Dritte Staffel "Charité" Krebs und Quarzlunge: Krankheiten der Wismut-Bergmänner

Mangelhafte Ausrüstung, radioaktive Belastung und Arbeitsunfälle zeichnen den Alltag der Bergmänner bei der DSAG Wismut. Nicht wenige erkranken im Laufe der Jahre an Lungenkrebs, Silikose oder sterben bei Unfällen - ein Umstand, der auch in Folge 4 der ARD-Kultserie "Charité" thematisiert wird. Die Betriebsvorgänge sind, wie in der Serie dargesellt, Geheimsache. Erst nach 1989 werden die gesundheitlichen Konsequenzen öffentlich.

Versammlung bei der Wismut. Die Wismut AG baute Uranerz bei Ronneburg im Tagebau ab. Ganze Ortschaften mussten dem Bergbau weichen.
Versammlung bei der Wismut. Die Wismut AG baute Uranerz bei Ronneburg im Tagebau ab. Ganze Ortschaften mussten dem Bergbau weichen. Bildrechte: MDR/AstFilm Production

In Folge 4 der dritten Staffel der ARD-Serie "Charité" kommt ein stark hustender Mann aus Schneeberg in das Berliner Krankenhaus. Er ist Bergmann bei der SDAG Wismut im Erzgebirge. Obwohl er ursprünglich mit einem gebrochenen Bein in die Charité kommt, stirbt er am nächsten Morgen. Die Obduktion ergibt: Schneeberger Krankheit - eine besondere Form von Lungenkrebs. Auch im realen Leben ereilt das Schicksal des Mannes viele, die sich im Laufe der Jahrzehnte als Bergmänner bei der Wismut der radioaktiven Strahlung des Uranerzes aussetzen.

Grube/ Höhle 3 min
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Fördern, fördern, fördern Wir brauchen Uran!

Wir brauchen Uran!

Der Schacht bewegt und dreht sich. Es herrscht Lebensgefahr. Aber der russische Schachtleiter Bakulin gibt nicht nach: "Das Erz muss gefahren werden. Wir brauchen Uran!"

Mo 08.11.2004 00:00Uhr 03:29 min

https://www.mdr.de/zeitreise/stoebern/damals/wismut158.html

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Wismut: Bergbau für das atomare Wettrüsten

Zwischen 1946 und 1989 erkranken 5.300 Bergmänner an der Schneeberger Krankheit. Unter Bergleuten wird die Erkrankung, auch Bergsucht genannt, bereits seit dem 19. Jahrhundert gefürchtet. Ausgelöst wird sie durch die hohe Belastung durch radioaktiven Staub, dem die Bergmänner beim Abbau vom Uranerz im Erzgebirge ausgesetzt sind. Vor allem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Radonbelastung zum Risiko, als das atomare Wettrüsten beginnt. Die Sowjetunion braucht Uran und findet es in großen Mengen im Erzgebirge.

Arbeiter bei der Wismut. In den Bergwerken der Wismut AG wurden von 1946 bis 1990 rund 220.000 Tonnen Uran abgebaut.
Arbeiter bei der Wismut. In den Bergwerken der Wismut AG wurden von 1947 bis 1990 rund 231.000 Tonnen Uran abgebaut. Bildrechte: MDR/AstFilm Production

Wismut-Bilanz: 231.000 Tonnen Uran für die Sowjetunion

1947 wird dort die Wismut AG gegründet, um den Abbau in großem Maße voranzutreiben. Die spätere Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut fördert bis zum Ende der DDR ungefähr 231.000 Tonnen Uran. Besonders in den ersten Jahren der Wismut sind die Arbeitsbedingen katastrophal: Weder wird die Strahlenbelastung unter Tage kontrolliert, noch die Angestellten über mögliche gesundheitliche Risiken aufgeklärt. Es fehlt Schutzausrüstung und es gibt kaum Arbeitsschutzmaßnahmen. Schächte werden kaum bewittert, um sie mit frischer Luft zu versorgen und die Belastung durch Radioaktivität zu senken.

Erhöhte Löhne, besondere Absicherung im Alter

Trotz der gesundheitlichen Risiken arbeiten zu dieser Zeit besonders viele Männer bei der Wismut AG. Bis 1950 melden sich mehr als 160.000 Männer freiwillig zur Arbeit. Gelockt werden sie durch außergewöhnlich hohe Löhne von bis zu 4.000 Ost-Mark. Zusätzlich wird ab 1961 eine gesonderte Altersrente, die Bergmannsrente, durch die SED-Führung eingeführt. Da die Kumpel durch die erschwerten Arbeitsbedinungen oft vor dem regulären Rentenalter auf Grund körperlicher Beschwerden in den Ruhestand gehen, sollten sie im Alter gesondert abgesichert werden.

Wismut Kumpel bei der schweißtreibenden und dreckigen Arbeit im Bergwerk.
Bildrechte: MDR/AstFilm Production

Quarzlunge, Grubenunglück und Schneeberger Krankheit als Berufsrisiko

Unter Tage gibt es noch unzählige andere gesundheitliche Risken. Beim Bohren nach Erz atmen die Bergleute feinen Quarzsand ein. Über Jahre bekommen viele deshalb eine Quarzstaublunge oder Silikose. Neben den langfristigen gesundheitlichen Risiken gab es auch die ständige Gefahr durch Grubenunglücke. Eines der größten in der DDR ereignet sich am 22. Februar 1960 im damaligen VEB Steinkohlenwerk "Karl Marx", wo 123 Kumpel ums Leben kommen. Erst 1989 wird bekannt, dass es zwischen 1954 und bis 1989 42.000 Unfälle gegeben hat. Schätzungen zufolge kamen von 1946 bis 1989 etwa 1.000 Bergmänner bei Arbeitsunfällen in den Bergwerken um.

Rettungskräfte mit Atemschutz im Schacht. mit Video
Im Februar 1960 kam es zu dem folgenschwersten Grubenunglück in der Geschichte der DDR, bei dem 123 Bergleute den Tod fanden. Bildrechte: MDR

Uran-Abbau in der DDR: Strenge Geheimsache

Während des Kalten Krieges gilt der großflächige Uranabbau im Erzgebirge als strenge Geheimsache. Die USA sollen auf keinen Fall erfahren, welche Mengen Uran der UdSSR zur Verfügung stehen. Das Gebiet der SDAG Wismut gilt deshalb als "Staat im Staate" und wird streng vom Geheimdienst NKWD überwacht. Genauso sind auch die Arbeitsbedingungen der Bergmänner Geheimsache, obwohl sie der DDR-Regierung durchaus bekannt sind. In einem geheimen Bericht an Walter Ulbricht 1965 heißt es, dass bereits 4.500 Bergmänner der SDAG Wismut an Silikose erkrankt seien. Um jeden Preis will man verhindern, dass die Probleme öffentlich werden, denn offiziell findet der Uranabbau gar nicht statt.

Von den Anfängen des Uranbergbaus Die Wismut in den Anfangsjahren

"Wismut" - unter diesem Tarnnamen förderte die Sowjetunion Uran im Erzgebirge. Die Kumpel bekamen extrem viel Geld - über die Gefahren wurde nicht gesprochen.

"Glück auf" - das ist der Gruß der Bergbaukumpel unter Tage. Hier ein Eingang zu einem Wismut-Schachtgelände.
Unter dem Begriff "Wismut" wurde im Erzgebirge von den Sowjets Uran abgebaut. Für Bergleute ein Glücksfall - hier konnte man nach dem Krieg so viel Geld verdienen wie sonst nirgends. Die gesundheitlichen Gefahren waren damals kein Thema.
Im Bild: Eingang zu einem Wismut-Schachtgelände mit dem Bergmannsgruß "Glück auf".
Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Zwischen ganz normalen Mehrfahmilienhäusern steht ein Förderturm.
Schachtanlagen gab es überall im Erzgebirge - auch in den Städten und Dörfern. Manche wurden direkt in Kleingärten oder neben Wohnhäusern eingerichtet. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Blick auf eine Schachtanlage, riesige Förderbänder und Abraumhalden. Dazwischen vereinzelte Wohnhäuser.
Auch hier liegt eine Schachtanlage mit Förderbänder und Abraumhalden direkt neben Wohnhäusern. Allerdings waren für die vielen Arbeiter die Wege zu den Schächten nicht immer so nahe zum Wohnort ... Bildrechte: MDR/ AstFilm Productions
Bergmann auf dem Trittbrett seines Schichtzuges. In der Hand hält er seine Grubenlampe.
Die Plätze in den Zügen reichten aber nicht aus, also fuhren viele Kumpel auf den Dächern oder den Trittbrettern mit, wie dieser Bergmann, der in der Hand noch seine Grubenlampe hält. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Vogelperspektive auf ein eingezäuntes Gelände: Mehrere kegelförmige Berge neben einem Förderturm und Straßenzügen.
Ein Wismut-Schacht aus dem Jahr 1947. Die Schachtgelände waren mit einer mannshohen Bretterwand abgesperrt. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Vogelperspektive auf eine Siedlung mit Mehrfamilienhäusern.
Für die zigtausenden Arbeiter musste Wohnraum her - also wurden Neubausiedlungen, wie hier in Johanngeorgenstadt, gebaut. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
"Glück auf" - das ist der Gruß der Bergbaukumpel unter Tage. Hier ein Eingang zu einem Wismut-Schachtgelände.
Unter dem Begriff "Wismut" wurde im Erzgebirge von den Sowjets Uran abgebaut. Für Bergleute ein Glücksfall - hier konnte man nach dem Krieg so viel Geld verdienen wie sonst nirgends. Die gesundheitlichen Gefahren waren damals kein Thema.
Im Bild: Eingang zu einem Wismut-Schachtgelände mit dem Bergmannsgruß "Glück auf".
Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Nahaufnahme von zwei Waggons: Vor dem Zug stehen Männer, aus den Fenstern schauen welche heraus, und etliche sitzen oben auf dem Dach oder klettern gerade hinauf.
Tausende Menschen mussten nämlich täglich zu und von den verschiedenen Schacht-Anlagen nach Hause gefahren werden. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Zehn Wismut-Kumpel posieren für ein Gruppenbild. Sie tragen kurze Hosen, Schutzhelme und einige haben Grubenlampen umgeschnallt.
Die Arbeit unter Tage war schweißtreibend und anstrengend: Arbeitsschutz-Kleidung oder wentsprechende Vorschriften gab es offenbar nicht: Jeder trug die Kleidung, die er hatte. Selbst Helme schienen nicht zwingend vorgeschrieben zu sein. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
An einem hölzernen Absperrzaun hängt ein Gemälde, das zwei Männer mit Schutzhelmen, grubenlampen und Bergmannsanzügen zeigt, die gemeinsam auf einen Schreibblock gucken. Neben ihnen hängen Fahnen und Spruchbänder.
Hier sieht man an einer Umzäunung die sogenannte "Rote Ecke" aus der Nähe: Ein Ölgemälde nebst Losungen und Fahnen. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Blick auf ein Dorf mit Wohnhäusern, einem Förderturm und dahinter am Berghang reihenweise barackenartige Häuser.
Ob sich die neuen Siedlungen dabei ins Landschaftsbild einpassten oder nicht - darauf wurde wie hier, in Johanngeorgenstadt, keine Rücksicht genommen. Wichtig war, dass die Arbeiter Unterkünfte hatten. Die Aufnahme stammt von 1947. Bildrechte: MDR/AstFilm Production
Wismut-Schachtanlage inmitten eines Dorfes im Erzgebirge.
Was die Schächte mit der ursprünglichen Dorfstruktur machten, spielte ebenfalls keine Rolle. Bildrechte: MDR/ AstFilm Productions
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Ähnlich wie Dr. Nowack in der Serie "Charité", der mehr über die Krankheitsgeschichte seines Patienten herausfinden will, ergeht es deshalb im realen Leben auch einer Abordnung der SED. Diese will bereits 1947 die schlechten Arbeitsbedingungen der Wismut-Arbeiter überprüfen, darf aber noch nicht einmal das Werksgelände betreten. In der Serie erfährt Dr. Nowack zwar die wahre Todesursache, lügt aber unter Druck des Parteisekretärs der "Charité" die Tochter des verstorbenen Bergmanns an und spricht von einer Lungenembolie.

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | MDR Sachsenspiegel | 09. Oktober 2020 | 19:00 Uhr