Staatssicherheit Konspirative Objekte der Stasi: "Man hat das heimlich gemacht"

Rund 1.500 Objekte des Ministeriums für Staatssicherheit gab es in der DDR. Es waren Dienststellen in der Zentrale in Berlin, in den Kreisen und Bezirken, aber auch konspirative Wohnungen und geheime Objekte. Eines dieser Objekte war das Eisenacher Haus in der Rhön. Im Januar 1990 wurde dieses Haus von der Bevölkerung zurückerobert.

von Andreas Wolter

Stasi-Horchposten - Das Haus Eisenach
Stasi-Horchposten - Das Haus Eisenach Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Man wusste das eben von klein auf, dass man da eben nichts zu suchen hat", erzählt Tino Hencl. Er ist in Oberweid in der Rhön aufgewachsen und heute Bürgermeister des 500-Seelen-Ortes. Und er kennt das Eisenacher Haus seit seiner Kindheit. Auf 800 Meter Höhe gelegen am sogenannten Ellenbogen, war es ein Objekt der Staatssicherheit. Trotzdem hat er als Kind gerne mal Beobachtungen angestellt, wie er es heute nennt. "Man hat das Ganze eben heimlich gemacht oder vielleicht als Mutprobe hat man mal versteckt ein Foto gemacht mit der Kamera und ist dann eben weitergegangen."

Nahe der Grenze zum Westen

Das sogenannte Eisenacher Haus in der thüringischen Rhön wurde 1928 erbaut. Es war bis in den Zweiten Weltkrieg hinein ein beliebtes Ausflugsziel mit einer Gaststätte. Nach dem Krieg diente es zunächst als Erholungsheim für die DDR-Zollverwaltung. Doch seine unmittelbare Nähe zum Westen – das Eisenacher Haus liegt nur 1.500 Meter von Hessen entfernt – sorgte dafür, dass es schon Ende der 1950er-Jahre verwaiste.

Ein Haus, daneben eine große Antenne
500 Meter entfernt vom Eisenacher Haus: Horchposten mit riesigen Antennentürmen. Bildrechte: Erwin Ritter

1968 entdeckte die Staatssicherheit das Areal für sich als idealen Standpunkt für die Funkaufklärung in den Westen. Es gab bereits einen Horchposten der Staatssicherheit in den Rhön: den Stützpunkt "Kristall" lag jedoch mit 1.000 Meter Entfernung zu nah an der Grenze. Deshalb wurde das 500 Meter weiter zurückgelegene Eisenacher Haus zum neuen Horchposten mit riesigen Antennentürmen ausgebaut. Der neue Stützpunkt "Blitz" wurde offiziell als Erholungsheim der NVA-Grenze deklariert.

"Die Amerikaner waren da auch sehr interessiert."

Wie Unterlagen belegen, glaubte die Staatssicherheit, dass dieser Stützpunkt erst 1983 vom Westen enttarnt wurde. Doch Erwin Ritter, damaliger Bundesgrenzschützer auf westlicher Seite, sagt, dass schon sehr frühzeitig Fotos vom Areal rund um das Eisenacher Haus angefertigt wurden. "Wir haben versucht, die Antennen zu identifizieren: Was für eine Art Antennen sind es, welche Systeme. Die Amerikaner waren da auch sehr interessiert. Die kamen auch mit entsprechender Technik, um dann wirklich gute Aufnahmen von dem Objekt zu fertigen. Die Antennenanlagen wurden dann durch Luftaufnahmen dokumentiert."

1990: alle Antennentürme abgerissen

Am 12. Januar 1990 stand dann die Bevölkerung der umliegenden Orte vor dem Tor zum Eisenacher Haus, dem Horchposten "Blitz". Der heutige Bürgermeister von Oberweid war damals 14 Jahre alt. "Die Leute haben lautstark gefordert, man möge hier Zutritt gewähren. Und man möge aufklären, Informationen geben, wofür dieses ganze Objekt von Nutzen ist", erinnert sich Tino Hencl. "Irgendwann hat sich das Tor geöffnet. Und die Menschen sind hier in dieses ganze Areal hineingelaufen." Im September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung, wurden alle Antennentürme des einstigen Horchpostens abgerissen. Die Menschen in der Rhön wollten offenbar mit dem Kapitel der Staatssicherheit abschließen. Tino Hencl findet das heute etwas schade. "Es ist ja auch ein Stück Zeitgeschichte verloren gegangen. Also man hätte schon einen Turm erhalten können." Das Eisenacher Haus am 813 Meter hohen sogenannten Ellenbogen ist heute wieder eine Touristenattraktion mit einem Berghotel.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 14. Januar 2020 | 20:15 Uhr

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