1973 Meine Geschichte: Bayern München gegen Dynamo Dresden

Meine Geschichte: Horst Müller

Rückspiel im Achtelfinale des Europapokals 1973 in Dresden: Horst Müller ist einer der wenigen Dynamo-Fans mit einem Ticket. Trotzdem ist das Stadion voll. Auf den Rängen kontrolliert Bereitschaftspolizei die Fans. In unserer Rubrik "Meine Geschichte" lässt Horst Müller das Spiel Revue passieren.

Das Rückspiel

Achtelfinale im Europapokal der Landesmeister 1973: Nach einer knappen Niederlage in München wollen die Kicker von Dynamo Dresden nun beim Rückspiel vor heimischer Kulisse groß auftrumpfen.

Mit Glück und acht Ostmark ergattert der 23-jährige Horst Müller, selbst Fußballer in der katholischen Jugend, eines der begehrten Tickets.

Die ganze Geschichte

So viel Glück wie Fußballfan Horst Müller hat nicht jeder. Denn von insgesamt 30.000 Eintrittskarten für das Dynamo-Stadion kommen nur 8.000 in den freien Verkauf. Der Großteil geht an politisch zuverlässige Genossen und Sicherheitskräfte.

Auf keinen Fall sollen Ausreisewillige oder Regimegegner die DDR blamieren. Über das Ansehen des real existierenden Sozialismus machen sich Dynamo-Fans wie Horst Müller jedoch weniger Gedanken.

Für uns war damals das Sportliche eigentlich das wesentlich Wichtigere. In unserer Altersgruppe muss man dazu sagen, wir waren damals Anfang Zwanzig und da hat man viele Dinge noch nicht so tief gesehen, sondern mehr sportlich.

Horst Müller

Die DDR-Behörden zeigen weniger Sportsgeist. Stadion und Innenstadt werden systematisch abgeriegelt. Allein 3.110 Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sind am Spieltag, dem 7. November 1973, im Einsatz.

In der Nähe des Hygienemuseums waren sogar mehrere Wasserwerfer für den Ernstfall deponiert, was wenige mitbekommen haben. Gott sei Dank sind sie ja nicht zum Einsatz gekommen. Also, es lag schon von Anfang an in der Luft: Das hier ist etwas Besonderes - und auch etwas Heikles.

Horst Müller

Das merken auch die vielen Fans, die am Tag vor dem Spiel vergeblich auf die Bayern-Stars warten. Denn die Münchner Kicker übernachten aus Angst vor vergiftetem Essen und Abhörmanövern lieber hinterm antifaschistischen Schutzwall im bayerischen Hof. Erst am Tag des Spiels reisen sie in die DDR ein.

Horst Müller ist da schon auf dem Weg ins Stadion. Er will sich einen guten Platz sichern. Die Stimmung unter den Dynamo-Fans ist prächtig. Doch die Aufpasser im Publikum sind nicht zu übersehen.

Und da saßen Mann an Mann Bereitschaftspolizisten, in meiner Erinnerung alle im Trainingsanzug, und hatten blaue oder grüne Mützen auf und jeder Zehnte hatte eine rote Mütze. Und immer abwechselnd: Der eine saß mit dem Gesicht zu den Rängen, zum Publikum und der nächste mit dem Gesicht zum Spielfeld. Und aller zehn Minuten haben die Herrschaften mit den roten Mützen ein Zeichen gegeben und dann haben die Leute alle ihre Plätze getauscht. So dass man als Aufpasser auch mal auf das Spielfeld und nicht nur in die Ränge gucken konnte.

Horst Müller

Auf den Rängen bleibt es ruhig - auf dem Spielfeld allerdings nicht. Durch zwei frühe Tore bringt Uli Hoeneß die Bayern in Führung. Doch immerhin gelingt es den Dynamos, das Spiel noch einmal zu drehen. Am Ende steht es 3:3. Dynamo scheidet aus. Für Horst Müller wird das Ergebnis schon kurz nach dem Abpfiff zur Nebensache: Er sieht, wie Bundestrainer Helmut Schön vor dem Stadion den ostdeutschen Fans ein Päckchen zuwirft.

Die Leute haben sich natürlich gleich auf dieses kleine Päckchen gestürzt. So schnell konnte man gar nicht schauen, da war die Polizei mit Gummiknüppeln da und hat die Leute auseinandergetrieben. Und ich konnte es zufälligerweise beobachten, als das Päckchen aufplatzte, dass dort kleine Anstecker von Bayern München drin waren.

Horst Müller

Horst Müller erlebt, wie sein Heimatstaat auf die eigenen Leute losgeht.

Zumindest für mich war es das erste Mal, dass ich so was hautnah miterlebt habe, dass also Leute für Nichtigkeiten bestraft wurden. Und das hat schon für die Zukunft mitgeprägt.

Horst Müller

Die Fans haben einen großen Tag des deutschen Fußballs erlebt. Die Stasi stellt zufrieden fest: "Keine unkontrollierte Verbrüderung zwischen Ost und West". Doch aus Horst Müller wird an diesem Tag ein anderer.