Mein Ur-Großvater Walter Ulbricht Ulbrichts Ur-Enkel: "Letztlich war Walter Ulbricht ein introvertierter Mensch."

Er heißt Florian Heyden, lebt in der Schweiz und dass er der Urenkel aus Ulbrichts erster Ehe ist, weiß kaum einer. Allerdings stellte er sich irgendwann die Frage: Wer war Walter Ulbricht? Meist überwogen negative Urteile: Spalter, Mauerbauer, Lügner, Diktator. Jahrelang war Florian Heyden unterwegs und hat in deutschen, russischen, amerikanischen und britischen Archiven recherchiert, Fachleute und Familienangehörige konsultiert, um sich selbst ein Bild von Walter Ulbricht, seinem Urgroßvater, zu machen.

Walter Ulbricht als junger Mann.
Walter Ulbricht am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Bildrechte: Privatarchiv Florian Heyden

"Wir sind anders". Sie schreiben, dieser Satz sei wie ein Erbstück für Ihre Familie. Das Erbe war Abgrenzung und Außenseitertum, im Alltag, in der Schule, überall. Für Sie, der sieben Jahre nach Ulbrichts Tod erst auf die Welt gekommen ist, auch?

Total. Ganz klar. Das steckt ganz tief in der Familie drin – bis heute. Überlegen Sie mal, was wir für eine Geschichte haben. Ulbricht ist schon in frühen Jugendjahren verfolgt bzw. überwacht worden. Er ist untergetaucht. Er hat seine Frau Martha und meine Großmutter Dora unter falschem Namen mit ins Ausland genommen, musste flüchten und untertauchen. Frau und Familie wurden von Polizei und Spitzeln nach Informationen ausgequetscht. Vor der Haustür, außerhalb der Familie begann gewissermaßen Feindesland.

Nach dem Krieg ist meine Oma Dora im Westen während ihrer Ausbildung vom Chef gemobbt worden: "Dora Ulbricht? Ich weiß doch wer du bist!" Die ist fertig gemacht worden. Sie mussten ständig umziehen. Walter konnte 1947 meinen Großvater aus der Kriegsgefangenschaft in Litauen holen können. Er hätte im Osten als Ingenieur eine gute Zukunft gehabt, wollte aber nachhause, also nach Lübeck. Als meine Oma (Walters Tochter) beim Studium in Leipzig einen Zusammenbruch hatte, folgte sie ihrem Verlobten aus ihrer Heimatstadt zu seinen Eltern nach Lübeck. Und das ging so weiter: Über Karlsruhe, Schwetzingen, Mannheim, Wiesbaden ... Die haben gelernt einen Graben um sich zu ziehen. Die haben sich abgeschottet und auf einen engen Freundeskreis, speziell den Naturfreunden, begrenzt.

Die Familie Ulbricht besteht aus drei Stämmen. Da ist Dora aus der ersten Ehe mit Martha aus Leipzig. Das ist mein Familienzweig. Dann Mimi aus der zweiten Ehe mit Rosa in Paris. Und Beate aus der dritten Ehe mit Lotte in Berlin.

Florian Heyden

Familiengeschichte prägt. Immer. Und ich habe dieses "Wir sind anders" unbewusst verinnerlicht. Vielleicht weil meine Großmutter es meinem Vater immer wieder gesagt hatte. Vielleicht einfach, weil es ein halbes Jahrhundert eine echte Notwendigkeit wurde, um sich in einer "feindlichen" Umwelt zu schützen. Es gibt gewissermaßen in meiner Familie eine Art Leitgedanken, den sie von ihren Eltern immer wieder Gehört haben muss - mit dem ich persönlich ziemlich hadere: "Sei doch mal vernünftig. Das musst du doch verstehen." Ich kann durch die Recherchen meine Familie etwas besser verstehen und weiß, wo unsere Macken und Schrammen herkommen - ich glaube, Walters Kinder und Enkel haben wahrlich genug Schrammen davongetragen.

Dora Ulbricht - die Tochter von Walter Ulbricht aus erster Ehe. Sie ist Großmutter des Autors Florian Heyden.
Dora Ulbricht - die Tochter von Walter Ulbricht aus erster Ehe. Sie ist Großmutter des Autors Florian Heyden. Bildrechte: Privatarchiv Florian Heyden

Für Ihre Recherchen zum Buch haben Sie CIA-Akten, Stasi-Akten sowie andere Unterlagen von Geheimdiensten gelesen und durchforstet. Sind Sie leicht an diese Unterlagen herangekommen?

Ja und nein. Die USA haben den Freedom of Information Act. Grob gesagt konnte ich als Nachfahre Walter Ulbrichts über Umwege Einsicht in seine Unterlagen verlangen. Zwei Bände liegen in New York. Der amerikanische Geheimdienst hat übrigens im Vergleich zu ihren Kollegen in Pullach eine ziemlich beeindruckende Arbeit geleistet. In England war es letztendlich die gleiche Geschichte. Mehrere dicke Akten mit dem Vermerk „closed“. Die englische Geheimdienstakte fängt im Oktober 1931 mit einem Zeitungsauschnitt aus dem "Dailye Worker" an.

1933 vermerkt der Englische Geheimdienst dann in der Akte, Walter Ulbricht würde vermutlich bald dort Asyl beantragen, dass man ihm auf keinen Fall gewähren solle. Die Geheimdienste haben dann durchgängig miteinander kommuniziert. 1935 fragt die Gestapo in London zu Walter an, die Briten fragen daraufhin bei den Kollegen in Belgien und Frankreich, ob er vielleicht in Brüssel sei? Sehr viel später kommt dann raus: Der war damals zwar so ziemlich überall, in Moskau, Paris, Barcelona, Zürich, Saarbrücken, Amsterdam ... aber weder in Brüssel noch in England. Die Geheimdienste wussten einfach nicht, wo der ist. Darüber könnte man schon irgendwie einen Spionageroman schreiben.

Auch das Bundesarchiv war ein riesiger Fundus, nicht nur wegen den Unterlagen der Gestapo. An weitere BND-Akten bin ich wiederum leider nur relativ spärlich gekommen. Da hat der Familienname Ulbricht dann leider doch nicht immer geholfen Türen zu öffnen.

Bei den französischen Akten ist es dann teils noch abenteuerlicher geworden. Als die Wehrmacht 1940 auf Paris vorrückte, wurden "sensible" Akten nach Süden evakuiert. Die Transportkähne wurden von der Wehrmacht überholt und die Akten gingen als Beuteakten nach Berlin. Von dort hat die Rote Armee diese 1945 wiederum nach Moskau gebracht. Ich weiß nicht, wie viel Sie über russisches Archivwesen wissen, aber auch wenn man die Akten einsehen kann - da findet man nicht so leicht etwas genaues wieder.

Buchcover: Walter Ulbricht - Mein Ur-Großvater
Bildrechte: Eulenspiegel Verlag

Über das Buch Jahrelang war Florian Heyden unterwegs und hat in deutschen, russischen, amerikanischen und britischen Archiven recherchiert, Fachleute und Familienangehörige konsultiert, um sich selbst ein Bild von Walter Ulbricht, seinem Urgroßvater, zu machen. Aus dem Erfahrenen webt er einen aufschlussreichen Text. Er verknüpft die Geschichte seiner Familie mit der Geschichte eines berühmten Homo politicus, verbindet Privates mit Politischem. Ulbrichts Geschichte endet im Buch 1945, mehr als dreißig Jahre, nachdem er Martha Schmellinsky in Leipzig kennengelernt hatte. Die beiden haben eine Tochter. Dora heiratet den Sohn von Walters Freund Otto Heyden, mit dem dieser auf Wanderschaft war. Und die beiden Heydens wiederum setzen in Lübeck einen Sohn in die Welt - den Vater des Autros Florian Heyden. So ist der Lauf der Welt. Wie der Urenkel zeigt: Sie hält noch immer Entdeckungen und Überraschungen bereit. Und eine Fülle unbekannter Fotos.


Florian Heyden: Walter Ulbricht - Mein Urgroßvater. Erscheint am 20. August 2020 im Verlag edition ost. ISBN 978-3-360-01893-9.

Gab es emotionale Grenzen bei der Recherche? Haben Sie Dinge entdeckt, von denen Sie sich im Nachgang gewünscht hätten, Sie hätten die nicht herausgefunden?

Gute Frage. Da muss ich erst mal überlegen. Also was ich gemerkt habe, als ich mehr über französischen Stamm der Familie gelernt habe, war, wie viele Parallelen es gibt. Die Familie Ulbricht hat ja drei Stämme: Leipzig – mit Martha. Paris – über Rosa und Berlin – über Lotte. Die Frauen hatten alle ziemlich unterschiedliche Charaktere. Aber was sie verbunden hat, ist die Politik, die Liebe zu Walter Ulbricht - und die damit verbundenen Folgen.

Dora, meine Großmutter, muss stark darunter gelitten haben, dass der Papa nicht da war. Da ist die weitere Familie gewissermaßen "eingesprungen". Das hat sie geprägt. Und das hat sich ziemlich ähnlich wiederholt bei der zweiten Ehe mit Rosa, woraus Mimi entstanden ist. Meine Großmutter war ein kränkliches schreiendes Kind. Das hat Walter um das "nötige innere Gleichgewicht gebracht", das er für die Partei brauchte. Also traf er gemeinsam mit Martha die Entscheidung: Er trennt sich, kümmert sich weiter, aber die Partei geht vor. Er hat sich immer schuldig gefühlt, wenn er nicht restlos für die Partei da war.

Und das gleiche hat sich eins zu eins in der zweiten Ehe wiederholt, aus der Mimi entstanden ist. Die Kleine kam 1933 in Berlin für ein halbes Jahr im Heim in Pension – zu ihrem Schutz, da Ulbricht unter den Nazis ja klar verfolgt wurde. Das Ganze dann später in Moskau nach der Trennung von Walter und Rosa noch einmal, die Tochter muss in Pension, die Revolution kommt vor der Familie. All das hat Spuren hinterlassen. Auch Rosa hat nach der Trennung von Walter geschrieben, währe Mimi nicht dagewesen, hätte sie das nicht überstanden. Menschliche Kollateralschäden der Weltrevolution, gewissermaßen.

Dann kam die dritte Ehe mit Lotte. Auch hier wieder das Muster: "Eine weitere kinderlose Ehe". Und nach dem Krieg hat Lotte Druck gemacht, dass Ulbrichts Beate adoptieren. Und auch das scheint menschlich nicht gut ausgegangen zu sein. Zumindest nicht für das Kind. Damit habe ich persönlich, nicht zuletzt als Vater, menschlich gewissermaßen, ziemliche Probleme. Der Sozialismus strebt doch sozialer Gleichheit Glück und Wohl für alle. Aber wie will man eine glückliche Gesellschaft schaffen, wenn man nicht in der eigenen Familie anfängt? Die Partei ging immer vor allem, vor ihm selber, vor seinem Privatleben und eben auch seiner Familie. Trotz aller guten Absichten laste ich ihm das an. Er hat meine Oma sitzen lassen. Ich habe auch Familie, das geht mir menschlich sehr nah.

Martha Schmelinsky, die zweite Frau von Walter Ulbricht
Rosa - die zweite Frau von Walter Ulbricht. Bildrechte: Privatarchiv Florian Heyden

Gehen wir mal ein wenig ins Detail. Walter Ulbricht kennt Martha, Ihre Ur-Großmutter schon seit früher Jugend. Im Buch taucht sie das erste Mal 1912 auf, wo sich Walter mit Gesellen in der Wirtschaft "Zum Pflug" trifft und von Leipzig und Martha erzählt. Wie haben sich die beiden denn nun kennen gelernt?

Das ist noch ein wenig mysteriös. Das liegt auch bei mir im Dunklen, wie die sich nun genau kennen gelernt haben. Da bleibt leider für immer eine Menge ungesagt. Aber Martha und Walter sind ja beides Sozialisten und die Familien Schmellinsky und Ulbricht haben sich gekannt. 1912 waren Martha und Walter schon definitiv zusammen. Die sind wahrscheinlich schon seit 1910 zusammen – wahrscheinlich von der Familie verkuppelt, waren also gut 20 Jahre zusammen vor der Trennung.

Es ist nur ein kurzer Satz, aber Sie schreiben: "Die Liebe hält, in Marthas Worten: bis zum Tod. Auf Marthas Schreibtisch steht zeitlebens Walters Bild." Hat Ihre Ur-Großmutter nach der Scheidung wieder geheiratet?

Nein. Und die Rosa auch nicht. Walter muss also menschlich etwas gehabt haben das ihn liebenswert gemacht hat. Lotte und Rosa haben nach Walters Tod von Walter gesprochen, "so wie ihn außer uns keiner kennt". Er muss Menschlich durchaus etwas gehabt haben, auch wenn er es sehr gut verborgen hat. Ich glaube auch nicht, dass der irgendwo noch andere Frauen hatte. Der hatte diese drei Frauen in seinem Leben - und das relativ nahtlos. Walter war letztendlichein introvertierter Mensch. Der hat aber immer diese weibliche Präsenz in seinem Leben gebraucht, diese Wärme. Gleichzeitig war nie besonders gut darin, dann eine Beziehung zu gestalten.

Nach der Scheidung von Martha und Walter Ulbricht, die beiden scheinen ja trotzdem noch ein gutes, freundschaftliches Verhältnis zu haben, kommt trotzdem keine Ruhe rein. Überwachung, Paparazzi – das alles hat das Leben von Martha und Dora ja überschattet …

Ja, das stimmt schon. Rosa und Mimi sind übrigens auch nach deren Trennung mit Walter und Lotte in Moskau zusammen in die Sommerferien gefahren. Rosa hat in Frankreich dann auch relativ Ruhe gehabt. Was Martha angeht, so hat allerdings gerade nach dem Mauerbau die Presse regelrecht Jagd auf die Familie gemacht. Es hieß immer, Walter Ulbricht hätte seine Familie verleugnet. Er hat sie letztendlich beschützt. Es gab ja eh die permanente Überwachung durch Geheimdienst und Presse. Da muss man schlafende Drachen nicht unnötig wecken. Wem soll man trauen? Ein Boulevardmagazin hat noch 2002 meinen Großeltern vor dem Altersheim aufgelauert. Die Heimleitung musste schließlich die Polizei rufen um die Reporter von dem Grundstück zu entfernen. Die Zeitung hat dann groß auf der Titelseite einen Artikel über "Ulbrichts heimlich Tochter – sie lebt in einem Altersheim im Western" veröffentlicht. Ich habe selbst noch sehr schöne Erinnerungen an meine Großeltern, die Schwalbennester in der Garage, das Klavier meiner Großmutter, die Modeleisenbahn meines Großvaters, der riesige Garten hinter dem Haus - das weiß ich noch. Und dann sieht man das mit fiesen, hämischen Kommentaren in den Zeitungen. Überlegen Sie sich mal, was das mit Menschen macht …

Florian Heyden, der Ur-Enkel Walter Ulbrichts.
Florian Heyden Bildrechte: Florian Heyden

Über den Autor Florian Heyden (1980), ist in der Schweiz als Manager in der Nahrungsmittelbranche
tätig. Er hat sich intensiv mit seiner Familiengeschichte auseinandergesetzt, die Zeit
seines Lebens ein gut gehütetes Geheimnis war: Er ist der Urenkel von DDR-Staats-
und Parteichef Walter Ulbricht. Heyden lebt mit seiner Familie in Genf.

Martha Schmellinsky und Walter Ulbricht wurden erst Ende der 1940er-Jahre in der DDR geschieden. Wie sah denn der Kontakt zwischen Martha, Dora und Walter nach der Scheidung aus? Und auch während der Ehe mit Rosa Michel und Lotte Ulbricht?

Also vorweg: Walter Ulbricht war – und das erzählt auch mein Vater immer – ein wirklich guter, lieber Mensch und Papa. Sobald er Zeit und Kapazitäten hatte, war er präsent. Er hat auch nach den Scheidungen immer – primär finanziell – Verantwortung übernommen. Aber die Wahrheit ist auch: Meine Oma Dora muss ziemlich sauer gewesen sein auf ihren Vater, als er einfach nicht mehr da war. Das war nicht einfach. Mein Vater erzählte mir mal: "Die Dora hätte von ihrem Papa alles haben können, sie wollte nur nicht." Als sie dann später im Westen war, lief der Kontakt nur noch über Umwege. Ich habe im Bundesarchiv noch Briefe gefunden von meinem Onkel an Walter: "Die Dora ist dann und dann in Leipzig, kommst du auch?" Schmellinskys haben immer versucht, den Kontakt zu Walter zu halten. Geschenke gab es dann eben über Verwandte: von Hamburg nach Leipzig oder Berlin. Oder Treffen in konspirativen Wohnungen.

Von Ulbricht - ich weiß, Sie können das wahrscheinlich nicht mehr hören - wird ja immer der eine Satz zitiert und als eine der größten politischen Lügen deklariert. Aber es gibt noch etwas: Seine Adoptivtochter Beate. Die Geschichte über die Adoption ist bekannt. Und dass sie alkoholkrank mit nicht einmal 50 Jahren starb auch. Das wirft ein sehr düsteres Bild auf Ulbricht. Sie selber sagen, Sie sind unzufrieden mit dem schlechten Bild über Ihren Ur-Großvater. Aber bei der Geschichte: Wie kann man das denn auch anderes sehen?

Ich will Walter weder attackieren, noch in Schutz nehmen. Das könne andere gerne tun. Aber wenn man sich seine Akten durchliest, bekommt man am Ende doch schon den Eindruck, dass er mit den besten Absichten gehandelt hat. Was die Mauer angeht, so würde er Ihnen wahrscheinlich sagen, dass Bonn die Krise bewusst eskaliert hat. Die BRD bekam Milliarden aus Washington, zahle aber keine Reparationen. Der Aufschwung im Westen für jeden sichtbar. Walter war "für vertragliche Regelungen der Beziehungen zwischen Westberlin und der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik". Er sei kein Verfechter einer Gewaltlösung, er überprüfe jeden taktischen Schritt sorgfältig. Die Gefahren waren ja auch real. Washington ging von bestenfalls 16 Millionen Toten in den USA, 117 Millionen in der UDSSR, 105 Millionen in China und 15 Millionen in Westdeutschland aus. Nach dem Mauerbau meinte Kennedy, die Mauer sei "keine sehr schöne Lösung, aber verdammt viel besser als ein Krieg". Adenauer versicherte Moskau, dass er keine Schritte unternehmen werde, welche die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR erschweren. Walter meinte, dass die Bürger im Westen begreifen mögen, dass er ihnen das Leben gerettet hat. Die Früchte würden kommende Generationen ernten, er müsse den Hass auf sich nehmen.

Westberliner Plakat zur Information der Ostberliner Bevoelkerung - "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!"
Plakat mit Ulbrichts berühmtem Satz zum Bau der Berliner Mauer. Bildrechte: dpa

Was Beate angeht, so kann und will ich dazu nicht viel sagen. Ihr Niedergang hat erst nach dem Tod von Ulbricht angefangen. Wem ich da viel mehr anlaste ist eigentlich Lotte - und Beate übrigens auch. Das hat sie ja zu Lebzeiten in Interviews noch gesagt. Richtig ist: Die Partei ist bei Walter immer vorgegangen. Die Partei ging aber nicht nur vor seine Frauen und Kinder, die Partei ging vor ihn selber. Lotte ist da aber noch weiter gegangen. Die ist da noch ein Zacken schärfer als er. Sie meinte, sie wolle Beate zu einem sozialistischen Menschen erziehen. Da stimmt für mich menschlich etwas nicht ganz. Ich habe Lotte nicht gekannt, habe aber einen Brief von ihr von nach Walters Tod an meinen Vater - an Jörg. Da spüre ich durchaus Wut: "Jörg, es freut mich, dass du den Weg des Sozialismus genommen hast und Dich für uns entschieden hast." Warum ich da sauer werde, ist eigentlich der gleiche Grund wie bei Mimi, Dora und Beate. Mein Vater hatte als Kommunist Berufsverbot im Westen. Er wollte Lehrer werden, hat studiert und durfte dann aber nicht. Er hat dann Jobs gemacht, um die Familie zu ernähren. Da ist eine Menge zerbrochen dadurch. Und Lotte freut sich, dass er sich für sie und den Sozialismus entschieden hat. Da bekomme ich Wut, da fehlen mir die Worte: Wie kann man so reden?

Das wirkt nun aber so, als sei Ulbricht sehr weich gewesen. Die Partei steht über allem. Und dann übernimmt Lotte in der dritten Ehe die Führung.

Weich ist nicht das richtige Wort. Aber ich weiß, was Sie meinen. Er war Staatseigentum. Er hat auch stark seine private und berufliche Seite getrennt. Nein, weich ist er nicht gewesen. Er ist menschlich gewesen. Er hat das Wandern geliebt, er war ein Naturfreund. Aber er war extrem gut darin, Emotionen nicht zu zeigen. Diese Maske, dieser Januskopf, da hat er sich dahinter versteckt. Zu Hause ist er Lotte auch angegangen, wenn sie ihm gesagt hat, was er tun soll.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte und wichtigste Vermächtnis – sowohl politisch als auch privat - von Ulbricht? Sie schreiben ja selber, die einen verehren, die anderen verabscheuen ihn und dazwischen passt wenig. Das Buch endet mit den Zeilen: Bekommt man anno 2020 Ärger, wenn man sich als Urenkel Walter Ulbrichts öffentlich zu erkennen gibt?

Was sein Vermächtnis angeht, bin ich mir nicht sicher, ob ich eine klare Antwort für Sie habe. Um ehrlich zu sein, ich habe lange mit mir gekämpft, ob ich das Buch veröffentliche und wenn, ob unter meinem Namen. Das Buch war ursprünglich nie für die Veröffentlichung gedacht. Das war eigentlich nur für meine Familie. Ich war dann so gefesselt, dass ich acht Jahre daran gearbeitet habe. Das ist kein politisches Buch. Ich bin kein Dogmatiker. Ich bin Vater, ich bin Mensch. Und daher ist es genau das: Ein menschliches Buch. Über meine Familie. Vielleicht ist das ja in gewisser Weiser ein Vermächtnis?

Familie Ulbricht in der zweiten Generation
Dora Ulbricht mit ihrem Mann und in der Mitte Sohn Jörg - der Vater des Autors. Bildrechte: Privatarchiv Florian Heyden

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 13. August 2020 | 19:30 Uhr