Biografie Walter Ulbricht

(1893-1973)

"Möge das Schicksal es verhindern, daß dieser Mensch einmal an die Spitze der Partei kommt. Man muß ihm nur in die Augen schauen, um zu wissen, wie hinterhältig und ehrlos er ist." (Clara Zetkin)

"Und wir alle, die wir den Frieden lieben, lieben dich, Walter Ulbricht, den deutschen Arbeitersohn." (Johannes R. Becher)

"Ulbricht ist und bleibt ein Bürokrat." (Ernst Thälmann)

Die "Gruppe Ulbricht" kehrt heim

Walter Ulbricht
Der Staatsratsvorsitzende der DDR, Walter Ulbricht, auf der internationalen Pressekonferenz am 15.06.1961 im Haus der Ministerien in Ost-Berlin. Bildrechte: dpa

Schon anhand dieser wenigen Äußerungen von Zeitgenossen über Walter Ulbricht wird deutlich, wie schwierig eine Einschätzung seines Wirkens sein kann, zu vielfältig waren sowohl die im Verlaufe seines Lebens wahrgenommenen Funktionen als auch seine Leistungen. Geboren wurde Ulbricht am 30. Juni 1893 in Leipzig.

Während der Zeit des Nationalsozialismus im sowjetischen Exil gut geschult, kehrte er am 30. April 1945 an der Spitze einer zehn deutsche Kommunisten umfassenden Gruppe nach Deutschland zurück. Als "Gruppe Ulbricht" in die Geschichte eingegangen, bestand deren Aufgabe zunächst vorrangig in der Unterstützung der sowjetischen Besatzungsmacht beim Aufbau neuer Verwaltungen in Berlin. Über die sowjetische Militäradministration nahm Ulbricht enormen Einfluss nicht nur auf die Besetzung wichtiger Verwaltungspositionen in Berlin, sondern auch auf die für die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) zu schaffenden Zentralverwaltungen.

Der Aufstieg zur Macht nach 1945

Als sich auf dem Vereinigungsparteitag am 21./22. April 1946 die KPD und die SPD zur SED zusammenschlossen, rückte Ulbricht zunächst einmal in die zweite Reihe. Was nicht heißen sollte, dass er keinen Einfluss mehr auf die Politik in der SBZ hatte. So war er beispielsweise von 1946-51 Abgeordneter des Landtags von Sachsen-Anhalt und arbeitete als Funktionär in den höchsten Parteiorganen der SED (bis 1973 als Mitglied des Parteivorstandes (PV) bzw. des Zentralkomitees (ZK) der SED, bis 1950 des Zentralsekretariats des PV, gleichzeitig als stellvertretender Vorsitzender der SED, von 1949-73 als Mitglied des Politbüros des PV bzw. ZK der SED, später dann von 1953-71 als Erster Sekretär des ZK und ab Juni 1971 als Vorsitzender der SED) und in hohen Verwaltungspositionen (1946/47 Mitglied des Rechts- und Verfassungsausschusses, 1948/49 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Volksrates, ab 1949 der Provisorischen Volkskammer bzw. der Volkskammer, 1949 Stellvertreter und 1955-60 1. Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates, 1960-71 Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrats).

Noch gegen einen eigenen deutschen Weg zum Sozialismus eingestellt

In dieser Zeit wirkte er vor allem innerhalb der Partei als ideologischer "Erneuerer" der SED, betrieb entscheidend deren Wandlung zur "Partei neuen Typus", indem er einerseits den Sozialdemokratismus und andererseits den Titoismus entschieden bekämpfte und gleichzeitig im Sinne des Parteivorstands vehement gegen einen eigenen deutschen Weg zum Sozialismus auftrat. Daneben kümmerte sich Ulbricht in der Folgezeit als Generalsekretär von 1950 bis 1953 bzw. Erster Sekretär des ZK der SED um nahezu jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens in der DDR.

17. Juni 1953

Durch den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 schien Ulbrichts Aufstieg gestoppt: Er musste unter dem Druck der Ereignisse und der sowjetischen Genossen einer ganzen Reihe von - in erster Linie wirtschaftspolitischen - Maßnahmen den öffentlichen Abschied geben. Bedingt durch den Aufstand und innerparteiliche Widerstände gegen Ulbrichts Machtfülle und Arbeitsstil hing dessen politische Existenz in diesen Tagen am seidenen Faden. Doch Ulbricht ging letztendlich sogar gestärkt aus diesen Auseinandersetzungen hervor, wobei die Unterstützung der sowjetischen Parteiführung eine entscheidende Rolle spielte. Mit deren Hilfe gelang es ihm, seine politischen Gegner auszuschalten und gleichzeitig durch taktisch geschicktes Verhalten, indem er teilweise selbstkritisch auftrat, neue Verbündete zu finden.

Fast unbegrenzte Machtfülle in seiner Person vereint

Nach Stalins Tod änderte sich auch das Selbstverständnis Ulbrichts. Hatte er bisher einen eigenen deutschen Weg des Sozialismus abgelehnt, strebte er diesen nun geradewegs an. Der vormalige Götzendiener des sowjetischen Systems mutierte schrittweise zum eigenständig wirkenden deutschen Politiker sozialistischer Provenienz mit dem Ziel, die Zentralgewalt von Partei und Staat auszubauen, wobei er selbstverständlich seine Person mit dieser Machtfülle verbunden sehen wollte. Mit Wilhelm Pieck stand ihm, wenn auch kaum noch handlungsfähig, eine Person im Wege, an der er nicht vorbei kam. Nach dessen Tod am 7. September 1960 jedoch war der Weg für Ulbricht frei:

Mit dem maßgeblich von ihm initiierten Gesetz über die "Bildung des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik" schuf er sich ein Gremium der "Über-Macht", als dessen Vorsitzender er sich dem Zugriff des Politbüros fast völlig entzogen hatte. Damit war Ulbricht auf dem Höhepunkt staatsrechtlicher Kompetenzen angelangt: In seinen drei Funktionen - Erster Sekretär des ZK der SED, Vorsitzender des Staatsrates der DDR sowie Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates (seit 11.2.60) - bündelten sich nahezu sämtliche Entscheidungsfragen von 16 Millionen Menschen in einer Hand. Ein Aspekt, der gut zehn Jahre später zum erbitterten Streitpunkt werden sollte.

Ulbrichts Abstieg

Ulbricht konnte nun seinen nach Stalins Tod begonnenen eigenständigen deutschen Weg gehen, was ihm in den Folgejahren so manche parteiinterne Schwierigkeiten und letztendlich seinen Sturz bescherte. Auch sein selbstbewusstes Auftreten gegenüber den sowjetischen Freunden mag für diese eine große Rolle gespielt haben, seinen Sturz zu unterstützen.

Opponenten um Honecker gewinnen die Oberhand

Ulbricht geriet mehr und mehr ins Abseits, und die Opponenten - Honecker, Stoph, Hager, Mittag u.a. - gewannen mit russischer Unterstützung die Oberhand. Nachdem die Opposition schon nach und nach die Gefolgsleute Ulbrichts unter teils fadenscheinigen, zumeist jedoch ideologischen Begründungen beseitigt hatte, plante sie unter Führung Honeckers den Sturz Ulbrichts. Hierbei sollte jedoch in der Öffentlichkeit keinesfalls der Eindruck eines Putschs entstehen. Man wollte Ulbricht von sich aus bewegen, um Entlastung als Erster Sekretär zu bitten. Am 3. Mai 1971 trat er offiziell aus Alters- und Gesundheitsgründen als Erster Sekretär zurück, behielt aber seine Funktion als Vorsitzender des Staatsrates. Inzwischen tatsächlich unter gesundheitlichen Problemen leidend, erleichterte er seinen Gegnern die weitere Demontage. Ulbricht vereinsamte nun sowohl politisch als auch privat. Seine früheren politischen Freunde hatten sich von ihm abgewandt und neue Freunde hatte er einerseits wegen seines nicht gerade einnehmenden Wesens, andererseits aber auch aufgrund seines engen Zeitbudgets nicht gewinnen können.

Sein Tod am 1. August 1973 hinterließ keine Lücke mehr, da er von allen Ämtern entkleidet worden war, und viele empfanden den Tag eher als Erleichterung.

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2006, 15:10 Uhr