Dokumentarfilm "Der vergessene Schatz" "Kill your Darlings": Fünf Helfer, die Sie nicht im Film sehen

Diese fünf Menschen haben eine enorme Bedeutung für die einzigartige Kunstsammlung von Francisco Chagas Freitas – und somit auch für "Der vergessene Schatz" von Tom Ehrhardt. Trotzdem tauchen sie in der Doku nicht auf. Der Filmemacher stellt sie vor.

Seit Mai 2014 arbeite ich an einem Herzensprojekt: eine Doku, die jene Künstlerinnen und Künstler der DDR, die nicht realistisch gearbeitet haben, die nicht den Sozialismus illustriert haben, die aber das kulturelle Klima entschieden mitgestaltet haben, welches die Wende in Gang setzte.

Der Anstoß zum Film

Als ich einen brasilianischen Diplomaten traf, der in den Achtziger Jahren die größte bekannte Privatsammlung dieser Kunst angelegt hat, war mir klar: An ihm werde ich mich orientieren. Francisco Chagas Freitas wusste zu Beginn seiner Sammlertätigkeit nichts über Kunst. So wie er, habe auch ich mich neugierig in diese Welt begeben und mehr als 60 Künstlerinnen und Künstler, Galeristen und Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker interviewt – viel mehr, als in dem fertigen Film Platz haben.

Geschichte

Sammler Chagas Freitas in seiner Wohnung in Brasilia im Gespräch mit Regisseur Tom Ehrhardt
Sammler Chagas Freitas in seiner Wohnung in Brasilia im Gespräch mit Regisseur Tom Ehrhardt Bildrechte: MDR/Gustavo Hiroyuki Almeida

"Kill your Darlings"

Ich möchte Ihnen nun fünf Personen vorstellen, die aus dramaturgischen oder anderen Gründen, völlig unverschuldet, nicht im Film sind, obwohl sie eine enorme Bedeutung für die einzigartige Kunstsammlung von Francisco Chagas Freitas und deren Bekanntheit haben.

1. Alex Flemming, Künstler

In den 1980er-Jahren war der Sammler Chagas Freitas als Diplomat in Ost-Berlin beschäftigt. In dieser Zeit freundete er sich mit dem aufstrebenden brasilianischen Künstler Alex Flemming an. Sie wohnten sogar mehrere Monate zusammen in einer für Chagas allein zu großen Diplomatenwohnung in der Leipziger Straße und besuchten oft Museen und Galerien. Auf einer dieser Erkundungstouren entdeckte und kaufte Chagas die Landschaft von Max Uhlig, welche der Film als das erste Bild seiner Sammlung vorstellt. Was im Film nicht erwähnt wird, ist die Überzeugungsarbeit, die Flemming leistete, um seinen Freund zum Sammler zu machen.

Alex Flemming ist heute ein weltbekannter Künstler, dessen Einzelausstellungen neben Brasilien und Deutschland unter anderem auch in den USA, Kuba, Portugal, Ungarn, Australien und vielen weiteren Ländern zu sehen sind und waren. Er lebt und arbeitet in Berlin und São Paulo.

2. Mário Calábria, Botschafter a.D.

Es ist zu großen Teilen dem 2012 verstorbenen Mário Calábria zu verdanken, dass Chagas sich in den Achtziger Jahren einen derart großen Bekanntenkreis in der ostdeutschen Kunstszene aufbauen konnte. Der damalige brasilianische Botschafter in der DDR war ein begeisterter Sammler nonkonformer Kunst, der regelmäßig Feste für die Malerinnen und Maler in Berlin veranstaltete. Er war es, der den technischen Mitarbeiter Freitas – sicher auch aus eigenem Interesse – in den diplomatischen Rang eines Kulturattachées erhob. Nach seiner Pensionierung ließ Calábria sich nämlich in Westberlin nieder. Chagas wurde zu einer Verbindung in die DDR, aber auch zur Konkurrenz beim Sammeln, was das Verhältnis der beiden trübte. Wie sie zuletzt zueinander standen, ist unklar. Chagas spricht bis heute in den höchsten Tönen von seinem ehemaligen Chef. In Calábrias Autobiografie "Memórias" aus dem Jahr 2000 wird sein Schüler allerdings mit keinem Wort erwähnt.

3. Regina Stürmer, Ehefrau

Genervt, dass er seinen Deutschlehrer in Ost-Berlin außerhalb des Unterrichts nicht ansprechen durfte, entschied sich Chagas kurz nach seiner Ankunft in der DDR, lieber in Westberlin einen Sprachkurs zu besuchen. Dort lernte er am Goethe-Institut seine spätere Ehefrau kennen und lieben. Regina Stürmer verlegte ihren Wohnsitz später zu ihm nach Ost-Berlin. Erst dort erfuhr sie, dass auch bald Chagas' Tochter Ana und seine jüngere Schwester Inéz in die gemeinsame Wohnung einziehen würden. Während Chagas in den Jahren in der DDR auf seinen Sammelstreifzügen auch oft allein unterwegs war, kümmerte sich Stürmer um die beiden Mädchen. Bis heute hält sie das Leben und Wirken von Chagas zusammen und schafft es, ihm den Rücken zu stärken, während sie permanent die Hände über dem Kopf zusammen schlägt.

4. Martin Roth, Kulturwissenschaftler

Der 2017 verstorbene ehemalige Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und des Victoria & Albert Museums in London stieß 2010 per Zufall auf die Sammlung Freitas. Eigentlich wollte er nur das vom legendären Architekten Oscar Niemeyer entworfene Haus in Brasilia sehen, in dem sich Freitas' Wohnung befand. Als Roth dann die Kunst an den Wänden entdeckte, fasste er – laut Chagas – den Entschluss, die Wohnung so wie sie ist, als deutschen Pavillon für die Biennale in Venedig vorzuschlagen. Während dies nie passierte, schaffte es Roth jedoch, wichtige Personen aus dem Kulturbetrieb für die Sammlung zu begeistern und eine Serie von Beiträgen in der "Sächsischen Zeitung" anzuregen.

5. Birgit Grimm, Journalistin

Die Redakteurin der "Sächsischen Zeitung" besuchte Chagas in Brasilia und in der Folge auch einige Künstler der Sammlung in Deutschland, sowie den ehemaligen Botschafter Calábria. Zwar hatte unter anderem die "Frankfurter Rundschau" schon 2006 anlässlich der ersten, vielbeachteten Ausstellung der Sammlung Freitas in Brasilien über den Sammler berichtet, dank ihrer Ausführlichkeit war Grimms Beitragsserie von 2011 jedoch ein wichtiger Grundstein zur Recherche des "Vergessenen Schatzes" und die Unterstützung der Journalistin eine große Hilfe.

Über den Filmemacher Tom Ehrhardt, geboren 1978 im damaligen Ostberlin, arbeitet als Filmemacher, Journalist und Radiomoderator. 2002 begann er als Autor für die Musiksendung "Tracks" (Arte) zu arbeiten. Von 2007 bis 2014 moderierte er täglich die Morningshow bei Radio Fritz. Seit 2014 arbeitet er als freier Filmproduzent, Videojournalist und Radioreporter. Er produzierte 2016 eine Beitragsreihe über Rio de Janeiro während der Olympischen Spiele für das RBB Fernsehen und begleitete eine siebenwöchige Antarktisexpedition für diverse ARD-Radioanstalten. Ehrhardt wohnt in Berlin und São Paulo, Brasilien.

Über dieses Thema berichtete der MDR in "Der vergessene Schatz": TV | 19.01.20 | 23:05 Uhr