Zerstörtes Dresden nach dem 2. Weltkrieg
Eine Frau geht in einer Straße in Dresden an Häusern vorbei, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruinen geblieben sind. Bildrechte: dpa

GMD - Das Magazin | 03.02.2015 | 21:15 Uhr | mit Video Die Bombennacht: Zwei Dresdnerinnen erinnern sich an den 13. Februar

Zerstörtes Dresden nach dem 2. Weltkrieg
Eine Frau geht in einer Straße in Dresden an Häusern vorbei, von denen nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch Ruinen geblieben sind. Bildrechte: dpa

70 Jahre nach der Bombardierung Dresdens treffen wir für "Geschichte Mitteldeutschlands - Das Magazin" zwei Überlebende der Luftangriffe von 1945: Irene Bäger und Irmgard Kunze. Die Mütter der beiden wollten in der Frauenklinik im Johannstädter Krankenhaus ihre Kinder zur Welt bringen: Irmgard Kunze selbst und Irene Bägers kleine Schwester Helga. Die Frauenklinik wird von einer Bombe zerstört. Für Irene Bäger endet mit der Bombardierung und dem Tod der Mutter abrupt ihre glückliche Kindheit. Irmgard Kunze und ihre Mutter haben Glück: Sie überleben beide.

Die Geschichte von Irene Bäger

13. Februar 1945. Um 21:45 Uhr ertönt der Fliegeralarm in Dresden. Es ist Faschingsdienstag und Irene Bäger, geborene Krüger, ist erst fünf Jahre alt. Tagsüber hat sie sich als Rotkäppchen verkleidet und den Tag mit ihren Großeltern verbracht. Ihre Mutter liegt in der Frauenklinik des Johannstädter Krankenhauses. Es ist ein besonderer Tag für die Familie: Die kleine Schwester ist zur Welt gekommen. Als der Alarm losgeht, liegt Irene bereits im Bett. Ihre Großmutter weckt sie, zieht ihr hastig eine lange Hose über den Schlafanzug und bringt sie in den schützenden Keller. Dort harren sie mit den übrigen Hausbewohnern aus, warten darauf, dass der Luftangriff vorüber geht. In der ersten Angriffswelle wird das Wohnhaus der Großeltern verschont, doch gegen 1.30 Uhr fallen weitere Bomben.

Dann kam der zweite Angriff und der war viel schlimmer in der Johannstadt, also bei uns hier. (…) Und dann kam diese gelbe Flüssigkeit durch unsere Kellerfenster rein. Da wusste ich aber nicht, um was es sich handelt. Nur an die Grelle erinnere ich mich noch, und dass alle aufgeschrien haben und alle raus."

Irene Bäger, erlebte die Bombenangriffe als Fünfjährige mit

Im Keller ist es nicht mehr sicher. Die Großmutter packt Irene Bäger und flüchtet mit ihr nach draußen. Gemeinsam mit dem Großvater eilen sie zur Elbe und kommen am Johannstädter Krankenhaus vorbei - da steht die Frauenklinik bereits in Flammen. Eine Bombe hat den Keller, in dem die Mütter Schutz suchten, zerstört. Die Familie rechnet mir dem Schlimmsten. Eine Woche später wird Irenes Mutter tot aus den Trümmern geborgen.

Die Bilder der brennenden Klinik und die Angst, die sie als Kind während der Luftangriffe spürte, kann Irene Bäger bis heute nicht vergessen.

Die Geschichte von Irmgard Kunze

Währenddessen harrt Irmgards Mutter mit ihren Söhnen in einem Luftschutzkeller aus. Vor Schreck haben ihre Wehen ausgesetzt. Als sie am nächsten Morgen aus dem Keller hinaufsteigen, steht Dresden in Flammen. Die Familie will die Stadt entlang der Elbe verlassen.

Meine Mutter hat einen Kinderwagen genommen und hat da ein paar Sachen rein, Babywäsche rein, und meine Brüder rechts und links am Kinderwagen festgehalten. (…) Und dann sind die Richtung Elbe gelaufen, weil in der Stadt war alles so heiß und so verbrannt und so eine schlimme Situation, dass jeder gedacht hat: Nur ans Wasser, Luft!"

Irmgard Kunze, geboren am 15. Februar 1945
Irmgard Kunze auf dem Arm ihrer Mutter
Irmgard Kunze und ihre Mutter. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

An der Elbe angekommen, ist die schwangere Mutter zu erschöpft, um weiterzugehen. Ein junger Mann zieht sie mit seinem Leiterwagen aus der Stadt heraus. Die Mutter erreicht das Haus ihrer Schwiegereltern. Dort bringt sie am Morgen des 15. Februars Irmgard Kunze zur Welt. Mutter und Tochter sind wohlauf - sie haben Glück gehabt. Doch auch in Irmgard Kunzes Familie wird getrauert: Der Großvater hat sich kurz vor dem Fliegeralarm auf den Weg zu Irmgards Kunzes Mutter gemacht. Im Großen Garten verliert sich die Spur des Großvaters. Seine Leiche wird nie gefunden.

Also wäre sie gleich [ins Krankenhaus, Anmerkung der Redaktion] gegangen, wie man’s vielleicht gemacht hätte, dann wären wir beide tot. Von daher ist es halt auch Schicksal gewesen, dass sie gedacht hat: 'Ach wartest du mal noch ein bisschen'.“

Irmgard Kunze, geboren am 15. Februar 1945

Die Überlebenden aus der Frauenklinik

Für Irene Bägers Familie gibt es hingegen erfreuliche Nachrichten: Die Neugeborenen aus der Frauenklinik sollen überlebt haben. Die Suche nach Irenes kleiner Schwester Helga beginnt. Im März 1945 werden sie fündig: Helga soll in einer Klinik in Kreischa sein. Die Familie fährt los, um das Kind zu holen. Irene lernt nun endlich ihre kleine Schwester kennen.

Noch heute treffen sich Irene Bäger und andere Überlebende, deren Mütter in der Frauenklinik ums Leben gekommen sind. Sie haben sich als Gruppe unter dem Namen "Überlebende Kinder Dresden" zusammengeschlossen und eine Gedenktafel an der heutigen Uniklinik angebracht. Auf ihrer Internetseite berichten sie von ihren Erfahrungen, denn wie in jedem Krieg, sind meist Kinder die größten Leidtragenden.

Die Kinder aus der Frauenklinik. Ein rotes Kreuz auf dem Dach soll die Königliche Frauenklinik, damals sprach man vom Johannstädter Krankenhaus, vor Luftangriffen schützen. In der Nacht vom 13. Februar 1945 wird die Klinik dennoch von Bomben getroffen: 200 Menschen kommen ums Leben, darunter auch 45 Mütter, die kurz zuvor entbunden haben. Über 50 Neugeborene überleben die Nacht. Sie waren nicht im zerbombten Mütterkeller, sondern in der Kinderklinik untergebracht. Noch während die Stadt brennt, werden die Kinder auf einem dreckigen Kohleauto evakuiert. Viele Kinder sterben später an den Strapazen der Nacht. Im Chaos nach der Bombardierung wissen viele Angehörige nicht, was mit den Neugeborenen passiert ist.

Buchtipps Frederick Taylor
"Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945"
544 Seiten,
München: Pantheon Verlag 2004,
ISBN: 978-3-570-55059-5,
Preis: 14,95€

Rolf-Dieter Müller, Nicole Schönherr und Thomas Widera (Hrsg.):
"Die Zerstörung Dresdens 13. bis 15. Februar 1945
Gutachten und Ergebnisse der Dresdner Historikerkommission zur Ermittlung der Opferzahlen",
233 Seiten,
Göttingen: V&R Unipress 2010,
ISBN-10: 3899717732
ISBN-13: 978-3899717730

Zuletzt aktualisiert: 12. Februar 2017, 12:18 Uhr