Absatzkrise durch Währungsunion Bauernproteste im Juli 1990

Bauerndemo am 10.7.1990 in Leipzig – Bürger, hört die Signale!“
Bauerndemo am 10. Juli 1990 in Leipzig: "Unter dem Motto: 'Das Maß ist voll, die Milch läuft über!' versammeln sich eine knappe Woche nach der Währungsunion zum ersten Mal mehrere Hundert Bauern und Beschäftigte von Molkereien aus dem Leipziger Raum, um gegen den drohenden Kollaps ihrer Betriebe zu protestieren. Bildrechte: ddrbildarchiv.de/Ulrich Winkler
Bauerndemo am 10.7.1990 in Leipzig – Bürger, hört die Signale!“
Bauerndemo am 10. Juli 1990 in Leipzig: "Unter dem Motto: 'Das Maß ist voll, die Milch läuft über!' versammeln sich eine knappe Woche nach der Währungsunion zum ersten Mal mehrere Hundert Bauern und Beschäftigte von Molkereien aus dem Leipziger Raum, um gegen den drohenden Kollaps ihrer Betriebe zu protestieren. Bildrechte: ddrbildarchiv.de/Ulrich Winkler
Artikelsammlung
Der Protest in Leipzig schlägt Wellen. Alle lokalen Zeitungen berichten, aber auch ARD-Tagesthemen und Aktuelle Kamera. Die Aktion der Milchbauern ist das erste größere Beben. Die nächsten Wochen werden LPG-Bauern DDR-weit mit Aktionen, Protesten und Blockaden die Regierung massiv unter Druck setzen. Etwa jeder zehnte Erwerbstätige in der DDR ist im Sommer 1990 in der Landwirtschaft beschäftigt. Fast eine Million Menschen, deren Existenz mit dem 01. Juli massiv bedroht ist. Bildrechte: Privatarchiv
Absatzkrise bei der Milchproduktion
Die Tierproduktion ist der beschäftigungsintensivste Bereich der DDR-Landwirtschaft. Hier arbeiten überproportional viele Frauen. Sie gehören zu den ersten, die von der im Sommer einsetzenden Entlassungswelle in den LPG betroffen sind. Ein Grund: Ihr Produkt, die Frischmilch, erfährt mit dem 1. Juli die radikalste Preisentwertung. Lag der garantierte Erzeugerpreis für einen Liter Rohmilch vor dem 01. Juli bei 1,70 Mark, sind es jetzt nur noch 50 Pfennig (West). Mit der Währungsunion ist die 40 Jahre währende DDR-Politik der massiven Subventionierung von Agrarprodukten Geschichte. Bildrechte: DRA
Heißhunger auf West-Importe
Während in den Molkereien der DDR sich die Frischware türmt (allein im Bezirk Leipzig sind es am 10. Juli 700 Tonnen Butter, 400 Tonnen Milchpulver, 100 Tonnen Käse) und infolgedessen Frischmilchlieferungen der LPG nicht mehr angenommen werden, verzeichnet der Handel bei Milchprodukten Rekordumsätze. Die Kühlregale der HO und des Konsum sind ab Juli 1990 prall gefüllt: mit Westprodukten. Insbesondere Fruchtjoghurt westdeutscher Produktion ist der Verkaufsschlager. Der Verkauf von DDR-Joghurt tendiert Richtung Null. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Der Initiator des Bauernprotests am 10.7.1990 in Leipzig – Ernst Liebers
Der Initiator des Bauernprotests - Ernst Liebers - am 10. Juli 1990 in Leipzig. 1990 ist er bereits seit neun Jahren Vorsitzender der LPG "Vorwärts" in Greifenhain bei Geithain, ermuntert seine Kollegen zum Protest und organisiert die Sternfahrt nach Leipzig. Wie der 49-Jährige Journalisten damals mitteilt, habe er keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Da seine LPG - wie fast alle im Umkreis - keine Milch mehr an die Molkerei los wird, kann er keine Löhne mehr auszahlen und auch keine Kredite bedienen. Bildrechte: Privatarchiv E. Liebers
Die Agrargenossenschaft Greifenhain (früher LPG „Vorwärts“)
Die Agrargenossenschaft Greifenhain (früher LPG "Vorwärts"): Sie ist noch da. Und auch das Gebäude, in dem sich die aufgebrachten Bauern 1990 versammelten, um ihren Demo-"Schlachtplan" zu entwickeln. Um größtmögliche mediale Aufmerksamkeit zu bekommen und die Verfehlungen der Politik vor Augen zu führen, entscheiden sich die Bauern einen 10.000 Liter Milch-Tankwagen von der Molkerei in Frohburg zu borgen, um damit ein Zeichen zu setzen. Die Milch, die sie nicht mehr verkaufen können und eigentlich auf die Felder kippen müssten, soll in Leipzig vor der Bezirksbehörde in den Rinnstein fließen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
30 Jahre danach – Fund im Lager der heutigen Agrargenossenschaft
30 Jahre danach: Fund im Lager der heutigen Agrargenossenschaft. Vier der Schilder, die Ernst Liebers 1990 in der LPG für die Demo anfertigen ließ, kamen bei der Suche im Lager der Agrargenossenschaft zum Vorschein. "Chancengleichheit für DDR-Bauern" steht auf einem. Sie hätten damals in der Tat den Eindruck gehabt, dass die Politik den LPG "den Hahn zudrehen" wollte. Denn die vor dem 1. Juli versprochenen Anpassungsbeihilfen ließen auf sich warten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Bauerndemo am 10.7.1990 in Leipzig
Die Schilder 1990 im Einsatz. Nur zwei Tage später sind sie erneut zu sehen, als Molkereigenossenschaften aus dem Bezirk Chemnitz in Berlin direkt vor die Volkskammer ziehen und dort Lösungen fordern. Mehrere Molkereien stehen da bereits kurz davor, die Produktion komplett einzustellen. Die Krise, so viel wird sichtbar, hat nicht nur einzelne Regionen, sondern die Nahrungsgüterproduktion in der ganzen DDR erfasst. Bildrechte: ddrbildarchiv.de/Ulrich Winkler
Empörte Zuschrift an Ernst Liebers vom 11.7.90
Es sind nur ganze 100 Liter, die die Bauern am Ende der Leipziger Demonstration symbolisch ablassen. Doch die Aktion löst trotzdem massive Empörung seitens der Bevölkerung aus. Viele Zuschriften gehen bei den Lokalzeitungen ein. Einige erreichen Ernst Liebers aber auch direkt: "Ich möchte Sie fragen, ob sie noch ein Schamgefühl im Leib haben? (…) Ich kann ihre ‚Aktion‘ nur als das bezeichnen, was sie ist: Ein Verbrechen!" Dass man Milch, ein wertvolles Lebensmittel, einer Geste der Empörung halber öffentlich vernichtet, können viele nicht begreifen. Ebenso wie die Hintergründe der Not der Bauern und der überlaufenden Produktion. Bildrechte: Privatarchiv Ernst Liebers
„Sind Sie noch zu retten?! – weiterer Brief aus dem Juli 1990
Weiterer Brief aus dem Juli 1990: "Sind Sie noch zu retten?!" "Wie kommen Sie auf die hirnverbrannte Idee, die mit viel Mühe und Fleiß hergestellte Milch auf die Straße zu schütten? (…) Solange die Milch für 1,40 Mark pro Liter verkauft wird, brauchen Sie sich nicht zu wundern, dass sie die Milch nicht loswerden. Früher, in den schlechten sozialistischen Zeiten kostete sie 0,72 Pfennige." Dass die Bauern ihre Milch – falls sie überhaupt jemand abnimmt – ab dem 01. Juli nur noch für ein ganzes Drittel des alten Preises verkaufen können, wollen oder können viele nicht begreifen. Schließlich ist "ihre" Milch im Laden deutlich teurer geworden. Dass die neuen Gesetze des Marktes bei Konsumenten und Produzenten auf ganz unterschiedliche Weise wirken, ist eine Erkenntnis, die sich erst langsam Bahn bricht. Bildrechte: Privatarchiv Ernst Liebers
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