Fischverkäuferin mit einem Karpfen (DDR, 1985)
Bildrechte: IMAGO

Die DDR - kulinarisch

Essen und Trinken in der DDR - das lässt sich nicht reduzieren auf: "Bückware", Selbstversorgung, Schlangestehen, "Ham' wa nich'". Hinter 40 Jahren DDR steht weit mehr als das Arrangement mit der Mangelwirtschaft.

Fischverkäuferin mit einem Karpfen (DDR, 1985)
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Über die Jahre entwickelte sich in der DDR eine ganz eigene kulinarische Kultur - und die hat bis heute ihre Liebhaber. Verbunden mit der üblichen Portion Ideenreichtum entstanden Rezepte und Mahlzeiten, die auch Kochbücher des wiedervereinigten Deutschlands füllen. Schon die ersten Jahre der DDR sind geprägt von Selbstversorgung aus Garten und Landwirtschaft. Die Angebote in den Regalen stellen die verordnete "Grundversorgung" dar, bieten aber wenig Abwechslung und schon gar keine Exotik. Obst und Südfrüchte sind Mangelware. Also werden Äpfel, Erdbeeren und Pfirsiche einfach selbst gezogen. Das Kleingärtnern wird zu einer regelrechten Massenbewegung.

Geschichte

Mahlzeit DDR! Essen und Trinken im sozialistischen Deutschland

In der DDR ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln lange nicht so gut wie im Westen. Ab Mitte der 1960er-Jahre bessert sich die Versorgungslage. "Goldbroiler", "Kettwurst" und "Mocca Fix" machen das Leben lebenswerter.

Blick in ein Regal mit Nahrungsmitteln, wie Tempoerbsen, Hirse, Instantmilch und Reis, fotografiert am 18.12.2012 im DDR-Museum Pirna.
Ab Mitte der 1960er-Jahre klappt es mit der Lebensmittelversorgung in der DDR immer besser. Waren des täglichen Bedarfs füllen die Regale von "Konsum" und "HO". Bildrechte: dpa
Blick in ein Regal mit Nahrungsmitteln, wie Tempoerbsen, Hirse, Instantmilch und Reis, fotografiert am 18.12.2012 im DDR-Museum Pirna.
Ab Mitte der 1960er-Jahre klappt es mit der Lebensmittelversorgung in der DDR immer besser. Waren des täglichen Bedarfs füllen die Regale von "Konsum" und "HO". Bildrechte: dpa
Milchpulver Babysan von 1959, fotografiert am 18.12.2012 im DDR-Museum Pirna.
Auch für die ganz Kleinen gibt es etwas ... Bildrechte: dpa
Weiße und braune Eier in übereinandergestapelten Paletten.
Plötzlich gibt es auch Eier in Hülle und Fülle. Bildrechte: IMAGO
Mitarbeiterin in der Verpackungsanlage für Hühnereier in der LPG Oberschöna, aufgenommen 1986.
Dank "KIM". Das Kürzel steht für "Kombinat Industrielle Mast". In der Werbung auch gerne "Köstlich immer marktfrisch". Bildrechte: dpa
Grillhähnchen brutzeln am Spieß
KIM liefert auch die Goldbroiler, die der Fleischversorgung in der DDR einen ordentlichen Schub verpassen! Eine Adaption der westdeutschen Erfolgsgeschichte "Goldhähnchen". Bildrechte: IMAGO
Schwarzweißaufnahme: Menschen vor einem Goldbroiler-Restaurant in Dresden-Blasewitz.
Die "Goldbroiler" sind DER Renner. Sie werden ab 1967 in "Broilerbars" angeboten, die sehr modern und chic eingerichtet sind. Bildrechte: IMAGO/Bernd Friedel
Frau beißt in ein Brötchen, in dem eine Wurst steckt
Und man schaut sich noch mehr vom Westen ab. Ab Ende der 1970er-Jahre kann man in der DDR auch "Hotdogs" futtern. Dort heißen sie allerdings "Kettwurst". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Man beißt in einen Burger
Und ab Mitte der 1980er hält sogar der "Burger" Einzug in die sozialistische Gastronomie. Die "Grilletta" schmeckt den Leuten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Zwei historische Verpackungen für Makkaroni der Teigwaren Riesa GmbH aus dem Jahr 1958 stehen im Nudelmuseum der Firma in Riesa (Sachsen), aufgenommen am 18.11.2013.
Der Renner aus Riesa: Beliebt vor allem bei Kindern. Das weiß man auch in der Schulspeisung! "Makkaroni mit Tomatensoße" ... Bildrechte: dpa
Margarine der Marken Cama und Marella
Ebenso wie in Westdeutschland ist auch in der DDR Margarine lange Zeit sehr populär. Bildrechte: dpa
Gläser mit Paprikasalat
Und wenn es in den Läden trotzdem manchmal etwas mau aussieht: Konserven vom VEB Globus Leipzig und anderen Konservenherstellern sind fast immer zu haben. Bildrechte: dpa
An einer Packmaschine der Spreewaldkonserve Golßen GmbH zeigt die Mitarbeiterin Christine Hopfe zwei Gläser Letscho.
Das allseits beliebte ungarische Letscho wird noch heute produziert. Bildrechte: dpa
Fischverkäuferin mit einem Karpfen (DDR, 1985)
Damals gibt es noch in jeder Stadt einen Fischladen - mit frischen Süßwasserfischen und Fischkonserven vom VEB Fischwerk Sassnitz. Bildrechte: IMAGO
«Filinchen» Packung
Für Figurbewusste oder die kleine Mahlzeit zwischendurch: Filinchen vom VEB Gutena aus Apolda. Bildrechte: IMAGO
Brotaufstrich von Naschi und Nudossi
Auch Süßmäuler kommen in der DDR durchaus auch auf ihre Kosten. Wer 3 Mark für einen 200-Gramm-Becher "Nudossi" investiert, kann sich dem "Nutella"-Gefühl hingeben. Preiswerter, aber weniger hochwertig geht es auch mit "Naschie". Bildrechte: dpa
Pfefferminzbonbons und andere Lutschbonbons der Marke Konsü
Für langweile Schulstunden bewähren sich "Pfeffis". Manchmal isst der Lehrer sogar mit ... Bildrechte: dpa
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Jede Woche zweimal Fisch

Die Konsumgenossenschaft Halle eröffnet 1956 den ersten Selbstbedienungsladen des Landes, zwei Jahre später wird endlich die Lebensmittelrationierung auf Karten aufgehoben. Passend dazu startet im gleichen Jahr Kurt Drummers beliebte Sendung "Der Fernsehkoch empfiehlt", kurz danach bereichert auch der "Tip des Fischkochs" Rudolf Kroboth die Bildschirme. Hervorragende Fangquoten der Fischereiflotte machen’s möglich. Das Motto: "Jede Woche zweimal Fisch - hält gesund, macht schlank und frisch." Diesem Motto bleibt auch das erste Restaurant der Kette "Gastmahl des Meeres" treu, das 1966 in Weimar eröffnet wird. Es folgen weitere in Berlin, Leipzig, Rostock, Magdeburg, Jena und Erfurt.

Broiler - ein Klassiker wird geboren

Grillhähnchen brutzeln am Spieß
Ein DDR-Klassiker: der Goldbroiler Bildrechte: IMAGO

Die 1960er-Jahre bescheren der DDR auch einen kulinarischen Klassiker: den Broiler. Angeblich will die Regierung mit den gebratenen Hühnchen ein Pendant zum westdeutschen "Wienerwald-Hendl" schaffen. Tatsache ist, dass das Brathuhn im Osten schnell zum Dauerbrenner wird. Für die Geflügelproduktion werden Maschinen und Anlagen aus Jugoslawien und England importiert. In Königs Wusterhausen entstehen die ersten Gebäude des Kombinats Industrielle Mast, kurz KIM genannt. "Wir haben aus der ganzen DDR Jungfacharbeiter nach Königs Wusterhausen geholt", erinnert sich Agate Pegau, die in der Frischeierproduktion arbeitete. "Denn KIM Königs Wusterhausen war der Beispielbetrieb." Im ganzen Land entstehen weitere KIM-Anlagen. Das Motto für die Zuchttiere wird von offizieller Stelle ausgegeben: "Saufen, fressen, faulenzen - und trotzdem den Plan erfüllen". Ein Zuchtzyklus dauert 56 Tage.

Schwarzweißaufnahme: Menschen vor einem Goldbroiler-Restaurant in Dresden-Blasewitz.
Goldbroiler-Restaurant in Dresden Bildrechte: IMAGO/Bernd Friedel

Um die Brathühnchen an die Kunden zu bringen, sollen "Broilerbars" eröffnet werden. Zuvor haben sich die Zuständigen ein bisschen im Westen abgeschaut, wie Ernst Neubert, damals Aufbauleiter für industrielle Tierproduktion, heute erzählt: "Wir haben uns das bei ‚Wienerwald’ angesehen und danach mit dem Ministerium für Handel und Versorgung abgestimmt, wie die Einrichtungen sein müssen." Die ersten Goldbroilerbars werden im November 1967 in Berlin eröffnet. 1970 folgt in Erfurt mit der "HO-Gaststätte Goldbroiler" das erste Restaurant seiner Art.

Westfeeling im Delikat-Laden

Im Delikat in Karl-Marx-Stadt, Straße der Nationen, gab es eine reich geschmückte Ecke mit dem Geschenkedienst
Im Delikat in Karl-Marx-Stadt, Straße der Nationen, gab es eine reich geschmückte Ecke mit dem Geschenkedienst Bildrechte: MDR

Wenig später erfahren die Speisekammern der DDR-Bürger eine kulinarische Bereicherung - zumindest bei denen, die das nötige Klein- bzw. Westgeld haben: Jetzt darf auch der Ottonormalverbraucher in den Intershops einkaufen. Vorher war es verboten, Valuta zu besitzen - ein Erlass des Ministerrats hebt dieses Verbot schließlich auf. 1976 setzt der Staat noch eins drauf und richtet die "Delikat"-Läden ein. Sie bieten Lebensmittel aus Importen und aus der so genannten Gestattungsproduktion an. Die Preise sind wesentlich höher als in den Kaufhallen: Schokopulver acht Mark, Westschokolade sieben Mark, eine Dose Ananas zwölf Mark: "Delikat"-Lebensmittel auf dem Tisch zu haben, wird zu etwas ganz Besonderem.

Krise um das "braune Gold"

Das Angebot in den Kaufhallen und Konsum-Verkaufsstellen verbessert sich hingegen nur wenig. Neben den alltäglichen Engpässen bahnt sich Ende der 70er-Jahre eine regelrechte Krise an: Der Kaffee wird knapp. Die Regierung hatte wegen Devisenmangels den Import drastisch gekürzt. Das braune Gold ist plötzlich rar in der DDR. Aber deren Bewohner trinken gern und viel Kaffee - also improvisiert der Staat und bringt einen Ersatz auf den Markt: Der "Kaffeemix" soll die erhitzten Gemüter beruhigen. "Es kam die Idee auf, den Kaffee mit Mischkaffee zu strecken", erzählt Politbüromitglied Gerhard Schürer, Chef der Zentralen Plankommission, "zu einem Verhältnis von 51 Prozent Bohnenkaffee und 49 Prozent Surrogaten."

Kaffee-Mix Verpackung
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch landesweit verziehen Kaffeeliebhaber beim Genuss von "Erichs Krönung" das Gesicht. Die Zusätze Zuckerrübe und Zichorie schmecken nicht in der Kaffeetasse. Das Gebräu taugt nur für schlechte Witze und führt zu Protesten. Selbst der robuste DDR-Brühautomat "Kaffeeboy" kapituliert vor der brösligen Masse.

Kaffee-Röster Joachim Schacht erinnert sich: "Unsere wenigen Dienstwagen, die wir zur Verfügung hatten, waren natürlich entsprechend gekennzeichnet. Und es ist schon vorgekommen, dass wir auf der Straße angesprochen wurden nach dem Motto ‚Mein Gott, was bietet ihr uns denn da für einen Mist an?’". Eingaben türmen sich, von abführender Wirkung und anderen Nebeneffekten des "Kaffees" ist die Rede. Nach rund einem Jahr hat sich die Lage auf dem Weltmarkt glücklicherweise wieder entspannt: Vietnam steigert für die DDR die Kaffeeproduktion, die Preise für Rohkaffee sinken. In den DDR-Kaffeetassen landet wieder echter Kaffee.

Letscho gegen Trabi-Ersatzteil

Der anhaltende Devisenmangel sorgt auch in den Folgejahren für Engpässe - vor allem bei Südfrüchten, Gewürzen, Kakao und immer wieder beim Kaffee. Manches gibt es jetzt nur noch als Bückware - auch der Tauschhandel floriert. Da werden selbstgeerntete Erdbeeren aus dem Garten gegen Bananen getauscht, heißbegehrtes Letscho in Gläsern wird für ein Trabi-Ersatzteil herübergereicht.

Über tägliche Improvisation und Beschaffungskampf kann auch eine leichte Angleichung an Weststandards an anderer Stelle nicht hinwegtrösten: In der DDR gibt es jetzt "Fast Food" - entwickelt vom "Rationalisierungs- und Forschungszentrum Gaststätten". Die Grilletta wird als Gegenstück zum "kapitalistischen" Hamburger angeboten, die Ketwurst ist die ostdeutsche Antwort auf den Hot Dog. Gemeinsam mit dem guten alten Broiler schaffen sie schließlich nach der Wende sogar den Sprung in die Marktwirtschaft und werden fortan als Alternative zu etabliertem Fast Food angeboten.

(Zuerst veröffentlicht am 11.01.2010)


Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV-Magazin "Zeitreise Spezial", am: 28.01.2018 | 22:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2018, 15:47 Uhr