Leipziger Rekordnationalspieler vor dem 1. Weltkrieg Camillo Ugi – der erste Star des deutschen Fußballs

Der Fußball - von der Bundesliga bis in die Kreisligen - geht in die Sommerpause. Bei der MDR-Zeitreise rollt der Ball aber weiter. Und zwar mit Einblicken in die Anfangszeit des deutschen Fußballs nach 1900. Mit Camillo Ugi (1884 bis 1970) wird der berühmteste deutsche Fußballer der Zeit bis 1914 vorgestellt.

1908 absolvierte die deutsche Nationalmannschaft das erste Länderspiel ihrer Geschichte. Der Leipziger Camillo Ugi stand mit 15 Einsätzen so oft wie kein anderer Kicker bis 1914 in der DFB-Auswahl, führte oft auch als Kapitän das Team. "Camillo Ugi war seiner Zeit weit voraus. Er war ein Ausnahmespieler und in seiner Spielweise als Abwehrspieler rustikal. Er war gefürchtet, aber immer fair", erklärt André Göhre. Der Fußballhistoriker hat sich mit dem Leben von Camillo Ugi beschäftigt und konnte dafür auf den Erinnerungsschatz und wertvolle Familiendokumente und Fotos der jüngsten Tochter des einstigen Stars zurückgreifen. Heidi Lehnert lebt heute noch immer in Markkleeberg bei Leipzig, wo auch Camillo Ugi in der zweiten Hälfte seines Lebens wohnte.

Im Handstand um den Tisch

Die 77-Jährige hat viel über ihren Vater in dessen jungen Jahren überliefert bekommen. Denn als sie geboren wurde, war dieser schon 56 Jahre alt: "Mein Vater pflegte ja immer seine Athletik und spazierte in den 1920er Jahren im Handstand um den Esstisch der Familie. Nach eigenen Toren soll er in seiner aktiven Zeit bis Mitte der 1920er-Jahre einen Umschwung auf die Torlatte gemacht haben und dann in den Handstand gegangen sein. Das wurde sein Markenzeichen." 

Ugi – ein Familienmensch

Nach seiner aktiven Zeit ab etwa 1925 widmete sich der Rekordinternationale vor allem seiner Familie mit den drei Töchtern und seinem Beruf. So arbeitete sich Camillo Ugi mit viel Fleiß vom einfachen Arbeiter zum Betriebsstellenleiter einer Leipziger Fabrik für Kinematografen hinauf.

In der DDR vergessen

Seine Bindung an den Fußball blieb eng. Er besuchte häufig die Spiele seines VfB Leipzig bis in die 1940er-Jahre, aber auch die der Nachfolgemannschaften zu DDR-Zeiten. "Da haben wir uns immer auf unsere schweren Fahrräder geschwungen und sind dann nach Probstheida geradelt", erzählt Heidi Lehnert. Freilich litt Camillo Ugi darunter, dass sein Namen im Osten mehr und mehr in Vergessenheit geriet. Der bürgerliche Fußball aus der Zeit vor 1945 samt seiner Protagonisten war in der DDR nur noch eine Randnotiz, weil einzig die Entwicklung des sozialistischen Sports zählte.

"Er wollte sich so gerne einbringen, weil er ja auch ein Theoretiker war, der viele taktische Überlegungen auch niedergeschrieben hatte. Er hat immer gesagt, als Trainer könnte ich bestimmt was bewirken. Aber das ist ihm nicht gelungen. Er hat sich mehrfach erfolglos beworben", erinnert sich Tochter Heidi.

Ehrengast beim DFB

Ganz anders im Westen. Dort lebte die Tradition des DFB nach 1945 weiter. Camillo Ugi, der als Rentner in den Westen reisen durfte, genoss es, zu vielen Länderspielen der DFB-Auswahl als Ehrengast eingeladen zu werden. Er durfte sogar Lehrgänge von DFB-Auswahlmannschaften besuchen. Nicht alles, was der dort zu Gesicht bekam, hat ihm gefallen: "Camillo Ugi hat sich einmal im Nachgang zu einer solchen  Reise empört gezeigt, dass man den Spielern dort beibrachte, wie man verdeckt foult oder Schwalben produziert," so beschreibt es Fußballhistoriker André Göhre.

Der Name Camillo Ugi wird fortleben …

Die Bedeutung Ugis für den deutschen Fußballs zeigte sich im intensiven freundschaftlichen Briefkontakt mit vielen westdeutschen Stars wie Fritz Walter oder Trainer-Legende Sepp Herberger. Dieser schrieb in seiner Kondolenz wenige Tage nach dem Ableben Ugis im Mai 1970 an dessen Ehefrau: "Solange es eine deutsche Fußballnationalmannschaft gibt, wird der Name Camillo Ugi fortleben. Mit dem Ausdruck tiefsten Mitgefühls ihr Sepp Herberger."

Späte Ehrung in seiner Heimat

Nach seinem Tod geriet Ugi dann im Osten völlig in Vergessenheit, bis sich Fußballenthusiasten auf die Spurensuche nach dem einst berühmten Fußballer machten. 2004 ehrte auch seine Heimatstadt Markkleeberg im Beisein seiner Tochter den großen Sohn der Stadt, indem das städtische Stadion seinen Namen bekam. Und seit Oktober 2017 trägt auch eine kleine Straße im Südosten Leipzigs den Namen des großen Fußballers. Ein knappes Jahrhundert nach seinen großen Fußballtaten wurde Camillo Ugi doch noch gebührend geehrt.


Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "MDR Zeitreise", am: TV | 30.05.2017 | 21:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2018, 16:40 Uhr