Offene Grenzen
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Das Ende der DDR Der Sommer '89: Eine Zeit voller Ungewissheit und Aufregung

Im Sommer 1989 konnte man spüren, dass etwas passiert. Perestroika und Glasnost bahnten sich den Weg und das politische System wackelte. Ungewissheit gemischt mit Aufregung machten das Gefühl dieses Sommers aus. Die Zeitzeugen Heiko Schwarzburger und Uta Schorlemmer erinnern sich.

von Andrea Besser-Seuß

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Der sowjetische Staatschef Michael Gorbatschow hatte im Sommer 1989 einen demokratischen Prozess mit Meinungs- und Pressefreiheit angestoßen. In der ČSSR und Polen gingen die Menschen auf die Straße für mehr Freiheit und Demokratie. Am 2. Mai wurden in Ungarn symbolisch die ersten Grenzzäune abgebaut. Das blieb auch in der DDR nicht verborgen und gab der Reformbewegung neuen Schwung. Die Staatsregierung der DDR verschloss sich jedoch allen Reformbestrebungen.

In der Öffentlichkeit wurde stattdessen das Bild vom heilen Sozialismus aufrechterhalten. So verkündete zum Beispiel Staatschef Erich Honecker noch im Januar '89 auf einer Tagung:

Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird auch noch in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind.

Erich Honecker

Der Druck auf die Regierung wird größer

Doch Volkes Stimme wurde immer lauter, das SED Regime geriet immer mehr unter Druck. Die Leute hatten "die Nase voll" von Bevormundung und leeren Phrasen, sagt der Autor Heiko Schwarzburger. Der 54-jährige hat über diese Zeit, die er damals in Dresden verbrachte, in der Romanfolge "Die Glöckner von Utopia" geschrieben. Seine Romanfigur Fred fühlt sich zerrissen zwischen Anpassung und Rebellion in der Vorwendezeit. Schwarzburger verarbeitet dabei sein eigenes Erleben in dieser Umbruchzeit. Im Frühsommer dann wurde laut Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde (BStU) der Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze aufgehoben. SED-Generalsekretär Erich Honecker gab eine entsprechende Weisung mündlich an Egon Krenz, dem Sekretär des Zentralkomitee (ZK) für Sicherheit, der sie weiterleitete. Die neue Befehlslage galt auch für die Staatssicherheit.

Heiko Schwarzburger 2 min
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02:05 min

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Familie Schorlemmer: Von der Stasi verfolgt

Am 7. Mai fanden die Kommunalwahlen in der DDR statt. Da einige Bürgerrechtler Wahlbetrug witterten, machten sie vom §37 des DDR-Wahlgesetzes Gebrauch, der eine öffentliche Stimmenauszählung garantierte. So wurden erstmals Wahlfälschungen nachgewiesen.

Familie Schorlemmer
Familie Schorlemmer. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bei einer solchen Auszählung war die damals 18-jährige Uta Schorlemmer als Wahlbeobachterin mit dabei. In ihrer Heimatstadt Wittenberg stand sie gerade kurz vor dem Abitur. Bei einer Aktion wie bei der öffentlichen Auszählung dabei zu sein, war nicht ohne Risiko. Es konnte schnell dazu führen, dass man von der Schule flog. Außerdem hatte Schorlemmer wegen ihrer pazifistischen Einstellung sowieso schon ständig Ärger am Hals. Erschwerend kam hinzu, dass Papa Friedrich, der Friedenspfarrer Schorlemmer, als Bürgerrechtler und Oppositioneller unter Stasi-Beobachtung stand.

Über den Wahlbetrug in der DDR Egon Krenz hatte am 7. Mai 1989 als Vorsitzender der Wahlkommission ein Traumergebnis verkündet: Über 98 Prozent würden dem politischen Kurs der Herrschenden zustimmen. Über 99 Prozent hätten sich an der Abstimmung beteiligt. Doch die damalige Führung machte die Rechnung ohne die Bürger. DDR-weit hatten Hunderte von ihrem Recht Gebrauch gemacht, die Stimmauszählung an jenem Tag zu überwachen. Sie konnten nachweisen, dass die offiziellen Zahlen der DDR gefälscht waren.

Die Nacht, in der die Stimmung kippte

In der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 passiert etwas, dass die Menschen in der ganzen Welt schockiert: Das Massaker auf dem Tianamen Platz in China. Als die Staatsgewalt mit Panzern gegen friedliche Demonstranten auffuhr, die dort für Reformen und gegen Korruption auf die Straße gegangen waren, gab es in Folge der Unruhen hunderte Verletzte und Tote in der Stadt. Und die DDR-Regierung stellte sich hinter die chinesischen Machthaber.

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Gedränge an der offenen Grenze in Ungarn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer offiziellen Verlautbarung am 8. Juni hieß es: "Die Abgeordneten der Volkskammer stellen fest, dass in der gegenwärtigen Lage die von der Partei- und Staatsführung der Volksrepublik China beharrlich angestrebte politische Lösung innerer Probleme infolge der gewaltsamen, blutigen Ausschreitungen verfassungsfeindlicher Elemente verhindert worden ist [...]. Dabei sind bedauerlicherweise zahlreiche Verletzte und auch Tote zu beklagen." Spätestens jetzt stellten sich viele DDR-Bürger die Frage: Was wird bei uns passieren, wenn es zu Protesten kommt? Rollen dann sowjetische Panzer, wird die Staatsmacht schießen? Doch der Wunsch nach Freiheit war stärker als die Sorge. Im Sommer '89 wurde das deutlicher denn je.

Bleiben oder gehen?

Wie nah die Menschen schon an der Freiheit dran waren, konnte bis zu diesem Zeitpunkt niemand vorhersehen. Und da Ungarn die Grenzkontrollen gelockert hatte, standen einige plötzlich vor der Frage: Bleiben oder gehen? Am 19. August 1989 wurde mit Zustimmung ungarischer und österreichischer Behörden bei einer Veranstaltung in der Nähe der ungarischen Stadt Sopron ein Grenztor symbolisch für drei Stunden geöffnet. Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten dieses Schlupfloch zur Flucht in den Westen. Zuvor hatten bis zum Beginn der Sommerferien bereits 29 000 DDR-Bürger ihr Land verlassen. Diese Auswanderung von Leuten trug maßgeblich mit dazu bei, dass der Zerfall des Ostblocks nicht mehr aufzuhalten war.

Dass dieser Prozess mit dem Fall der Mauer und dem Übergang in die Bundesrepublik endete, gefiel längst nicht allen. Uta Schorlemmer fand die Grundidee des Sozialismus gut: "Insofern war diese ganze Ausreisewelle ein großer Angriff auf diese Idee , die man später Dritter Weg genannt hat. Das war die Idee, dass man in der DDR was anders machen kann und das aufgreift, was man 1968 in der ČSSR der 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' nannte."

Geschichte

Uta Schorlemmer 1 min
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Di 09.07.2019 14:01Uhr 00:31 min

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Über dieses Thema berichtet MDR Zeitreise auch im TV: 14.07.2019 | 22:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2019, 13:22 Uhr