Der Anfang vom Umbruch Friedensmarsch 1987: die einzige legale Demo der DDR-Opposition

Am 28. Februar 1986 hielt die Welt den Atem an: Der schwedische Staatschef Olof Palme wurde auf offener Straße erschossen. Der Sozialdemokrat hatte sich wie kein Zweiter für atomare Abrüstung in Europa eingesetzt. Viele Menschen verbanden ihre Hoffnungen auf dauerhaften Frieden mit ihm. Sie organisierten Anfang September 1987 einen nach Olof Palme benannten Friedensmarsch durch vier Länder Mitteleuropas - auch durch die DDR. Es wurde die erste und einzige legale Kundgebung der kirchlichen Opposition, die nicht mehr aufzuhaltende Veränderungen nach sich zog.

Demonstrationsteilnehmer tragen ein Transparent mit dem Spruch "Olof Palme Marsch für eine atomwaffenfreie Zone". Links auf dem Spruchband das Friedenssymbol "Schwerter zu Pflugscharen"
Demonstrationsteilnehmer tragen ein Transparent mit dem Spruch "Olof Palme Marsch für eine atomwaffenfreie Zone". Links auf dem Spruchband das Friedenssymbol "Schwerter zu Pflugscharen" Bildrechte: dpa

Matthias Grimm-Over hatte im Herbst 1987 gerade seine neuen Dienststelle als Jugendreferent der evangelischen Kirche in Torgau angetreten. Da hieß es gleich: "Da ist was geplant, wir wollen uns beteiligen, kümmere dich drum." Der Olof-Palme-Friedensmarsch entstand auf Initiative mehrere internationaler Friedensgruppen. Er geht auf Palmes Bemühungen um einen atomwaffenfreien Korridor zurück, der 150 Kilometer lang zwischen Ost- und West-Europa verlaufen sollte. Die evangelische Kirche ist mit im Boot und mit ihr auch die kirchliche Friedensbewegung der DDR. Da die Staatsführung der DDR öffentlich ebenfalls für Frieden eintritt, kann sie die Beteiligung der kirchlichen Gruppen nicht verbieten - zumal sich Staatsratschef Erich Honecker in der Zeit des Marsches auf Staatsbesuch in der Bundesrepublik aufhält und man deshalb Negativschlagzeilen aus der DDR unbedingt vermeiden will.

Erst friedlich, dann folgten Repressalien

Die Route in der DDR führte von Stralsund nach Ravensbrück, Burow, Sachsenhausen, Wittenberg, Berlin, Potsdam und Torgau - wo eine Demonstration am Denkmal der Begegnung an der Elbe geplant war. Dort hatten sich zum Ende des Zweiten Weltkriegs amerikanische und sowjetische Soldaten auf der gesprengten Brücke die Hände gereicht. Der Olof-Palme-Friedensmarsch kam am 11. September 1987 an diesem symbolträchtigen Ort an. Das war zugleich der letzte Tag von Honeckers Besuch im Westen. Und: "Es war der letzte Tag, an dem der Marsch wie geplant lief, danach begannen die Repressalien", erzählt Zeitzeuge Matthias Grimm-Over. Denn den Gruppen aus den Kirchenkreisen ging es um substantielle gesellschaftliche Veränderungen in der DDR.

Matthias Grimm-Over, zu DDR-Zeiten Jugendreferent der evangelischen Kirche in Torgau, Teilnehmer des Olof-Palme-Friedensmarsches 1987
Matthias Grimm-Over (am Mikrofon) war ab 1987 Jugendreferent der evangelischen Kirche in Torgau. Bildrechte: Erdmute Bräunlich/Stiftung Fotoarchiv Bräunlich

"Gitarren statt Knarren"

Matthias Grimm-Over hatte selbst den Wehrdienst komplett verweigert. Wie er setzten sich viele dafür ein, die Wehrerziehung als Teil des Unterrichts in den Schulen abzuschaffen, die Militarisierung der Gesellschaft abzubauen. So malten sie eigene Transparente, die nicht nur das symbolträchtige "Schwerter zu Pflugscharen" trugen, sondern Sprüche wie "Gitarren statt Knarren", "Wir fordern sozialen Friedensdienst" und "Rüstung tötet auch ohne Krieg". Dafür hätten sie alle Besenstiele in Torgau aufgekauft, erinnert sich Grimm-Over. Zur Torgauer Umweltgruppe, damals die Heimat der Friedens- und Oppositionsbewegung, kamen weitere Aktive aus dem Süden der Republik, unter anderem der Pfarrer der Nikolaikirche, Christian Führer.

"Bei der Kundgebung trafen wir auf eine große Menge bestellter Demonstranten, die zum Teil mit riesigen Transparenten versuchten, unsere Plakate zu verdecken", erinnert sich Grimm-Over. Auch die Staatssicherheit war da und versuchte mit ihren Leuten, zu stören, indem sie Unruhe stiftete. Grimm-Over erinnert sich an Rangeleien, das anschließende Friedensgebet wurde erschwert und seine Wohnung durchsucht. Er sagt rückblickend: "Durch die Rangeleien auf der Kundgebung hatten die erst dafür gesorgt, dass diese viel Aufmerksamkeit bekam. Wir waren ja nicht viele, sie hätten sich einfach souveräner verhalten können."

Olof Palme
Olof Palme Bildrechte: imago/Kamerapress

Wer war Olof Palme?

Olof Palme hinterließ im Europa der 1980er-Jahre eine große Lücke. Der 1927 geborene Sozialdemokrat und langjährige Regierungschef von Schweden hatte sich enorm um Vermittlung zwischen Ost und West während des Kalten Krieges bemüht, sprach mit den Staatsführungen in Ost und West und setzte sich weltweit für Arme und Unterdrückte ein. Egon Bahr, SPD-Politiker in der Bundesrepublik, sagte nach Palmes Tod: "Wir haben, soweit ich das übersehen kann, keine Führungspersönlichkeiten in Europa. Er hatte noch den Krieg mitgemacht und er hatte existenzielle Entscheidungen zu treffen gehabt. Und die Leute heute reden über Karriere und das ist ganz was anderes."

Friedensmarsch als Beginn eines offensiveren Protestes

Der Olof-Palme-Friedensmarsch geriet nach der Station Torgau und der Rückkehr des Staatschefs Erich Honecker ins Stocken. Matthias Grimm-Over hatte den Zug aus ca. 50 Menschen noch bis zum Ort Belgern begleitet. Er erzählt, dass die Staatsmacht alles versuchte, um den Marsch zu stoppen. In Dresden war endgültig Schluss, der Weitermarsch in die ČSSR wurde als "Provokation" verboten. Die Kundgebungen der vergangen Tage waren die ersten genehmigten der kirchlichen Oppositions- und Friedensgruppen und sollten nach dem Willen der SED-Staatsführung die einzigen bleiben.

Die Hoffnung auf eine neue Offenheit war passé. Das wurde durch entsprechende Repressalien klar gemacht. Im November 1987 nahmen die "Staatsorgane" Bürgerrechtler in der Ost-Berliner Umweltbibliothek fest und beschlagnahmten Unterlagen und Technik. Grimm-Over sieht im Friedensmarsch den Beginn eines offensiveren Protestes in der DDR. Erstmals hatten Menschen "den Schutz der kirchlichen Mauern verlassen und waren in die Öffentlichkeit getreten, dass ließ sich nicht mehr aufhalten" - auch mit weiteren Verhaftungen in den folgenden Jahren nicht mehr.

Mutmaßlicher Täter nahm sich 2000 das Leben

In Schweden gingen die Ermittlungen im Mord an Olof Palme nur schleppend voran. Ein Tatverdächtiger wurde 1989 schuldig und dann wieder freigesprochen. Erst 2020 führten nochmalige Untersuchungen zum wahrscheinlichen Täter. Die Indizien weisen auf Stig Engström. Der war nach dem Mord als Zeuge aufgefallen, hatte sich über die Maßen um Aufmerksamkeit bemüht, aber die Politik Olof Palmes abgelehnt. Da sich Engström schon im Jahr 2000 das Leben genommen hat, lässt sich der Fall aber nicht mehr abschließend klären.

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR Zeitreise | Ein Friedenskämpfer wird erschossen – Olof Palme | 23.02.2016