Interview mit Norbert F. Pötzl "Er war eben kein grauer Apparatschik"

In Wolfgang Vogels schillerndem Lebenslauf spiegelt sich die Deutschlandpolitik zur Zeit der Teilung. Wir befragten den Spiegel-Journalisten Norbert F. Pötzl, der den DDR-Anwalt auch persönlich kannte und nun ein neues Buch über Vogel und die Gefangenentransfers geschrieben hat. Pötzl hatte dafür Zugang zu Vogels Privatarchiv ...

Sie haben Wolfgang Vogel persönlich kennengelernt. Was war er für ein Mensch?

Ich habe ihn als sehr warmherzig erlebt, sehr großzügig. Aus vielen Gesprächen mit einigen seiner früheren Mandanten weiß ich aber auch: Immer dann, wenn es zur Sache ging, war er sehr zurückgenommen, kühl gar. Er hat dann jedes Wort abgewogen, um keine Versprechungen zu machen, die er nicht einhalten konnte.

Was war das Besondere an Wolfgang Vogel, dass die Stasi schon in den 1950er-Jahren auf ihn aufmerksam wurde?

Aus "Wolfgang Vogel - Der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes"
Norbert Pötzl gibt im GMD-Film Auskunft Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der späteren DDR wurde nach 1945 eine neue Juristenausbildung eingeführt. Die sogenannten Volksrichter mussten nur einen Volkschulabschluss und die richtige Gesinnung haben. Wolfgang Vogel war einer der Letzten, der noch die klassische Juristen-Ausbildung mit zwei Staatsexamen hatte und somit auch im Westen als Rechtsanwalt auftreten konnte. Nur drei Monate nachdem er im September 1952 das zweite Staatsexamen abgelegt hatte, wurde das in der DDR abgeschafft. Es gab, glaube ich, ein halbes Dutzend DDR-Rechtsanwälte, die in dieser Zeit in West-Berlin und in der Bundesrepublik eine Zulassung hatten. Und die Stasi hatte natürlich ein Interesse daran, alles zu erfahren, was dort passierte.

Wolfgang Vogels Karriere begann im Ost-Berliner Justizministerium, als sein Mentor Rudolf Reinartz dort Abteilungsleiter wurde und ihn als Referenten nachholte. In Folge des Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 machten die "Säuberungen" im DDR-Staatsapparat auch nicht vor dem Justizministerium Halt. In welcher Situation war Wolfgang Vogel damals?

Aus "Wolfgang Vogel - Der DDR-Anwalt mit dem goldenen Mercedes"
Spielszene: Wolfgang Vogel (Thomas Rühmann, l.) in den Fängen der Stasi Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In einer schwierigen. Denn Rudolf Reinartz war nach West-Berlin geflohen und schrieb ihm einen Brief, in dem er ihn bat, sich mit ihm in West-Berlin zu treffen. Vogel musste davon ausgehen, dass die Stasi den Inhalt kannte und ihm vielleicht unterstellen würde, dass er von der Fluchtabsicht seines Mentors gewusst habe, ohne das zu melden – und das wäre natürlich strafbar gewesen. Wolfgang Vogel war damals noch nicht einmal 28 Jahre alt, hatte eine Frau, zwei kleine Kinder und stand unter großem Druck.

Die Stasi wollte, dass er mit Reinartz Kontakt aufnimmt, ihn ausfindig macht. Erkennbar lief es darauf hinaus, dass Reinartz aus West-Berlin in den Ostsektor entführt werden sollte. Damit wollte Vogel aber nichts zu tun haben. Seine Karriere stand allerdings auf dem Spiel, und so hat er sich nicht total verweigert: "Ja, wenn er sich nochmal bei mir meldet, dann berichte ich das." Nicht ohne die Schutzbehauptung, so nah habe er Reinartz gar nicht gestanden.

Er hat sich also darauf eingelassen, als geheimer Informant für die Stasi zu arbeiten?

Diese Begriffe, "Geheimer Informant" oder "Geheimer Mitarbeiter", die waren ihm natürlich nicht bekannt. Das waren interne Stasi-Begriffe. Ihm wurde nur mitgeteilt, als er diesen zwei Stasi-Leuten im Zimmer 120 im Justizministerium gegenüber saß: "Wir wollen wissen, was Rudolf Reinartz macht. Wenn er sich bei Ihnen meldet, dann geben Sie uns Bescheid." Und nur zu diesem Punkt hat er die Zustimmung gegeben. Weiter reichte die Verpflichtung nicht, die der Stasi-Offizier Werner Johde schriftlich festgehalten hat. Und das glaubte Vogel wohl riskieren zu können.

Heute liegen Vogels Akten bei der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin. Sie sind lückenhaft. Was hat Vogel nach Ihren Recherchen der Stasi berichtet?

Er hatte gerade in der Anfangszeit oft West-Berliner, Bundesdeutsche und westliche Ausländer, die in der DDR mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren, zu verteidigen. Da ging es auch schon darum, dass Vogel nach Möglichkeiten suchte, diese Leute frei zu bekommen - gegen Geldzahlungen, die westliche Angehörige oder Firmenchefs entrichteten.

Darüber musste er natürlich mit der Stasi verhandeln. Hinweise auf Denunziationen habe ich nicht gefunden.