Landwirtschaft Bullensperma geschmuggelt: Die ersten Bio-Bauern der DDR

In der DDR-Landwirtschaft ist alles auf Größe getrimmt: große Maschinen ziehen über riesige Felder, Agrarflugzeuge bringen darüber Unmengen Pflanzenschutzmittel aus, in riesigen Ställen werden große Tierherden gehalten. Um alles noch effizienter zu machen, wird eine einheitliche Rinderrasse eigens für die DDR gezüchtet, die alle anderen Rassen ablösen soll. Industriemäßige Produktionsmethoden nennt man das offiziell. Doch nicht allen gefällt das. Eine Gruppe von Aussteigern und Öko-Revolutionären hat sich zum Ziel gesetzt, auch in der DDR Bio-Landbau zu etablieren. Sie schmuggeln sogar Bullensperma aus dem Westen, um eine zum Aussterben verurteilte regionale Rinderrasse aus dem Vogtland zu retten.

Michael Schwarzwälder und eine Frau im Gespräch
Kornelia Gellner und Michael Schwarzwälder schmuggelten Bullensperma über die innerdeutsche Grenze, um eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse in der DDR zu retten. Bildrechte: MDR

Es sind Szenen wie aus einem Agentenroman – die Geschichte vom Spermaschmuggel über die deutsch-deutsche Grenze Ende der Achtziger. Die "Täter" heißen Kornelia Gellner und Michael Schwarzwälder. Beide sind damals Außenseiter der DDR-Gesellschaft. Schwarzwälder betreibt gemeinsam mit Ehefrau und Freunden einen der ersten Bio-Bauernhöfe der Republik. Gellner ist eine "abtrünnige" Genossin, die Christin und Umweltaktivistin wurde und deshalb ihren Job in der Wissenschaft verlor. Die zwei Freunde wollen den Öko-Landbau in der DDR etablieren – und außerdem eine vom Aussterben bedrohte Rinderrasse retten: das Vogtländische Rotvieh.

Es gab einige Bauern im Vogtland, die hatten in ihren Ställen noch Rotvieh-Kühe, auch wenn sie schon ziemlich alt waren. Die passenden Bullen gab es aber nur im Westen. Da sind wir auf die Idee gekommen, man müsste eigentlich Bullensperma aus Westdeutschland besorgen. Das war aber auf legalem Wege überhaupt nicht möglich.

Kornelia Gellner

Sämtliche Anfragen und Eingaben werden abgeschmettert. Die Sache ist politisch und volkswirtschaftlich unerwünscht. Denn in der DDR wird seit den Sechzigern eine eigene, einheitliche Rinderrasse gezüchtet: das Schwarzbunte Milchvieh – Kühe, die auf maximale Leistung bei wenig Futter- und Arbeitseinsatz getrimmt sind, so wie es die riesigen LPGs überall im Lande brauchen. Für traditionelle Rassen wie das Vogtländische Rotvieh ist da kein Platz mehr, auch wenn sie für manche Bauern in der Region ein Stück Heimat bedeuten. Die Öko-Rebellen Gellner und Schwarzwälder wollen das nicht hinnehmen und beschließen, Bullensperma aus dem Westen in die DDR zu schmuggeln.

Spermaschmuggel zur Rettung einer Rinderrasse

Die Gelegenheit dazu bietet sich im Sommer 1989, als Michael Schwarzwälder zu einer Familienfeier reisen darf. Auf dem Rückweg nimmt er in einer Thermosflasche mit Stickstoff das Bullensperma mit. Um die Aufmerksamkeit der Zöllner von seinem Schmuggelgut abzulenken, packt er außerdem eine Menge Literatur ein, die in der DDR auf dem Index steht: Bücher über Gorbatschows Perestroika, die beim greisen Politbüro der SED für Herzrasen sorgt, weil man darin eine Gefahr für den Fortbestand des Sozialismus sieht. Die "Grenzorgane" tappen tatsächlich in die Falle und beschäftigen sich mit den Büchern statt mit dem Bullensperma.

Die Grenze kam, die Türe ging auf, eine Grenzerin kam und wühlte in meinen Büchern rum. Sie hat sich alle genau angekuckt, und ich sagte mir im Geiste: Such nur, such nur! Die Zeit verging und sie musste schließlich gehen, weil der Zug weiter fahren sollte. Und ich habe nur gefeixt. Ich habe mich so gefreut, wie wir die ausgetrickst haben.

Michael Schwarzwälder

Kornelia Gellner sitzt währenddessen auf heißen Kohlen, wartet die halbe Nacht am Telefon. Schließlich kommt der erlösende Anruf ihres Freundes vom Bahnsteig in Erfurt an: durchgekommen! Geller setzt sich sofort in ihren baligelben Trabant und rast zum nächsten Bahnhof, um das kostbare Schmuggelgut in Empfang zu nehmen.

Michael reichte mir diesen Stoffbeutel mit der Thermosflasche aus dem Zugfenster und ich musste so lachen, als ich die sah. Wenn man sie aufschraubte, kam da Qualm raus. Es sah wirklich aus wie Kaffee-Qualm, nur fiel der Stickstoff-Qualm nach unten. Ich bin dann ins Vogtland zurückgefahren, der Besamer wartete schon. Es war eine super Stimmung, wir haben uns alle so gefreut.

Kornelia Gellner

Ein Dreivierteljahr später kommt das Kalb Zitrone zur Welt. In der Zwischenzeit fällt die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze, die das Bullensperma auf derart abenteuerliche Art passieren musste. 1991 wird das Rothvieh-Kalb sogar auf der Grüne Woche in Berlin gezeigt. Es ist das Happyend einer Geschichte, die eigentlich schon viel früher ihren Lauf nahm. Denn die Spermaschmuggler Gellner und Schwarzwälder haben sich bereits Mitte der Achtziger kennengelernt – am Kirchlichen Forschungsheim in Wittenberg.

Grenzkonrolle im Zug an der innerdeutschen Grenze.
Zollkontrolle an der innerdeutschen Grenze. Michael Schwarwälder lenkte die Aufmerksamkeit der Kontrolleurin durch "subversive" Literatur vom eigentlichen Schmuggelgut Bullensperma ab. Bildrechte: BStU

Öko-Revoluzzer wollen Bio-Landbau in der DDR etablieren

Dort treffen sich etwa 30 Enthusiasten, die sich eine andere – ökologische – Landwirtschaft für die DDR wünschen, ganz anders als das staatlich verordnete Modell mit den riesigen LPGs, starkem Chemieeinsatz und "industriellen Produktionsmethoden". Die evangelische Kirche bietet in der DDR oft Zuflucht für kritische, unangepasste Geister, so auch hier mit der Gruppe "Landwirtschaft und Umwelt". Manche sind wie Kornelia Gellner richtige "Aussteiger" – studierte Agraringenieure, die nicht mehr so weiter machen wollen wie bisher.

Die normale DDR-Landwirtschaft habe ich im Studium erlebt: Im vierten Studienjahr hatte man ein Jahr Betriebsleiter-Praktikum. Da habe ich gesehen, wie die Menschen vom Boden und von den Tieren entfremdet wurden und eigentlich sich auch nicht mehr dafür verantwortlich fühlten. Diese großen Schweineställe, die es ja heute auch noch gibt, hatten für mich nichts mit einer verantwortungsvollen Tierhaltung zu tun. Die sozialistische Landwirtschaft wurde industriemäßig betrieben. Wir wollten das Gegenteil davon.

Kornelia Gellner

Sie diskutieren, entwickeln Konzepte, schreiben Eingaben und ecken an – auch bei der Stasi, die die Gruppe beobachtet. Kornelia Gellner schreibt an einem Ratgeber für die vielen Kleingärtner der DDR mit – gerichtet an diejenigen unter ihnen, die auf ihrer Parzelle ökologisch wirtschaften wollen. Es wird ein großer Erfolg. Das große Ziel der Gruppe ist aber, eines der drei Landgüter, die die evangelische Kirche in Sachsen auch in der DDR behalten durfte, auf Bio-Landbau umzustellen. Doch das scheitert, nicht zuletzt am Widerstand der Kirche, die auf die Einnahmen aus den Kirchgütern angewiesen ist und offenbar keine Experimente riskieren möchte.

Mähdrescher und ein Traktor auf dem Feld einer LPG, 1987
Landwirtschaft wird in der DDR industriemäßig betrieben: Traktoren und Mähdrescher ziehe kollonenweise über riesige Felder. Den Bio-Pionieren, die sich am Kirchlichen Forschungsheim in Wittenberg treffen, schwebt etwas anderes vor. Bildrechte: dpa

Privater Bio-Bauernhof in Goppeln bei Dresden

Michael Schwarzwälder geht einen anderen Weg. Auch er ist ein Aussteiger, denn eigentlich hat er Chemie studiert. Die Arbeit macht ihm Spaß, die enorme Umweltverschmutzung in der DDR stößt ihm aber sauer auf. Er träumt von einem eigenen Bio-Bauernhof – mit Pferden, Kühen und sauberen Feldern ohne Pestizide. Und als einer der wenigen Glückspilze aus der Truppe, die sich am Kirchlichen Forschungsheim in Wittenberg trifft, kann er sich diesen Traum tatsächlich erfüllen. 1983 gelingt es Schwarzwälder mit Freunden, einen Hof in Goppeln bei Dresden zu kaufen – allerdings nur die Gebäude, ohne Ackerfläche. Denn in der DDR kommt man nicht einfach so an Land! Fast alle landwirtschaftlichen Flächen gehören LPGs und volkseigenen Gütern.

Das Angebot war sehr begrenzt. Es waren nicht genügend Flächen vorhanden. Man war froh, wenn man irgendeine Ecke gefunden hat und sie dann nutzen konnte.

Michael Schwarzwälder

Doch Schwarzwälder hat Glück: Die örtliche Kirchgemeinde will ihre alte Friedhofsgärtnerei verpachten. Außerdem geht der Bio-Pionier bei der LPG Klinken putzen, um sogenannte Rest- und Splitterflächen zu bekommen – so bezeichnet man in der DDR Feldschläge, die ungünstig gelegen oder zu klein für die großen LPG-Maschinen sind. Bis 1989 kommen so zweieinhalb Hektar zusammen, die Schwarzwälder mit seiner damaligen Frau und einer befreundeten Familie zusammen bewirtschaftet.

Michael Schwarzwälder mit Kindern an einem Heuwagen
Michael Schwarzwälder mit Kindern an einem Heuwagen auf der Dorfstraße von Goppeln (aus einem 8-Millimeter-Film). Bildrechte: Michael Schwarzwälder

Private 8-Millimeter-Aufnahmen aus diesen Tagen vermitteln den Eindruck einer glücklichen Zeit: Schwarzwälder vor einer riesigen Heufuhre auf der Dorfstraße schreitend, Schwarzwälder mit Pferden und Kindern. Der Öko-Revolutionär kann endlich im Einklang mit der Natur leben und seine Familie selbst ernähren – gesund und ohne Chemie. Und seine Lebensmittel sind dank Mundpropaganda schon bald ein Begriff. Immer häufiger kommen Nachbarn vorbei, um Milch frisch von der Kuh oder selbst gemachten Käse zu kaufen. Es sind keine Unsummen, die man damit verdienen kann, aber dem Selbstversorger reicht es aus.

Es ging ja nicht so sehr um Reichtum oder ums Geldverdienen. Wir wollten einfach aufzeigen, es gibt eine andere Möglichkeit, gesunde Lebensmittel zu erzeugen.

Michael Schwarzwälder

Denn in den Augen der Öko-Pioniere, die sich damals regelmäßig in Wittenberg treffen, macht die DDR-Landwirtschaft nur in Propagandafilmen eine gute Figur, wenn jährlich von den Erfolgen der Ernteschlacht berichtet wird. Nach der Wende kann Michael Schwarzwälder Bio-Landbau dann endlich in größerem Stil auf 200 Hektar Land betreiben. Seine Freundin Kornelia Gellner geht in die Politik und wird Landtagsabgeordnete für die Grünen.

Ein Bauernhof, auf dem Michael Schwarzwälder arbeitet.
Auf diesem Hof in Goppeln bei Dresden konnte sich Michael Schwarzwälder zu DDR-Zeiten den Traum von einer eigenen Bio-Bauernhof realisieren. Bildrechte: Cezary Bazydło

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Zeitreise | 30. August 2020 | 22:00 Uhr