Tabubruch in einem DEFA-Spielfilm Heiner Carow: Der Mann, der die Liebe mit der Kamera einfing

Heiner Carow wurde am 19. September 1929 geboren. Wie kein anderer prägte er die Filmszene zu Ostzeiten. Mit "Paul und Paula", "Bis das der Tod euch scheidet" und "Coming Out" schrieb er Filmgeschichte. Carow starb 1997. Seit 2013 wird der Heiner-Carow-Preis für herrausragende Filme vergeben.

Philipp verliebt sich Hals über Kopf in Matthias. Paula ist unsterblich in Paul verliebt. Sonja und Jens scheinen sich ihrer Liebe auf ewig gewiss. Heiner Carow beschäftigt sich in seiner gesamten Filmkarriere mit der Liebe, der Leidenschaft, dem Leben. Neben der "Legende von Paul und Paula", setzte er mit dem Film "Coming Out" ein Zeichen.

Der Film mit Tabubruch

"Coming out" wurde 1989 von Regisseur Heiner Carow sensibel in Szene gesetzt. Doch in der DDR ist Homosexualität alles andere als selbstverständlich. Ein Kampf gegen Vorurteile und die eigene Angst nimmt seinen Lauf.

Philipp ist Lehrer mit Leib und Seele. Bei seinen Schülern ist der gut aussehende und charmante Pädagoge sehr beliebt. Schafft er es doch, sie für seinen Unterricht zu begeistern und mit seinen kreativen Ideen die Langeweile aus dem Schulalltag zu vertreiben. Kaum vorstellbar für seine Umwelt, dass ihn etwas aus der Bahn werfen kann. Wie ein Schlag trifft es dann aber Philipp, als er Matthias (Dirk Kummer) begegnet. Er fühlt sich sofort zu dem jungen Mann hingezogen. Aber da ist auch seine Kollegin Tanja (Dagmar Manzel), mit der er eine Liaison eingegangen ist. Tanja erwartet ein Kind von ihm.

Einsamkeit und Verzweiflung: Ein ständiges Motiv bei Carow

Als wäre das nicht genug, sieht sich Philipp auch den Vorurteilen der Gesellschaft gegenüber homosexuellen Partnerschaften ausgesetzt. So gerät er in eine tiefe Krise. Doch mit der Einsamkeit und der Verzweiflung wächst auch eine neue Klarheit. Philipp begreift, dass er keine andere Möglichkeit hat, als sich selbst und seine leidenschaftlichen Empfindungen anzunehmen.

Der Filmregisseur Heiner Carow. 2 min
Bildrechte: dpa

In der DDR absolutes Neuland

Eine schmerzhafte, konfliktreiche Selbstfindung beginnt. Nicht nur für den Lehrer - auch für seine schwangere Freundin Tanja. Für Philipps Mutter bricht nach der Offenbarung ihres Sohnes eine Welt zusammen. Schließlich jagt ein Rettungswagen durch die Silvesternacht, in dem Matthias mit dem Tode ringt ...

Matthias Freihof als Philipp und Dirk Kummer als Matthias.
Als Philipp (Matthias Freihof, r.) auf Matthias (Dirk Kummer) trifft, ist nichts mehr, wie es einmal war ... Bildrechte: MDR/Progress Film-Verleih/Wolfgang Fritsche

"Coming out" war das erste und einzige filmische Werk der DDR-Filmgeschichte, dass das Thema Homosexualität thematisierte. Gedreht wurde an authentischen Orten der Ost-Berliner Schwulen-Szene in Friedrichshain. Für die Umsetzung des Projektes hat Regisseur Carow sieben Jahre lang kämpfen müssen.

Natürlich war es in der DDR absolutes Neuland. Den Film wollte keiner, der ist dann letzten Endes auf Anweisung von Kurt Hager, der den Regisseur Heiner Carow kannte, durchgesetzt worden.

Hauptdarsteller Matthias Freihof über die Filmgeschichte rbb-online

Ausgezeichnet mit einem "Silbernen Bären"

Mit "Coming out" knüpft Heiner Carow an seine legendären Filme der 70er-Jahre an ("Die Legende von Paul und Paula", "Bis dass der Tod euch scheidet", "Die Russen kommen"). Emotional, spannend und ehrlich plädiert der Film für Verständnis und Toleranz gegenüber jeglicher Art von Anderssein. Premiere feierte der Film am Abend des 9. November 1989 im Berliner Kino "International". Das Publikumsinteresse war so groß, dass eine Doppelvorstellung angesetzt werden musste. Auch die internationale Filmwelt honorierte den mutigen Vorstoß: Heiner Carow wurde auf der "Berlinale 1990" mit einem "Silbernen Bären" ausgezeichnet.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: "Unter Männern - Schwul in der DDR" 23.06.2019 | 23:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. September 2019, 11:58 Uhr