Regisseur Jesper Clemmensen im Interview "Diese Familie muss unter riesigem Druck gestanden haben"

Jesper Clemmensen ist der Regisseur des Films "Letzte Hoffnung DDR - Vaters tödlicher Irrtum" aus der Sendereihe "Die Spur der Ahnen". Schon seit Jahren beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema "Flucht über die Ostsee", 2012 erschien in Dänemark sein Buch "Fluchtroute Ostsee". Im Interview berichtet er über seine Arbeit an diesem Film.

Wie sind Sie auf Christoph Senders Familiengeschichte aufmerksam geworden?

Das Thema "Flucht über die Ostsee" beschäftigt mich schon seit rund zehn Jahren. Damals erreichte mich eine Nachricht von einer deutschen Journalistin - es war nur ein Zettel, auf dem stand:  "Familie Sender, 8. oder 9. März 1977, drei Todesopfer, zwei gerettet von der dänischen Fähre M/F Dronning Ingrid". Das hat mich seit dem nicht losgelassen. Ich fragte mich: Wer waren diese Leute? Warum flieht man an einem März-Morgen 1977 aus der DDR, über die eiskalte Ostsee? Ich dachte gleich: Wer dieses Risiko auf sich nimmt, dem muss etwas Schlimmes zuvor widerfahren sein.

So viele Fragen gingen mir durch den Kopf. Dann begann ich 2009 mit den Recherchen zu meinem in Dänemark erschienenem Buch "Fluchtroute Ostsee" über Fluchtversuche aus der DDR nach Dänemark. Für mich war die Zeit gekommen, das Schicksal der Familie Sender aufzuarbeiten.

Was hat Sie am meisten an dieser Geschichte berührt?

Die Tatsache, dass eine ganze Familie über die Ostsee flieht. Dass auch Kinder dabei waren. Dass sich Eltern so stark unter Druck, so bedroht fühlen, dass sie sich selbst und ihre drei Kinder diesem Risiko aussetzen. Es ist vor allem dieser Gedanke,  der mich tief berührt und ich denke immer wieder und sehr oft daran. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich selbst zwei Töchter habe.  Ich glaube außerdem, dass ich mich auf eine ganz bestimmte Art mit dieser Familie auch identifizieren kann. Ich war 1977 gerade mal zwei Jahre alt, aber ich lebte nur 50 Kilometer weit weg von der DDR-Küste. Ich bin so oft mit der Fähre M/F Dronning Ingrid gefahren. Die Familie Sender und ihre Geschichte, all das war buchstäblich gar nicht weit entfernt von meiner eigenen Welt.  

Christoph Sender spricht in dem Film sehr offen über die dramatischen Ereignisse seiner Vergangenheit. Wie intensiv war die Zusammenarbeit mit ihm?

Christoph war von Anfang an sehr motiviert. Ich glaube, für ihn war es einfach an der Zeit. Er ist an einem Punkt in seinem Leben angekommen, an dem er bereit war, sich der Vergangenheit zu stellen. Und noch etwas anderes spielt für ihn eine Rolle: Seine Familiengeschichte zeigt auch, welche fatalen Auswirkungen das Leben in einer Diktatur hat. Indem er seine Geschichte erzählt, sorgt er auch für mehr Verständnis für die Vergangenheit. Wir haben bis heute viel Kontakt und haben gerade in der sehr intensiven Zeit der Dreharbeiten sehr viel über die damaligen Erlebnisse gesprochen. Dazu kommen natürlich die vielen Gespräche davor und danach.

Sie haben lange recherchiert. Was war für Sie das überraschendste Ergebnis der gemeinsamen Spurensuche mit Christoph Sender?

Auch wenn ich die Geschichte natürlich sehr genau kannte, bin ich doch immer wieder aufs Neue erstaunt, was damals tatsächlich vor sich gegangen ist. Wie sehr diese Familie unter Druck gestanden haben muss. Was sie erlebt hat, all diese Drohungen, diese Angst. Das wurde mir durch die Lektüre der Stasi-Akten sehr deutlich. Ich habe im Vorfeld viel über die Motive von Heinz-Georg Sender gerätselt. Aber die Wirklichkeit war schlimmer als das, was ich mir vorgestellt habe.

Christoph und Ulla Sender wurden von einem dänischen Frachter gerettet. Wie reagierte die dänische Öffentlichkeit damals auf die Ereignisse?

Die dänische Mannschaft auf der Fähre hat sich bei der Rettung wirklich sehr mutig verhalten. Was man vom "offiziellen Dänemark" nicht gerade behaupten kann. Leider musste ich feststellen, dass  das Thema in der dänischen Öffentlichkeit kaum behandelt wurde. Von offizieller Seite wollte man gar nichts sagen, das Thema wurde heruntergespielt.

Vielleicht aus Angst vor der Reaktion der DDR? Was aus heutiger Sicht verwunderlich ist, zumal ja auch die westdeutschen Medien sehr ausführlich berichteten. Die Reaktionen auf den Tod dreier Menschen fielen damals sehr scharf aus, das Thema war auch Teil einer politischen Debatte.

Wie lange haben Sie an diesem Film gearbeitet – und was waren die größten Herausforderungen?  

Die Geschichte war seit 2004 immer in meinem Kopf, richtig intensiv arbeite ich seit 2012 daran. Ich habe Christoph Sender zum ersten Mal im Sommer 2013 getroffen. Für mich war es natürlich schwierig, den ersten Kontakt aufzunehmen: Was sagt man? Tut man jemandem weh?

Und dann ist es natürlich auch immer eine große Herausforderung, mit den Antworten zu arbeiten - nicht alles, was man herausfindet, ist für die Angehörigen einfach. Aber Christoph war immer sehr offen. Christoph hat gewusst, dass sein Vater nie jemandem schaden wollte.  Am Ende wollte er seine Familie retten. Leider endete dieser Versuch in einer furchtbaren Tragödie.

Mann am Strand
Christoph Sender will wissen: Was trieb seinen Vater zu dem gefährlichen Fluchtversuch über die Ostsee? In Kajaks wollten sie Richtung Dänemark fliehen. Nur er und seine Mutter schafften es. Seine zwei Schwestern und sein Vater starben. Bildrechte: Jesper Clemmensen / MDR

Jesper Clemmensen Jesper Clemmensen ist der Regisseur des Films "Letzte Hoffnung DDR? Vaters tödlicher Irrtum" aus der Reihe "Die Spur der Ahnen". Er hat sich intensiv mit dem Thema "Flucht über die Ostsee" beschäftigt. 2012 erschien in Dänemark sein Buch "Fluchtroute Ostsee".

Der 38 Jahre alte Journalist ist an der dänischen Ostseeküste aufgewachsen und lebt heute in Kopenhagen. Seit 2001 arbeitet er als Autor und Regisseur für zahlreiche TV-Dokumentationen. Im Interview berichtet er über seine Arbeit an diesem Film.