1949 "Felle aus aller Welt - Pelzhandel in Leipzig damals und heute"

Der Brühl ist eine der ältesten und bekanntesten Straßen Leipzigs. Der Handel mit dem "Weichen Gold" brachte ihr den Ruf der "Weltstraße der Pelze" ein, zog sie doch hunderte von Händlern und Handwerkern an, die hier mit Tierfellen aller Art ihr Glück versuchten. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg brach der Handel nicht ein und bescherte der jungen DDR gute Gewinne.

Besucherinnen der Herbstmesse 1953 in Leipzig betrachten einen Pelz
Bildrechte: IMAGO

Das "Weiche Gold" ist ein Dauerbrenner, wenn es um Luxuskleidung aller Art geht. Die verarbeiteten Tierfelle waren schon in der Antike bekannt und zählen zu den ältesten Handelswaren überhaupt. Kaum ein anderes Produkt vereint bis heute so viele Eigenschaften auf sich wie der Pelz: Galt er in der Antike und dem Mittelalter als ein Ausdruck von Reichtum, Macht und als ein Zeichen von Standeszugehörigkeit, wurde er mit dem Beginn der Industrialisierung zur Massenware. Die Händler und vor allem die Produzenten, die Kürschner, wurden zu angesehen und gut situierten Männern. Die so genannten Rauchwaren hatten ihren Siegeszug um die ganze Welt angetreten.

Brühl - Die Weltpelzstraße in Leipzig

Steffen Held
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Industrialisierung und Gründerzeit bedeutete auch Reichtum und Wohlstand, den man mit nichts geringerem als dem beliebten Pelz zur Schau stellen wollte. Die "Brühl", das internationale Pelzzentrum mitten in Leipzig, wurde zu einem Inbegriff des gesamten Rauchwarenhandels, sie stand mit einem Wort für eine ganze Branche. Dies war vor allem auf den regen Handel in der Messestadt und auf die jüdischen Pelzhändler und Kürschner zurückzuführen, die sich in der Straße ansiedelten.

Von Anfangs zwei Händlern gab es zur Mitte des 19. Jahrhunderts schon fast hundert. Neben den Händlern und Handwerksbetrieben entwickelte sich die Straße um 1900 zur Drehscheibe für den Pelzhandel. So heißt es, dass vor dem Ersten Weltkrieg ein Drittel des Welthandels über Leipzig abgewickelt wurde.

Es gibt eine Zahl für das Jahr 1912 - da wird davon ausgegangen, dass der Pelz 40 Prozent des Steueraufkommens der Stadt Leipzig beiträgt. Zu diesem Zeitpunkt gab es allein 400 Pelzhandelsfirmen. Das stieg dann in der Weimarer Republik noch mal an, da spricht man von rund 1100 Firmen, die irgendetwas mit der Rauchwarenwirtschaft zu tun haben.

Steffen Held, Historiker

Pelz hielt auch in Krisenzeiten warm

Der Erste Weltkrieg und auch die politischen Umbrüche der 1920er- und 1930er-Jahre konnten dem Handel mit den Tierfellen kaum etwas anhaben, die Brühl behauptete ihren Weltruf. Am Vorabend der Weltwirtschaftskrise zählte Leipzig fast 800 Rauchwarenhandlungen, von deren Erfolg die ganze Innenstadt profitierte.

Oelßners Hof
Oelßners Hof zwischen Nikolai- und Ritterstraße, ehemals residierten auch hier die Leipziger Rauchwarenfabrikanten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Krise der Weltwirtschaft führte auch zu einer Krise des Pelzhandels. Dem nicht genug, nahm die Verfolgung und Enteignung der jüdischen Pelzhändler durch die Nationalsozialisten zu, die mehr als die Hälfte der Rauchwarenhändler ausmachten. Die Brühl blutete wirtschaftlich aus, denn immer mehr Händler verließen die einstige Weltpelzstraße und nahmen Gewinne und Geschäftsbeziehungen mit nach England oder in die USA.

Beliebter Devisenbeschaffer

Frank Legler
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Was dem einstigen Pelzzentrum nicht schon durch die Vertreibung der jüdischen Pelzhändler verloren gegangen war, wurde schließlich im Bombenkrieg zerstört.

Keine 200 Händler und Kürschner waren am Brühl noch zu finden. Solange es noch möglich war, wanderten die meisten von ihnen in die westlichen Besatzungszonen und später in die Bundesrepublik ab.

Alle, die was mit Fellen zu tun hatten, kamen nach und nach wieder. Die ganz großen Firmen, die zum Teil mal in Leipzig gewesen waren, alle kamen sie wieder. Man kam an Leipzig nicht vorbei.

Frank Legler, stellvertretender Generaldirektor "Interpelz"

Doch auf der Brühl wurden Handel und Produktion wieder aufgenommen. Schnell wurde man sich auch im Sozialismus der wirtschaftlichen Bedeutung der Tierfelle bewusst. Eines der größten Außenhandelsunternehmen, die "Interpelz", sollte an den Erfolg anknüpfen. Viel war zwar vom einstigen Glanz der Brühl nicht mehr erhalten, aber in den Höfen würde wieder gearbeitet. Bereits ab 1960 fanden in Leipzig Rauchwarenauktionen statt, bei denen bis zu zwei Millionen Felle aus 50 Ländern unter den Hammer kamen.

Für Arbeiter und Bauern tabu

Besucherinnen der Herbstmesse 1953 in Leipzig betrachten einen Pelz
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Was in den Höfen der Brühl emsig produziert wurde, war jedoch nicht für die Leiber der Arbeiter und Bauern bestimmt. Zu wichtig war das Exportgeschäft und die Begehrlichkeiten der devisenarmen DDR-Bürger eine eher unangenehme Nebenwirkung. Mehr als zwei oder drei Auslagen fand man in dieser Zeit nicht in der Straße. Wer sich dennoch den flauschigen Luxus gönnen wollte, der musste tief in die Tasche greifen.

Als Kürschner haben wir dem Kunden vorgeschlagen, dass wir den Mantel erst mal ganz grob zusammenschneiden, vielleicht noch ein schlechtes Fell mit rein, damit der Wert nicht so hoch getaxt wird. Unter Umständen hat der Kunde für das Stück so 1000 Ost-Mark gespart.

Horst-Uwe Bönisch, Kürschner seit 1971

Ganze Kollektionen gingen an westdeutsche Versandhäuser und der Staat kassiert fleißig mit. Mit der Wende droht der Pelzstadt Leipzig und dem lukrativen Geschäft das endgültige aus. Die ehemaligen Bruderländer konnten nicht in Devisen bezahlen und für die westdeutschen Abnehmer waren die Pelze über Nacht schlicht zu teuer geworden. Keiner der DDR-Pelzgroßbetriebe und vielleicht eine Handvoll der Leipziger Kürschner haben diesen Umbruch überstanden.

Heute erinnern eine Gedenktafel und Männer wie der Kürschner Horst-Uwe Bönisch an die große Zeit der "Pelzstraße" Brühl, das jahrhundertealte Zentrum des Weltpelzhandels.

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2016, 14:47 Uhr