Erste freie Wahlen am 18. März 1990 Wahl 1990: Medienereignis mit Dimension der Mondlandung

Wenige Minuten bevor die Wahllokale schließen, beginnt die längste Live-Sendung in der Geschichte des DDR-Fernsehen am 18. März 1990. Die erste freie Volkskammerwahl in der DDR  ist ein Medienereignis mit der Dimension der Mondlandung. Vor dem Palast der Republik haben 50 Fernsehstationen ihre Technik aufgebaut um live dabei zu sein, wenn das Ergebnis verkündet wird. Der Superlativ, dass weltweit noch nie so viele Ü-Wagen an einer Stelle gestanden hätten, macht die Runde.

Wahlsendung zur letzten Volkskammerwahl DDR 1990, Miss Berlin 1 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Do 12.03.2020 12:58Uhr 00:49 min

https://www.mdr.de/zeitreise/video-390552.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

In Geschlechterfragen völlig unbekümmert trailert das DDR Fernsehen die Wahl zur Volkskammer mit dem Song "Neue Männer braucht das Land". Klar, die alten Männer hatten das Land zu Tode regiert und der Song passte in dieser Hinsicht ganz gut. Für die Frauenquote sorgte die frisch gekürte Miss Ostberlin die am Ende den Schwamm des Vergessens einsetzt. Vielleicht ist dieser Trailer noch ein Spätwerk des sozialistischen Surrealismus.

Ziel der friedlichen Revolution: freie und geheime Wahlen

An diesem 18. März 1990 hatte die DDR Bevölkerung es in der Hand darüber zu entscheiden, wie lange es die DDR noch geben würde, wie sie endet und was danach kommt. Damit erfüllte sich eine der Hauptforderungen der friedlichen Revolution: freie und geheime Wahlen. 24 Parteien und Vereinigungen waren zur ersten freien Volkskammerwahl angetreten. Die Krise in der DDR war so groß, dass die Wahlen sogar von Mai auf März vorgezogen wurden.

Im Wahlkampf ist ziemlich schnell klar, dass die beiden großen westdeutschen Volksparteien CDU und SPD das Rennen machen werden. Der "Runde Tisch" hatte sich zwar gegen das Engagement der Westparteien ausgesprochen, daran hält sich jedoch niemand. Es wird alles in den Osten geschafft, was man für einen Wahlkampf braucht: Slogans, Drucker, Computer, Kopierer, Plakate, Parolen und jede Menge vielfach erprobte Redner. Westliches Wahlkampf-Knowhow trifft auf die Ängste der Ostdeutschen. Soll die Einheit schnell kommen oder soll man in Ruhe überlegen? Soll die DDR einfach Teil der Bundesrepublik werden oder soll ein neues Deutschland mit neuer Verfassung entstehen? 

Überraschendes Ergebnis

Die DDR Bürger als nun freie Wähler sind überwiegend verunsichert. Es gibt kein Modell für das Scheitern des Sozialismus. Viele fragen sich: Was wird aus den niedrigen Mieten, den Arbeitsplätzen und der kostenlosen medizinischen Versorgung, wenn die D-Mark kommt? Die Fragen stehen noch immer im Raum, als das überraschende und sehr eindeutige Ergebnis verkündet wird. Die CDU erhält 40 Prozent der Wählerstimmen. Mit der Wahl ist entschieden, wer diese Fragen beantworten wird. Vielfach wird an diesem Abend die Hoffnung geäußert, Bundeskanzler Helmut Kohl möge all seine Wahlkampfversprechen einhalten.