Deutsch-deutscher Politkrimi Die Flucht von Kruzianern in den Westen

Drei junge Kruzianer lösten 1988 eine kleine deutsch-deutsche Krise aus, als sie während eines Tourneeaufenthaltes in Tokio in die westdeutsche Botschaft flüchteten. Meist fanden die Republikfluchten bekannter Künstler und Sportler keinen großen Widerhall in den DDR-Medien. Thomas Nitschke und seine beiden Freunde dagegen schafften es in die Hauptnachrichten.

Im Herbst 1988 fliegen 80 Kruzianer nach Japan. Für die Chorknaben aus Dresden ist dies ein Konzertmarathon und zugleich das Abenteuer ihres Lebens. Konsum und Freiheit locken. Drei von ihnen haben schon vor der Anreise den festen Entschluss, auf keinen Fall in die DDR zurückzukehren. Als sie Ausgang haben, schlagen sie sich durch die Straßen von Tokio - mit einem simplen Stadtplan aus dem Hotel. Ihr Ziel: die bundesdeutsche Botschaft.

Die Aufregung bei den Diplomaten ist groß. Sie statten die drei 17-Jährigen dennoch umgehend mit Papieren und Flugtickets aus. Unter diplomatischen Schutz geht es zum Flughafen von Tokio und schnell durch alle Sicherheitskontrollen. Bevor die Betreuer, darunter auch Stasi-Mitarbeiter, eingreifen können, sitzen die Jungen im Lufthansa-Flieger nach Frankfurt am Main. Sie kommen ins Fränkische, proben nun mit dem Windsbacher Knabenchor.

Ihre Flucht löste Wirbel aus, nicht nur in den westdeutschen Medien. Anders als in den meisten Fällen von Republikflucht wurde über die drei Kruzianer auch in den Hauptnachrichten des DDR-Fernsehens berichtet. In der "Aktuellen Kamera" war dann aber von einer ausgeklügelten Aktion des Westens die Rede. Der BRD wurde unterstellt, die Teenager in Japan gezielt abgeworben zu haben:

Wie anders, schreibt heute ADN (die staatliche Nachrichtenagentur der DDR - Anm. d. Red.), sei die bedenkenlose angemaßte Ausstattung der DDR-Jugendlichen mit Personaldokumenten durch die BRD-Botschaft in Tokio und deren eilfertig organisierte Verfrachtung in die BRD zu werten?

Aktuelle Kamera vom 29.11.1988

Professor Matthias Herrmann, Professor für Musikgeschichte in Dresden und einstiger Sänger im Kreuzchor, wundert sich noch heute über diese Vorwürfe. Waren doch seit dem Mauerbau 1961 bis zum Mauerfall am 9. November 1989 insgesamt 20 Kruzianer auf Konzertreisen im westlichen Ausland geblieben. Herrmanns Nachforschungen ergeben, dass der in der "Aktuellen Kamera" verlesene Kommentar von ADN 1:1 von der DDR-Staatssicherheit stammte und sowohl von Stasi-Chef Erich Mielke als auch Partei- und Staatschef Erich Honecker abgesegnet wurde.

Im Fall der drei Kruzianer gibt die DDR-Führung so schnell nicht auf. Sie will die drei Sänger zurück. Staatssekretäre verhandeln. Die DDR legt ein Kulturabkommen auf Eis und schickt einen Anwalt, der sonst Agenten austauscht. Doch die Jungen wollen nicht zurück. Als die DDR auch Eltern schickt, nutzt der Vater des geflüchteten Thomas Nitschke die Gelegenheit und bleibt ebenfalls in der BRD, wenn auch schweren Herzens, da Frau und Tochter noch in der DDR sind. Ein knappes Jahr nach ihrer Flucht können die Chorknaben ihre Familien wieder in die Arme schließen. Die deutsch-deutsche Grenze ist offen.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | 27.06.2017 | 21:15 Uhr