Erneuerbare Energien Ökostrom in der DDR: Das erste und einzige Windrad der Republik

Kohleausstieg, Fridays for Future und Energiewende sind in aller Munde. Doch wie setzt man die ambitionierten Klimaziele um? Erneuerbare Energien gelten als Lösung. Bis zum Jahr 2050 sollen 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus Wind, Sonne und Biomasse stammen. Was viele aber nicht wissen: Die Technik ist gar nicht so neu! Bereits zu DDR-Zeiten wurde Windstrom ins Netz eingespeist, wenn auch nur von einer einzigen Anlage. Dass es dazu überhaupt kam, ist zwei Windkraftpionieren zu verdanken.

Windrad Wustrow, 2014
Das Windrad in Wustrow, Mecklenburg-Vorpommern. Das Foto wurde 2014 aufgenommen. Bildrechte: imago images / Westend61

"Seit heute liefert die Windkraftanlage bei Wustrow auf dem Fischland als erste industriemäßig gefertigte Anlage Elektroenergie ans Netz", verkündete die Aktuelle Kamera, die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens, am 11. Oktober 1989 stolz. Der Weg dorthin – zur ersten und auch einzigen Windkraftanlage der DDR – war ein abenteuerlicher.

Idee aus dem West-Fernsehen

Dr. Klaus Jürgen Beel, einer der "Macher" der Anlage, leitete Ende der 1980er-Jahre den VEB Holzhandel Rostock. Eines Tages bekam er den Auftrag, Holzbohlen für Spundwände herzustellen, die in den Westen exportiert werden sollten. Dafür musste er die Holzbohlen jedoch mit viel Energie trocknen. Doch woher nehmen? Am gängigsten war es, Braunkohle zu verwenden. Wegen der großen Kohle- und Ascheberge, die dabei entstehen, kam das für Beel aber nicht in Frage. Er suchte nach Alternativen. Als er einen Bericht des NDR über Windräder in Dänemark sah, kam ihm die zündende Idee: Ein Windrad musste her.

Windkraftwerk 1 min
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Auch die "Aktuelle Kamera" berichtete vom ersten und einzigen Windrad der DDR.

Mi 10.03.2021 13:37Uhr 01:08 min

https://www.mdr.de/zeitreise/ddr/video-499202.html

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Genehmigung direkt vom Minister in der Raucherecke

Und so begann Beel damit, sich bei den Behörden zu informieren. Beim Energiekombinat Rostock fand er einen Gleichgesinnten: Otto Jörn, der damit beauftragt war, an alternativen Energiequellen zu forschen. Während Jörn in Dänemark nach der passenden Anlage suchte und schließlich eine für 440.000 D-Mark in Auftrag gab, überzeugte Beel die DDR-Führung von dem Projekt. Das war jedoch schwieriger als gedacht. Weil er von seinem Generaldirektor keine Genehmigung bekam, holte er sie sich am Rande der Leipziger Messe in einer Raucherecke vom zuständigen Minister. Um ans Ziel zu kommen, bedurfte es einer Trickserei: Ein Hamburger Holzhändler wurde damit beauftragt, das Windrad zu kaufen. Im Gegenzug bekam er Holz aus Rostock für die Hälfte des Preises. So konnten Beel und Jörn die strengen Auflagen der DDR-Außenwirtschaft umgehen.

Kann die DDR mit WIndstrom versorgt werden?

Bereits im Juni hatte Otto Jörn eine erste Testanlage in Rostock-Dierkow in Betrieb genommen. Drei Jahre lang hatten Hobbybastler sie in ihrer Freizeit errichtet. Die Windflügel stammten von einem Hubschrauber. Die 25 Meter hohe Anlage speiste ganze 55 Kilowatt ins Netz ein.

Mithilfe der Tests sollte ermittelt werden, ob die Windenergie für die Energieversorgung der DDR von Nutzen sein könnte. Als Standorte hatte man nicht nur die Küste im Blick. Laut Rostocker Energiekombinat hatte man festgestellt, dass die Nutzung des Windes als zusätzliche alternative Energiequelle nicht nur im Küstenbereich, sondern auch im Mittelgebirge ökonomisch vertretbar sein könnte.

Wiege der deutschen Windbranche

In der Bundesrepublik wurde bereits zwei Jahre zuvor, am 24. August 1987, in Kaiser-Wilhelm-Koog der erste Windenergiepark eröffnet. Der Ort an der Nordsee gilt als Wiege der deutschen Windindustrie. Dort hatten einige Landwirte bereits nach dem Ersten Weltkrieg damit begonnen, mit Windrädern Strom zu produzieren. Dafür stellten sie einfach eine ausrangierte Treckerachse senkrecht auf, setzten ein Windrad darauf und stellten einen Generator darunter. In den frühen 1980er-Jahren wurde dann auch die hoch subventionierte Probeanlage "Growian" in den Betrieb genommen. Mit gigantischen Maßen: 100 Meter hoch reckte sich der Turm, 100 Meter betrug die Spannweite des 13 Tonnen schweren Rotors.

Bundesregierung fördert alternative Energien

Nach der Wiedervereinigung wurden die Bestrebungen zur Windenergie – in Ost und West – in ein Gesetz gegossen: Am 1. Januar 1991 trat unter der Regierung von Helmut Kohl das Stromeinspeisungsgesetz in Kraft. Dadurch wurden Energieunternehmen erstmals dazu verpflichtet, aus alternativen Energien gewonnenen Strom in ihre Netze einzuspeisen.

Knapp zehn Jahre später befeuerte die Bundesregierung den Ökostrom erneut – mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz, das am 1. April 2000 in Kraft trat. Aus der Windenergie ist mittlerweile eine bedeutende Branche geworden, auch wenn der Ausbau derzeit stoppt. Laut Branchenverband stehen bundesweit inzwischen fast 30.000 Windenergieanlagen in der Landschaft, die 2020 23,5 Prozent der deutschen Stromproduktion ausgemacht haben.

Kein Ende in Sicht

Das erste Windrad der DDR dreht sich heute immer noch. Fast alle Originalteile sind noch erhalten. Obwohl es mit seinen 30 Jahren nun zu den Oldies unter den Windrädern zählt, will Klaus-Jürgen Beel, der es nach der Wiedervereinigung gekauft hatte, nicht abreißen lassen. Zudem bringt es heute noch gut 2.000 Euro im Monat ein.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Wissen | 21. Februar 2021 | 22:20 Uhr