Glitzer und Glamour "Die große Show der langen Beine" verschwindet nach 58 Jahren von den Bildschirmen

Federboa, Glitzerkleidchen und lange Beine: 58 Jahre lang war das Fernsehballett eine Institution im deutschen Fernsehen. Doch nun ist Schluss. Am 31. Oktober läuft die letzte Show. Gerade in der DDR hatte das Ballett ein Dauerabonnement am Samstagabend mit "Ein Kessel Buntes". Eine, die von Anfang an mit dabei war, ist Hadmut Fritsche.

Fernsehballett der DDR, 1986
Bildrechte: imago/Gueffroy

Hausfrauenballett, so hieß das erste staatliche Fernsehballett ganz am Anfang. "Und irgendwie hat das auch gepasst", erinnert sich Hadmut Fritsche. "Das hatte wirklich den Charakter von tanzenden Hausfrauen. Hupfdohlen, so hat man uns immer genannt." Von der ersten Stunde an war Fritsche mit dabei. Ganze 15 Jahre tanzte sie Soli und Halbsoli im Ensemble. Viele Jahre sah man sie in aufwendigen Kostümen im Fernsehen.

Jätzlau: "Gründe ein Fernsehballett"

Wie Fritsche zum Fernsehballett gekommen ist, erstaunt sie heute noch. "Das war Glück im Unglück", erzählt die Berlinerin. Denn Fritsche, damals Tänzerin an der Berliner Staatsoper, hatte sich mit der Ballettmeisterin Lilo Gruber überworfen. "Ich wollte da weg und habe einfach gekündigt." Allerdings ohne einen Plan B zu haben. Ein Irrsinn zur damaligen Zeit - gibt auch Fritsche zu.

Fernsehballett des DFF  - Günter Jätzlau (2.v.r.)
Der Gründer des Deutschen Fernsehballetts: Günter Jätzlau Bildrechte: dpa

Doch zur gleichen Zeit der Kündigung bekam der Solist Günter Jätzlau aus Weimar den staatlichen Auftrag, ein Fernsehballett zu gründen. Der Grund: 1961 kam der Produktionsleiter der Unterhaltungsabteilung des DDR-Fernsehens auf die Idee, ein eigenes Fernsehballett zu etablieren. Denn das Einkaufen von Tänzerinnen und Tänzer für Auftritte im Fernsehen war so hoch, dass die Finanzierung eines eigenen Ensembles billiger war. Und so bekam Jätzlau den Auftrag: "Gründe ein Fernsehballett." Doch dieser, so erinnert sich Fritsche, wusste nicht so recht, wo er Tänzerinnen und Tänzer herbekommen sollte und hörte sich an den bekannten Häusern um. Ein Kollege von Fritsche empfahl sie: "Bei uns hört eine auf, die ist genau richtig dafür."

Offizielle erste Tänzerin des Fernsehballetts

Als Fritsche dann im November 1962 in Adlershof anfing, war sie offiziell die erste Tänzerin des Fernsehballetts. Mit 750 Mark Gage. Ein Vermögen. Die Staatsoper, das sogenannte "Erste Haus am Platz" zahlte für damalige Verhältnisse schon gut mit 620 Mark. Aber die Fernsehgagen waren nicht zu schlagen.

Fernsehballett der DDR
Hadmut Fritsche zu Beginn der 1960er-Jahre. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Beim ersten Auftritt tanzte das Fernsehballett zu "Alle meine Entchen". Fritscher erinnert sich an heilloses Chaos in den Anfangstagen des Fernsehballetts: "Wir waren am Anfang acht Frauen, die aus den klassisch geprägten Häusern Palucca oder Leipzig kamen. Und dann sollten wir modernes Fernsehen machen?" Und auch Jätzlau sagte in einem späteren Fernsehinterview: "Wir waren nun mal das erste Fernsehballett und mussten daher unsere Fehler alle erst einmal selber machen."

Eine neue Ära des Showgeschäft

Mit der Gründung des Fernsehballetts wurde eine neue Ära des Tanzes eingeleitet. "Meine Vorstellung vom Fernsehballett war eigentlich eine ganz andere", erinnert sich Fritsche. "Ich kam ja aus der Klassik und in Adlershof wollten die die ganze Bandbreite bestückt: Revue, Kammertanz, moderner Tanz." Doch genau das war das Erfolgsrezept. Im Laufe der Jahre orientierte sich das Fernsehensemble immer an aufkommenden Tanz-Trends: Von Hip Hop bis Musical war alles mit dabei.

Fernsehballett der DDR
Der erste Auftritt im DDR-Fernsehen mit "Alle meine Entchen". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Fritsche war auch Emöke Pöstenyi von Anfang an mit im Team. Sie machte später mit der deutsch-amerikanischen Susan Baker - als Pendant zu den westdeutschen Kessler-Zwillingen Karriere. Mit diesem Duo verwandelte sich das sogenannte Hausfrauenballett in ein modernes, 20-köpfiges Show-Ensemble. In einem Fernsehinterview erinnert sich auch auch Emöke Pöstenyi an die Anfangszeiten: "Ich weiß noch, dass das alles sehr merkwürdig war für mich. Natürlich ist das Fernsehballett ein großer Unterschied zum Auftritt auf der Bühne."

Fernsehballett der DDR
Das Erfolgs-Duo Emoeke und Susan Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nachdem Walter Schumann, Choreograph am Berliner Friedrichstadtpalast, 1967 die Arbeitsbedingungen optimierte – er engagiere Kostümbildner, Musik- und Ballettmeister und organisierte einen größeren Probensaal – bekam das Fernsehballett seinen Glitzer-Glamour-Charakter, wofür es für viele Jahre berühmt war. Durch die Sendereihe "Ein Kessel Buntes", die ab 1972 über die Bildschirme flimmerte, wurde das Ballett zur beliebtesten Show des DDR-Fernsehens – auch und gerade durch Pöstenyi und Baker. Auch Fritsche trat zusammen mit den "Zwillingen" auf.

"Der Erfolg ging nur mit dem gesamten Team."

"Das war ein tolles Team", erinnert sich die heute 82-jährige Fritsche. "Da wurde immer geschaut, wo die Stärken liegen. Wir durften auch Soli tanzen. Klar waren die Zwillinge die Stars, aber ohne das Ensemble wäre das alles nicht gegangen. Der Erfolg kam nur durch das gesamte Team." Geprobt wurde täglich um die acht Stunden, die Aufzeichnungen fanden ebenfalls tagsüber statt.

Als die gebürtige Berlinerin 1977 mit dem aktiven Tanzen aufhörte, wurde sie Klub-Leiterin in Adlershof. "Wie jedes große Unternehmen der DDR hatte auch das Fernsehballett eine solche Einrichtung. Und da habe ich die Veranstaltungen gemanagt", so Fritsche. "Das war quasi ein Sechser im Lotto." Denn eine aktive Tänzerkarriere geht meistens nur bis Mitte 30, Anfang 40. Danach eine weitere Anstellung rund um das ehemalige Tanzensemble zu bekommen, ist ein Glücksgriff.

Fernsehballett der DDR
Das Fernsehballett startete mit acht Frauen. Mit dabei: Hadmut Fritsche in der Mitte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Hochs und Tiefs nach der Wiedervereinigung

Mit der Wiedervereinigung 1990 sah nicht nur das Klub-Haus, sondern auch das Ballett einer ungewissen Zukunft entgegen. Ein Jahr später übernahm Emöke Pöstenyi die künstlerische Leitung. 1998 befand sich das Ensemble wohl auf dem Quoten-Höhepunkt. In 40 TV-Produktionen hatte es über 140 Millionen Zuschauer erreicht. 2012 übernahm der Berliner Medienmanager und Fernsehproduzent Peter Wolf das Ensemble und erzielte bundesweit Rekordquoten mit  "Die große Show der langen Beine". Doch die Jahre danach waren immer wieder von Krisen geprägt. 2013 wurde bekannt, dass das Ballett aufgelöst werden soll. Doch durch prominente Stars wie David Garrett oder Florian Silbereisen konnte dieses Aus noch einmal verhindert werden.

Emöke Pöstenyi
Emöke Pöstenyi Bildrechte: MDR/rbb/credofilm

Doch nun ist die Zeit von Glitzer und Glamour endgültig vorbei. Das Fernsehballett scheint Geschichte. Für Hadmut Fritsche sowieso schon lange.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch ím TV: MDR FERNSEHEN | Das Deutsche Fernsehballett - Die große Show zum Abschied | 31. Oktober 2020 | 20:15 Uhr