Interview Besetzung der Erfurter Stasi-Zentrale: "ein welthistorisches Ereignis"

Gedenkstätten-Leiter Voit: DDR-Geschichte kommt in der Schule zu kurz

Jochen Voit leitet die Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße, die zu DDR-Zeiten Stasigelände war. Am 4. Dezember 1989 besetzten mutige Menschen die Erfurter Stasizentrale und verhinderten, dass Beweismaterial verbrannt wird. Für Voit ist das ein welthistorisches Ereignis, was viel mehr im Geschichtsunterricht thematisiert werden sollte. Denn immerhin waren die Erfurter schneller als die Berliner, die ihre berüchtigte Stasi-Zentrale in der Normannenstraße erst sechs Wochen später besetzten

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Am 4. Dezember 1990 stieg aus den Schornsteinen der Stasi-Zentrale in Erfurt Rauch auf. Die Bürger wussten: Hier werden Akten verbrannt! - und handelten. Bildrechte: mobyDOK

Herr Voit, die Erfurter Gedenkstätte Andreasstraße erinnert diese Woche an die Besetzung der Stasizentrale im Dezember 1989. Was haben Sie geplant?

Wir beginnen in diesem Jahr schon am 3. Dezember und werden auf unseren Social-Media-Kanälen ein Art Echtzeit-Ticker einrichten. Denn die Geschichte der Besetzung beginnt an diesem Tag vor 31 Jahren. Gegenüber der Erfurter Stasi-Zentrale liegt die Andreaskirche - die übrigens der Straße auch den Namen gegeben hat. Und vom Glockenturm dieser Kirche hatte man einen sehr guten Blick auf die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit und die Untersuchungshaftanstalt, wo sich heute die Gedenkstätte befindet. Ein Mitglied der Kirchengemeinde hatte damals schon am 3. Dezember 1989 beobachtet, dass von gegenüber unnatürlich viel Rauch aufsteigt. Jeder in Erfurt wusste, dass die Stasi nicht mehr mit Kohle heizt, sondern mit Gas. Da konnte man eins und eins zusammenzählen ...

... dass jemand die Stasi Akten verbrennt. Es gab damals auch eine Anweisung dazu, oder?

Dr. Jochen Voit
Historiker Jochen Voit leitet seit 2012 die GEdenkstätte Andfreasstraße in Erfurt. Vorher arbeitete er viele Jahre als Journalist. Bildrechte: Stiftung Ettersberg/ Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße

Genau. Da gab es ein ganz umfangreiches Papier aus Berlin vom Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit, wie die Stasi zu diesem Zeitpunkt hieß. Wolfgang Schwanitz hat in diesem Schreiben die Anweisung gegeben, Beweise zu vernichten. Es ging damals natürlich auch um das, was heute Informantenschutz heißt: Die Führungsoffiziere der Staatssicherheit hatten viele IMs unter ihrer Aufsicht, deren Identität nicht bekannt werden sollte. Und diese Beweise über die Personen wollte die Staatssicherheit verschwinden lassen. Eine weitere Idee hinter dieser Anweisung war es, Belege für Menschenrechtsverletzungen zu vernichten. Wir haben zum Beispie keinerlei Aufzeichnungen über die Strafmaßnahmen der Isolationshaft hier in der Andreasstraße. Wir haben Vermutungen, aber wir wissen es nicht und einiges wird sich nie aufklären.

Ihr Team hat für das historische Ereignis vom 4. Dezember 1989 eine eigene Homepage, eine Scrolldown-Doku, entworfen. Was wollen Sie damit erreichen?

Die Andreasstraße war ein Ort der Disziplinierung und Bestrafung in fünf politischen Systeme in Deutschland - von der Kaiserzeit bis zur Bundesrepublik. Doch in der DDR war sie vor allem ein Ort der Unterdrückung. Doch am 4. Dezember 1989 wird die Andresstraße zu einem Ort der Befreiung, weil die Leute ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Und ich habe das Gefühl, dieser Teil der deutschen Geschichte verkommt im Schulunterricht zu einer Fußnote. Und solche Onlineauftritte, wie jetzt zur Besetzung der Erfurter Stasizentrale, sind durchaus als Inspiration für Lehrkräfte gedacht.

Das klingt nach einer Kritik am Geschichtsunterricht ...

Ist es auch. Denn außerschulische Lernorte zur deutsch-deutschen Geschichte werden viel zu selten aufgesucht. Die Gedenkstätte Andreasstraße eignet sich ganz gut, um zu vermitteln, wie die DDR damals funktioniert hat: Wir zeigen, was typisch war für das Aufwachsen im östlichen Teil Deutschlands und welche "Risiken und Nebenwirkungen" es gab. Hier kann man erfahren, dass in Erfurt 5.000 bis 6.000 Menschen aus politischen Gründen eingesperrt waren. Und dann kann man darüber sprechen, was Diktaturen ausmacht und wie Demokratie funktioniert. Aber es gibt seitens der Lehrkräfte offenbar wenig Bedarf oder Interesse oder keine Zeit, DDR-Geschichte in der Schule intensiv zu behandeln.

Was meinen Sie damit?

DDR-Geschichte muss vielschichtiger behandelt werden und gerade solche Ereignisse wie die Besetzung der Stasi-Zentrale, gehören meiner Meinung nach in den Kanon welthistorischer Ereignisse. Das ist vergleichbar mit dem Christopher Street Day. Damals, im Sommer 1969, sind in New York zum ersten Mal Menschen aufgestanden gegen die Diskriminierung von Schwulen und Lesben. Und am 4. Dezember 1989 sind das erste Mal Menschen gegen die Bespitzelung und Einschüchterung durch die DDR-Geheimpolizei aufgestanden. Das war hier in Deutschland, in Erfurt, in der Andreasstraße. Deshalb nennen wir den 4. Dezember manchmal auch den Andreasstraßentag, anolog zum Christopher Street Day. Es war der Anfang einer Bewegung. Danach wurden überall andere Zentralen besetzt. Erfurt hat den Anfang gemacht. Aber das spielt im Geschichtslehrplan überhaupt keine Rolle! Das ärgert mich einfach, denn sonst lernen die Schüler allen möglichen Schmarrn. Aber die Besetzung der Stasi-Zentrale in Erfurt, das ist etwas, worauf man wirklich stolz sein kann. Nicht auf den Thüringer Wald, das Grün der Bäume und die Bratwurst, sondern darauf, dass sich Menschen selbst geholfen haben. Das finde ich wichtig, denn das war ein Meilenstein der Friedlichen Revolution.

Erfurter Bürger besetzen die Stasizentrale der Stadt.
Was mit wenigen Mutigen begann, endete mit vielen Bürgern, die den kompletten Zugang zur Stasizentrale verriegelten und die Akten sicherten. Bildrechte: Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.

Sie meinen, weil Zivilcourage wichtig ist?

Ja, auch. Der Wert von Zivilcourage wird unterschätzt. Wenn ich Vergleiche zu Sophie Scholl innerhalb der Querdenker-Bewegung höre, dann bin ich sprachlos. Wie können es sich Menschen rausnehmen, sich in eine Linie mit Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus zu stellen?! Oder ganz dreist die Parolen der Friedlichen Revolution zu übernehmen. Für niedere Zwecke. Das ist einfach nur geschichtsvergessen. Und das liegt auch an dem mangelnden Geschichtsunterricht in Deutschland. Ich berate mich daher aktuell mit dem Bund für Bildung, wo wir uns dafür einsetzen, dass an den Universitäten in der Lehrkräfteausbildung die deutsch-deutsche Geschichte mehr vorkommt.

Aber wenn kein Interesse seitens der Lehrkräfte vorhanden ist, wie soll man das ändern?

Vielleicht mit solchen interaktiven Formaten, wie man sie mittlerweile nicht nur in der Andreasstraße, sondern auch an anderen Erinnerungsorten ausprobiert. Oder zum Beispiel mit spannenden Graphic Novels. Der Zeichner Hamed Eshrat und ich waren erst vergangene Woche in einer Schule in Norddeutschland und haben unser Buch "Nieder mit Hitler oder warum Karl kein Radfahrer sein wollte" vorgestellt. Es geht um einen Jungen, der mit seinen Freunden 1942 Flugblätter gegen Hitler hergestellt hat und dafür ins Gefängnis kam. Auch später in der DDR ist er als Pfarrer immer wieder angeeckt und war ein Akteur der Friedlichen Revolution in Erfurt. Er hieß Karl Metzner. Diese Art der Geschichtsvermittlung funktioniert meiner Meinung nach ziemlich gut, bei unserer Comic-Lesung hatten alle Beteiligten viel Spaß. Man muss heute Formate finden, die junge Leute erreichen - am besten, man fragt sie selbst und lässt sie selbst Formate entwickeln.

Über das Projekt der Scroll-Doku Andreasstraße "Was geschah am 4. Dezember 1989 in der Andreasstraße?" ist eine Scroll-Dokumentation über die erste Besetzung einer Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in Erfurt. Schon zum 30. Jahrestag am 4. Dezember 2019 wurde das erste Teilstück im Projekt "Andreasstraße digital" online gestellt. Die Scroll-Dokumentation kombiniert Zeitzeug*inneninterviews, Akten, Fotos, historisches Filmmaterial und audiovisuelle Eindrücke zu einer komplexen Chronologie des Tages.
Das Projekt wurde realisiert durch MobyDok medienproduktion Alexander Lahl & Max Mönch GbR im Auftrag der Stiftung Ettersberg, Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße.

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Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 30.11.2019 | 22:10 Uhr