Klimawandel und Missernten DDR-Erfindung löst Dürre-Problem

Flüsse, die sich in Rinnsale verwandeln und Äcker, auf denen nur mickrige Pflanzen wachsen - solche Bilder sehen wir derzeit regelmäßig in den Nachrichten. Vielerorts darf man kein Wasser mehr aus Bächen und Seen entnehmen - in Sachsen gilt das fast flächendeckend. Deutschland erlebt das dritte Dürrejahr in Folge. Eine vergessene Einrichtung aus DDR-Zeiten könnte zumindest in der Landwirtschaft Abhilfe schaffen.

Eine Frau mit Kopftuch steht auf einem Feld und bedient eine typische Beregnungsanlage in der DDR. Bis zu 25 Frauen und Männer waren in Schichten für die Beregnung der Felder zuständig.
Beregnungsanlage in der DDR - viel Handarbeit. Bis zu 25 Frauen und Männer waren in Schichten für die Beregnung der Felder zuständig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der DDR wurden rund neun Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche beregnet. Dafür wurden mehr als 600 kleine Stauseen gebaut, um die angrenzenden Felder zu beregnen. Der Freistaat Thüringen möchte nun auch seine landwirtschaftliche Nutzung reaktivieren und rund 90 dieser so genannten Brauchwassertalsperren einsetzen.

Einer der Ersten, die wieder darauf zurückgreifen, ist Sylvio Kay. Er ist Geschäftsführer der Agra GmbH in Frohndorf. Die Genossenschaft ist auf Milchproduktion spezialisiert. 850 Kühe stehen in den Ställen, auf 1.200 Hektar Land wächst (unter anderem) ihr Futter: Luzerne, Feldgras und vor allem Mais. Denn Mais ist für Kühe in etwa das, was für uns Menschen Brot ist. Auf Kraftfutter in Form anderer Getreidesorten können die Tiere notfalls verzichten – so wie wir Menschen auf so manche Delikatesse verzichten können. Wenn es aber zu wenig Mais gibt, müssen Milchkühe hungern.

Trockenheit bis in tiefere Bodenschichten

Das könnte für Milchproduzenten wie Sylvio Kay und die 54 Beschäftigten bald zu einem ernsthaften Problem werden, wenn der Klimawandel weiter so rasant voranschreitet. Denn das Thüringer Becken, wo die Genossenschaft liegt, zählt von Haus aus zu den niederschlagsärmsten Gegenden in Deutschland. Durch den Klimawandel regnet es nun noch weniger. Das hat Landwirt Kay im vergangenen Jahr besonders zu spüren bekommen: "Wir hatten die schlechteste Ernte, seitdem ich in diesem Betrieb tätig bin, und das sind immerhin schon 14 Jahre." Die tieferen Bodenschichten seien ausgetrocknet, obwohl Frohndorf für seine lehmigen Böden bekannt ist, die Feuchtigkeit normalerweise lange speichern.

Wir hatten die schlechteste Ernte, seitdem ich in diesem Betrieb tätig bin, und das sind immerhin schon 14 Jahre.

Sylvio Kay Geschäftsführer der Agra GmbH in Frohndorf

Sylvio Kay ist Geschäftsführer der Agra GmbH und steht vor einem Maisfeld in Frohndorf
Landwirt Sylvio Kay bekam den Dürresommer besonders zu spüren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erfindergeist der DDR schafft Abhilfe

Beim Blick auf seine Maisfelder ist Kai deshalb froh, dass er 2016 in eine moderne Beregnungsanlage investiert hat. Die Idee an sich stammt noch aus DDR-Zeiten. Denn die DDR war insgesamt ein relativ regenarmes Land, wollte ihren Lebensmittelbedarf aber möglichst vollständig selbst decken, um keine Devisen dafür auf dem Weltmarkt ausgeben zu müssen. Fast neun Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche wurden beregnet – klingt nicht nach viel, ist es aber im Vergleich zu anderen Ländern.

Die LPGs hatten für die Beregnung eigene Beregnungsbrigaden, die im Sommerhalbjahr in zwei Schichten arbeiteten. In der LPG Frohndorf/Orlishausen waren das 25 Mann. Werner Tänzer, damals Chef der Brigade Melioration und Beregnung, erinnert sich, dass polnische Schüler und Studenten sogar aushelfen mussten. Die DDR zeigte sich bei der Beregnung von ihrer modernen Seite: Um die benötigte Wassermengen zu berechnen, wurde eine computergestützte Beregnungsberatung eingerichtet. Die LPGs mussten dafür die natürlichen Niederschläge übermitteln und ein zentrales Rechenzentrum rechnete aus, wieviel Wasser die einzelnen Kulturen bekommen sollen. Zweimal wöchentlich wurde die Empfehlung per Fax verschickt. 75 Prozent aller beregneten Flächen in der DDR waren an dieses System angeschlossen.

Das Wasser für die Beregnung kam aus mehr als 600 Brauchwassertalsperren, die in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren extra für die Landwirtschaft im Rahmen eines DDR-weiten staatlichen Programms gebaut wurden. Nach der Wiedervereinigung wurden sie jedoch nicht mehr genutzt – die Eigentumsverhältnisse waren unklar, sowohl bei den Talsperren selbst, als auch bei den unter den Feldern verlegten Wasserleitungen, die einst von mehreren LPGs gemeinsam gebaut worden waren.

Altbewährtes in Thüringen neu entdeckt

Nun sollen in Thüringen die etwa 90 Brauchwassertalsperren, die es im Freistaat gibt, wieder einer landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt werden. Die Agra GmbH aus Frohndorf ist einer der ersten landwirtschaftlichen Betriebe, die eine solche Kooperation geschlossen haben – für die nahegelegene Talsperre Frohndorf. Zu festgesetzten Zeiten nach vorheriger Bestellung durch den Betrieb wird die nötige Wassemenge in den Fluss Scherkonde abgelassen, aus dem es dann auf die Felder gepumpt werden kann. Eine fast 14 Kilometer Leitungen wurde dafür gebaut und zehn moderne Kreisberegner von der Agra GmbH angeschafft.

Die Durchschnittsjahre sind wärmer, die Sommerniederschläge werden unregelmäßiger. Und mit dem voranschreitenden Klimawandel wird es an einigen Standorten zunehmend schwieriger werden, gerade in trockenen Jahren eine vernünftige Produktion hinzubekommen.

Markus Möller Leiter des Projekts Brauchwassertalsperre

Luftaufnahme aus einem Flugzeug zeigt Trockenschäden auf einem Getreidefeld
Die andauernde Trockenheit hinterlässt Spuren: Das Feld zeigt starke Schäden Bildrechte: dpa

Zukunftsweisende Idee?

Der Freistaat sucht jetzt nach Nachahmern, die eine der Brauchwassertalsperren übernehmen wollen, berichtet Markus Möller, der bei der landeseigenen Thüringer Fernwasserversorgung für das Projekt zuständig ist. Die oft 40 Jahre alten Talsperren würden zwar einiges an Instandsetzung erfordern, aber angesichts des fortschreitenden Klimawandels könnte es für viele Bauern eine gute Investition sein, sagt er. "Wir haben eine sehr ausgeprägte Frühsommertrockenheit an diesen Standorten, die es früher so nicht gab. Die Durchschnittsjahre sind wärmer, die Sommerniederschläge werden unregelmäßiger. Und mit dem voranschreitenden Klimawandel wird es an einigen Standorten zunehmend schwieriger werden, gerade in trockenen Jahren, eine vernünftige Produktion hinzubekommen."

Moderne Beregnungsanlagen wie in Frohndorf lassen sich übrigens von nur einer einzigen Person bedienen – ganz anders als zu DDR-Zeiten.

Mehr dazu in der Zeitreise-Sendung

Janett Eger im MDR-Zeitreise-Studio mit Video
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
MDR FERNSEHEN So, 30.08.2020 22:00 22:30

MDR Zeitreise

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Billigfleisch und Bio-Bauern – die unbekannten Seiten der DDR-Landwirtschaft

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