Staatlich verordneter Kunstraub Wie in der DDR private Kunstsammler enteignet wurden

Im Dezember 1962 lässt die Stasi in einer großangelegten Aktion mehr als 21.000 Bankschließfächer aufbrechen. Später - in den 1970er-Jahren - werden Kunstsammler und Antiquitätenhändler ins Visier genommen und müssen ihre Schätze wegen konstruierter Steuerschulden an den Staat abgeben. Der "staatlich verordnete Kunstraub" hat in der DDR System.

Kunstraub in der DDR - Findbuch veröffentlicht
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Es ist am Nachmittag des 6. und 7. Januar 1962. Die Aktion "Licht" ist bereits sorgfältig vorbereitet: Auf Anordnung von MfS-Chef Erich Mielke treffen sich Stasi-Leute mit den Direktoren und leitenden Mitarbeitern von 217 Banken und Sparkassen, um einen beispiellosen Raubzug zu starten. Rund 21.000 Bankschließfächer und Tresore werden aufgebrochen, die seit langer Zeit unberührt geblieben waren. Deren Inhalt wird entnommen, zu Geld gemacht und in die Staatskasse überführt. Den Stasi-Plünderern ist dabei schnell klar, dass es sich bei den Besitzern des Raubguts nicht nur um Republikflüchtlinge handelt, sondern auch um Menschen, die im Holocaust ihr Leben verloren haben.

Mit Brechstangen und Beilen

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Im thüringischen Altenburg hofft die Stasi, sich die Besitztümer des letzten regierenden Herzogs von Sachsen-Altenburg, Ernst II., aneignen zu können, die man im Hauptstaatsarchiv der Stadt vermutet. Heinz Wießner, der damals Zeuge der Aktion "Licht" ist, erinnert sich kurz nach der Wende: "Die Stasi-Leute haben sich einschließen lassen in die Räume und haben dann mit Brechstangen und Beilen die Kisten geöffnet, in denen die Archivalien lagen."

LKW-weise wird das Diebesgut abtransportiert

"Am Nachmittag kam ein Stasi-Mann wieder und erklärte diese Teile des Hausarchivs für beschlagnahmt und die Sachen, zweieinhalb LKW-Ladungen wurden abtransportiert", so Wießner weiter. "Wenn man jetzt zurückblickt auf diese Aktion, dann kommt einem das vor wie ein Coup aus einem Western. Nur dass es sich nicht um Banditen handelt, die auf eigene Faust etwas unternehmen, sondern um eine staatlich privilegierte Räuberbande. Denn das war die Stasi damals", so der Zeitzeuge weiter.

Beute in Millionenhöhe

Die beschlagnahmten Güter werden dem DDR-Ministerium für Finanzen übergeben. Der Wert der gestohlenen Gegenstände beträgt laut einem Abschlussbericht schätzungsweise zwischen 3,6 und 4,1 Millionen Mark. Das Geld stammt aber nicht nur aus dem Diebesgut der Bankfächer. Auch Gewölbe und Keller von Schlössern, Kirchen und Klöstern werden penibel durchsucht. Die Ausbeute ist allerdings geringer als erhofft: Schmuck im Wert von 1,4 Millionen Mark, 180 Gemälde, zehn Kupferstiche, 100 Handschriften.

Stasi-Chef Mielke weiß, dass die Aktion Licht illegal ist und ordnete deshalb an, alle Unterlagen darüber zu vernichten. Deshalb finden sich in den Archiven nur noch wenige Spuren. Doch insgeheim verbucht Erich Mielke die Aktion Licht als Erfolg. Und möglicherweise kam die Stasi so auf den Geschmack. In den 70er Jahren werden nicht mehr aktiv Bankfächer aufgebrochen.

Die Stasi geht nun subtiler vor und änderte das Muster: Besitzer von Kunst und Antiquitäten werden beschuldigt, gewerblichen Handel mit Antiquitäten zu treiben. Danach werden extrem hohe Steuerforderungen konstruiert und die Sammler beschuldigt, den Staat hintergehen zu wollen. Die "Hehlerware" beschlagnahmen die DDR-Behörden und horten sie als illegal Handelsware ein, die sofort beschlagnahmt wird.

Spinne im Netz: Alexander Schalck-Golodkowski

Erich Mielke verbucht die "Aktion Licht" als Erfolg. Und sie bleibt nicht der einzige Raubzug der Stasi. Ab den 1970er-Jahren nimmt die Stasi die privaten Antiquitätenbesitzer ins Visier. Um sie "legal" um ihre Schätze bringen zu können, werden angebliche Steuerschulden konstruiert. Dem selbständigen Handwerksmeister und Kunstsammler Frank Lilienthal wird zum Beispiel vorgeworfen, Antiquitäten als illegale Handelsware gehortet zu haben. In Untersuchungshaft wird ihm eine Steuerrechnung von 630.000 Mark präsentiert - eine unglaublich hohe Summe für DDR-Verhältnisse. "Man hat mich gefragt, wie ich mir die Begleichung vorstelle - und hat dann gesagt, da können Sie Ihre Antiquitäten an Zahlung statt geben.", erinnerte sich der Zeitzeuge in einem TV-Beitrag.

So wie Lilienthal ergeht es vielen privaten Kunstsammlern in der DDR, haben die Historiker Arno Polzin und Ralf Blum von der Stasi-Unterlagenbehörde herausgefunden. Systematisch spioniert die Staatssicherheit die Szene aus, beschafft sich Informationen über die Wohnungen der Sammler, an welcher Wand beispielsweise welche Gemälde hängen. Dabei berücksichtigt die Stasi auch die aktuellen Konjunkturen und Moden auf dem westlichen Antiquitätenmarkt. "Der Westen war immer der Maßstab. Und da gab es Konjunkturen, mal waren beispielsweise Porzellanpuppen gefragt. Dann gab es eine Zeit, da wurden Kutschen gesucht oder Klaviere. Und dann wurde geschaut, wie kommt man an solche Objekte?", so Blum.

Egal, welche Kunstschätze und Antiquitäten die Betroffenen sammeln, die Vorgehensweise ist immer gleich: Die Sammler werden gezwungen, ihren Besitz zur Begleichung der konstruierten Steuerschulden der DDR zu überlassen. In einem gigantischen Lager in Mühlenbeck bei Berlin sammelt der Staat die Kunstschätze, um sie in den Westen zu verhökern. Die Abwicklung läuft über die Kunst- und Antiquitäten-GmbH von Alexander Schalck-Golodkowski. Der soll mit dem Verkauf der geraubten Kunstwerke und Antiquitäten das in der DDR dringend benötigte Westgeld heranschaffen.

In der Zeit von 1973 bis 1989 werden 430 Millionen Valutamark durch den Verkauf von geraubten Kunstgegenständen erwirtschaftet. Das Kunst- und Antiquitätenlager in Mühlenbeck wird nach der Wende geschlossen. Viele Kunstsammler und deren Nachkommen suchen aber bis heute nach ihrem Besitz.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | Staatlich verordneter Kunstraub | So., 19.04.2020 | 22:00 Uhr