Start ins Erwachsenenleben Die Geschichte der Jugendweihe: "Ja, das geloben wir!"

Für viele Heranwachsende ist die Jugendweihe ein wichtiger Tag. Doch in diesem Jahr muss sie auf Grund der Corona-Pandemie verschoben werden - in den Sommer oder sogar Herbst, so der Verband für Jugendarbeit und Jugendweihe Sachsen. Obwohl es die Jugendweihe schon mehr als 150 Jahre gibt, hatte sie in der DDR ihre Blütezeit und wurde sogar zu einer Pflichtveranstaltung. Die ersten DDR-Jugendweihen fanden vor 65 Jahren statt. Am Ende nahmen rund 90 Prozent aller Achtklässler teil.

Letzte Jugendweihe in Anklam, DDR 1990
Jugendweihe in Anklam im Frühjahr 1990 Bildrechte: imago/Detlev Konnerth

Für 12.200 sächsische, 7.400 thüringische, 6.500 sachsen-anhaltische Jugendliche sollte zwischen dem 18. April und dem 10. Mai 2020 die Jugendweihe stattfinden. Doch die müssen aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie in die Monate Juni, Juli, September und notfalls Oktober verschoben werden. Landesweit sollen in diesem Jahr 12.200 Jugendliche - freiwillig - geweiht werden.

Und obwohl die Jugendweihe auch in der DDR freiwillig war, galt sie als ein Bekenntnis zu den Zielen des Staates DDR. Bei Verweigerung der Teilnahme mussten die Kinder mit Nachteilen in ihrer weiteren schulischen und beruflichen Laufbahn rechnen. Bis zum Ende der DDR waren es vor allem kirchlich gebundene Familien, die ihre Kinder nicht an der Jugendweihe teilnehmen ließen. In den 1970er- und 1980er-Jahren machten schließlich etwa 90 Prozent aller Kinder der DDR die Jugendweihe mit.

"Das geloben wir"

Zwischen 1955 und 1989 schwuren regelmäßig Jugendliche in zehn Geboten auf den sozialistischen Staat. Dabei sprach man nicht den gesamten Schwur, sondern sagte immer: "Das geloben wir". Die meisten schauten dabei nach unten und "vernuschelten" den Spruch immer ein bisschen, wie sich Zeitzeugin Claudia Rusch aus Sachsen-Anhalt erinnert. Sie feierte 1986 ihre Jugendweihe in der DDR. Sie erinnert sich, dass richtig geübt werden musste, damit den Jugendlichen ein klares und deutlich gesprochenes "Ja, das geloben wir" über die Lippen kam.

Protagonisten aus "Kinder des Ostens" 1 min
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"Schau, da sitzt unsere Peggy"

Der Saal war hell erleuchtet. Und das, was kommen sollte, wurde mehrfach geübt. In den ersten fünf Reihen saßen kichernd bis nachdenklich, gespannt bis gelangweilt rund 50 Jugendliche. In schicken Kleidern aus dem Exquisit, frisch frisiert und auftoupiert. Die Mädchen trugen nicht selten zum ersten Mal Absatzschuhe und Feinstrumpfhose. Vorn spricht der Direktor, der Klassenleiter, die Pionierleiterin. Hinten drängen sich Eltern, Geschwister, Omas und Tanten. "Schau, da sitzt unsere Peggy, der Jens, die Simone. Mensch, sehen die erwachsen aus."

Ab 1955 Jugendweihe unter staatlicher Obhut

1954 wird die Jugendweihe per Beschluss des Politbüros der SED flächendeckend für Jugendliche in der achten Klasse in der DDR beschlossen und der "Zentrale Ausschuss für Jugendweihe" eingerichtet. Schon im Frühjahr 1955 finden die ersten Jugendweihen unter staatlicher Obhut statt. Mit Walter Ulbrichts sogenannter "Sonneberger Rede" am 29. September 1957 verliert die Jugendweihe ihren bis dahin von der SED beteuerten freiwilligen Charakter. Ulbricht, der mächtigste Mann der SED und des Staates, fordert, dass die Jugendlichen an der Jugendweihe teilnehmen müssten, "weil ihnen sonst wichtige Kenntnisse verloren gehen würden, die sie in ihrem späteren Leben brauchen". Die Jugendweihe wird zum Bildungsauftrag, dem sich niemand entziehen sollte.

"Für die große und edle Sache des Sozialismus arbeiten und kämpfen"

In den Wochen vor der Jugendweihefeier haben Lehrer und Pioniergruppenleiter die Achtklässler auf den neuen Lebensabschnitt vorbereitet. In den Jugendstunden haben sie auf Honeckers Platz in der Volkskammer gesessen, Betriebe besichtigt, das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besucht oder Vorträgen über Politik und Gerechtigkeit gelauscht. Jetzt bei der Festveranstaltung stehen sie schließlich alle auf der Bühne und werden gefragt:

"Seid ihr bereit, als junge Bürger unserer Deutschen Demokratischen Republik mit uns gemeinsam, getreu der Verfassung, für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten, so antwortet: 'Ja, das geloben wir'", dröhnt es aus den ersten Reihen. Die politisch korrekte Antwort folgt wie zuvor einstudiert und ja nicht genuschelt. Feierlich aufgenommen sind sie nun in die "große Gemeinschaft des werktätigen Volkes". Nun überfliegt doch ein wenig Stolz die Gesichter, spürt so mancher die bewundernden Blicke der kleinen Geschwister.

Bis Mitte der 1970er-Jahre gab es zur Jugendweihe das Buchpräsent "Weltall - Erde - Mensch", danach die propagandistisch geprägten Bücher "Der Sozialismus, Deine Welt" oder "Vom Sinn unseres Lebens". Auch das Jugendweihegelöbnis wurde ab 1955 mehrfach überarbeitet und später weggelassen.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im Radio: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 18.03.2020 | 19:00 Uhr in den Nachrichten