ausgestalten einer ja bewährten demokratischen Ordnung.

Wenn heute von einem Demokratiedefizit als mentale Erblast der DDR gesprochen wird, so sehe ich das nicht. Das Problem scheint mir etwas anders zu liegen. Nicht wenige Ostdeutsche sehen einen großen Unterschied zwischen dem Staat und "dem Volk". Dieser Begriff "Volk" suggeriert eine politische Größe mit einem einheitlichen politischen Willen. Und der Staat erscheint quasi als Gegenspieler. Hier wirkt das große Misstrauen gegenüber dem untergegangenen SED-Staat fort. In einer Demokratie gibt es diesen Antagonismus jedoch nicht. Wir haben es nicht mit einem einheitlichen Volkswillen, sondern mit einer Gesellschaft zu tun, in der es unterschiedliche Interessen gibt, für die man einen Ausgleich finden muss. Und ein demokratischer Staat ist genau dafür da, diesen Ausgleich friedlich zu organisieren, er ist nicht der Gegenspieler "des Volkes", er wird ja von den Menschen, die in ihm leben, gemacht. Dieses Denken - Staat gegen Volk - ist natürlich nicht bei allen Ostdeutschen verankert und findet sich genauso im Westen. Trotzdem scheint mir die Skepsis gegenüber dem Staat hier ausgeprägter als im Westen, und das ist eine Folge der Diktaturerfahrung.

In einem Ihrer Vorträge sagen Sie, dass es im Zuge der Transformation ein sehr viel stärkerer Austausch der Eliten stattfand als bspw. in Polen oder Ungarn. Die Folge war eine De-Klassierung der Ostdeutschen, die bis heute anhält. Wie könnte man diese De-Klassierung lösen?

Zunächst einmal: Viele Länder im östlichen Europa haben nach Umbruchssituationen keinen westlichen Nachbarn gehabt, mit dem sie sich hätten vereinigen können. In Westdeutschland gab es einen großen Pool an Fachpersonal, das in Ostdeutschland in großer Zahl öffentliche Positionen übernommen hat, es fand ein recht weitgehender Elitenwechsel statt. Das war im östlichen Europa gar nicht möglich. In Polen streitet man sich deshalb heute darüber, ob nicht immer noch die alten Eliten zu großen Einfluss haben. Das ist eine Debatte, die wir immerhin nicht haben.

Ilko - Sascha Kowalczuk: "Die Übernahme" 6 min
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Bei uns verläuft die Diskussion anders. Aufgrund der Unterrepräsentation von Ostdeutschen in Führungspositionen fühlen sich mehr als die Hälfte der Ostdeutschen marginalisiert. Eine häufig geforderte Ost-Quote halte ich für keine Lösung. Allerdings hätte man in den vergangenen 30 Jahren zum Beispiel konsequent Bundeseinrichtungen in Ostdeutschland ansiedeln können, das passiert bis heute noch zu wenig. Da sind die westdeutschen Länder immer noch nicht bereit, einmal zurückzustecken.

Scheinbar wird doch ständig über den Osten gesprochen und geschrieben. Wäre ein Perspektivwechsel angebracht?

Na ja, eigentlich erst seit kurzem. Und wir müssen weiter über die spezifischen ostdeutschen Erfahrungen reden. Aber dies muss ein gesamtdeutsches Gespräch sein. Da müssen die Westdeutschen erst einmal zuhören, um die ostdeutschen Perspektiven kennen zu lernen und auch bereit sein, liebgewonnene Gewissheiten aus der Zeit der deutschen Teilung zu hinterfragen.

Na ja, eigentlich erst seit kurzem. Und wir müssen weiter über die spezifischen ostdeutschen Erfahrungen reden. Aber dies muss ein gesamtdeutsches Gespräch sein. Da müssen die Westdeutschen erst einmal zuhören, um die ostdeutschen Perspektiven kennen zu lernen und auch bereit sein, liebgewonnene Gewissheiten aus der Zeit der deutschen Teilung zu hinterfragen.

Wichtig ist aber auch: Es gibt nicht die eine ostdeutsche Erfahrung, sondern eine große Vielzahl. Innerhalb von Familien wird deshalb auch viel über die DDR gesprochen. Und dabei prägen die Transformationserfahrungen ganz maßgeblich das jeweilige Bild von der DDR. Das Familiengedächtnis, die Familienerzählungen, sind für die Nachfolgegeneration und deren Einstellung und Sicht auf die DDR und die Jahre der Transformation prägend. Es gibt zum einen positive Transformationserfahrungen und Menschen die das Ende der DDR als großes Glück empfinden. Zum anderen gibt es auch negative Transformationserfahrungen, die dann die DDR im Nachhinein positiver erscheinen lassen, als sie mitunter ursprünglich erlebt wurde. Beide Erzählungen prägen stark die Vorstellungen der nächsten Generation.

Die jeweilige Transformationserfahrung prägt das jeweilige DDR-Bild im Nachhinein unglaublich. Je schlechter die Transformationserfahrung, desto positiver die Erinnerung an die DDR. Je besser die Erfahrung, desto kritischer sieht man die DDR.

Interessant ist, dass es auch keinen Generationenkonflikt gibt, den wir sonst ja häufig bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Eltern sehen. Stattdessen herrscht eine große Solidarität innerhalb der Familien, insbesondere, wenn der politische Umbruch zu Brüchen in den Lebensläufen geführt hat.

Diese Debatte über eine Unterprivilegierung der Ostdeutschen wird uns so lange begleiten, solange Ostdeutsche das Gefühl haben, dass sie benachteiligt werden. Solange Menschen diesen Umstand für plausibel halten, müssen wir darüber sprechen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR | Mittagsmagazin | 04. Juni 2021 | 12:00 Uhr