Orte der Arbeit in der DDR Mehr als nur ein Arbeitsplatz! Als es das Betriebsvergnügen noch gab

Planungssicherheit, das hatten DDR-Bürger nicht nur, wenn es um den Arbeitsplatz bis zur Rente ging. Zur Arbeitsstelle gab es meistens noch ein ganzes soziales Umfeld dazu. Die Kollegen wurden Freunde – ob durch den Betriebssport oder gemeinsame organisierte Freizeitfahrten. Das Betriebsvergnügen stand hoch im Kurs.

Männer halten runden Gegenstand
Aufnahme aus dem VEB Wälzlagerwerk Leipzig, auch "Kullerbude" genannt Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus

Umgeben von Hunderten Bambina-Schokoladen und Knusperflocken – das Dasein eines Produktionsmitarbeiters bei Zetti war alles andere als bitter – zumindest wenn es um die Gaumenfreuden ging. Denn die Arbeit konnte schon sehr anstrengend sein, erinnert sich Stefanie Scholle, die fast 20 Jahre beim VEB Zetti Schokoladen- und Zuckerwaren in Zeitz gearbeitet hat. Bei 44 Wochenarbeitsstunden war das Berufsleben nicht immer ein Zuckerschlecken.

Eigener Frauenarzt für die Belegschaft

Um den Alltag zu erleichtern, ließ Zetti ein Sozialhaus auf dem Betriebsgelände errichten. "Das bedeutete, dass die Leute bessere Waschräume bekamen, dazu Umkleideräume und einen großen Speisesaal. Es gab sogar einen Zahnarzt, einen Betriebsarzt und für kurze Zeit einen Frauenarzt", erinnert sich Stefanie Scholle. Außerdem wurde im Untergeschoss eine große Küche eingebaut, in der gekocht wurde. "Es wurde nicht nur für uns, sondern auch für die Kindergärten und für alte Leute gekocht. Es war eine riesengroße Betriebsküche", erinnert sich Scholle, die 1971 als Lebensmitteltechnologin bei Zetti angefangen hatte. Das Betriebsziel hinter all den sozialen Wohltaten: Eine Infrastruktur vor Ort sollte helfen, die Bindung an den Betrieb eng zu halten.

Die soziale Seite der "Kullerbude"

Arbeit war nicht alles, was die Werktätigen in einem Betrieb wie dem VEB Wälzlagerwerk schätzten. Es gab auch viele soziale Einrichtungen im Betrieb, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichterten.

Küchenfrau bei der Arbeit
Blick in die Betriebsküche des Wälzlagerwerks. Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Küchenfrau bei der Arbeit
Blick in die Betriebsküche des Wälzlagerwerks. Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Küchenfrau bei der Arbeit
Vor 1990 war die Pausenverpflegung gesichert. Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Menschen spielen Fußball
Nach der Arbeit traf man sich in der BSG - Betriebssportgemeinschaft - beispielsweise beim Fußball, ... Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Menschen spielen Volleyball
... oder beim Volleyball, ... Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Menschen spielen Schach
... oder beim Schach wieder Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Menschen schießen
Außerdem gab es Betriebssportfeste, bei denen auch die Vertragsarbeiter aus Kuba zeigen konnten, wie gut sie schießen konnten. Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Kinder spielen Sackhüpfen
Die Kinder waren auch immer mit von der Partie, für die es natürlich ganz andere Disziplinen gab ... Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Aufnahmen aus dem Alltag des VEB Wälzlagerwerk "Kullerbude"
Praktisch für Eltern: Der Betriebskindergarten befand sich gleich auf dem Betriebsgelände. Bildrechte: Wolfgang Germanus
Aufnahmen aus dem Alltag des VEB Wälzlagerwerk "Kullerbude"
Das Ferienobjekt des VEB Wälzlagerwerk in Koserow auf der Insel Usedom. Bildrechte: Wolfgang Germanus
Zimmereinrichtung mit Bett, Waschbecken und Tisch
Blick in das nüchtern eingerichtete Urlaubsquartier. Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
Menschen bei Gymnastik am Strand
Auch im Urlaub und im Ferienlager gab es Frühsport für alle.
(Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der Doku-Reihe "Orte der Arbeit": 23.04.2019 | 22:05 Uhr.)
Bildrechte: MDR/Wolfgang Germanus
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Ein Betrieb für die ganze Familie

Für die Arbeitnehmer stand ein Platz für den Nachwuchs im Betriebskindergarten bereit. Dort lernte sich dann auch die nächste Generation von Mitarbeitern kennen, denn nicht selten folgten die Kinder ihren Eltern später in den Betrieb. Zu DDR-Zeiten wurde die junge Generation frühzeitig an das Produkt herangeführt und die Betriebszugehörigkeit wurde gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen.

Für Johannes Förster war die Altenburger Wollspinnerei, kurz ALWO, 43 Jahre lang das zweite Zuhause. 40 Jahre Betriebszughörigkeit waren bei der ALWO keine Seltenheit. Tatsächlich arbeiteten hier ganze Familien, manche ein Leben lang. "Es war fast ein Familienbetrieb", scherzt Förster. "Die Schwiegermutter, meine Frau waren hier, später der Sohn und natürlich meine Wenigkeit".

Betriebskantinen in der DDR: Jägerschnitzel, Makkaroni und Kohl

Beinahe jeder Betrieb in der DDR unterhielt eine Kantine. Die Mahlzeiten waren preiswert und die Kantinen gut besucht. Oft gab es Jägerschnitzel, Makkaroni und stets ein Gemüse: Kohl, und zwar in allen Variationen.

Köchinnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena sorgen für eine leckere Mahlzeit, 1954.
Mit der DDR-Mangelwirtschaft hatten selbstverständlich auch die Kantinen zu kämpfen. Improvisation war für die Küchenkräfte Alltag. Einzig und allein ein Gemüse war immer verfügbar: Kohl. Und zwar in allen Variationen: Sauerkohl, Rotkohl, Weißkohl... Bildrechte: dpa
Köchinnen der Friedrich-Schiller-Universität Jena sorgen für eine leckere Mahlzeit, 1954.
Mit der DDR-Mangelwirtschaft hatten selbstverständlich auch die Kantinen zu kämpfen. Improvisation war für die Küchenkräfte Alltag. Einzig und allein ein Gemüse war immer verfügbar: Kohl. Und zwar in allen Variationen: Sauerkohl, Rotkohl, Weißkohl... Bildrechte: dpa
Ein Teller mit Nudeln und Tomatensoße.
Kam oft auf die Teller der Betriebskantinen: Makkaroni mit Tomatensoße... Bildrechte: IMAGO
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Heute "Teambuilding" – damals schlicht Betriebsfeier

Feiertage wurden nicht nur im kleinen Familienkreis begangen, sondern waren auch in den einzelnen Abteilungen ein wichtiges Event. Besonders ausgiebig wurde der Frauentag gefeiert, der Chef gratulierte persönlich. Die Weihnachtsfeier hatte einen besonderen Stand und wurde oftmals im Betrieb und dann noch einmal in der "Brigade" gefeiert – alles in Eigenregie gestemmt. "Ich war manchmal sogar eine halbe Stunde eher da, weil es auch viel zu organisieren gab. Es hat mir eigentlich Spaß gemacht und ich hab mich hier wohlgefühlt", berichtet Christine Kurbjuweit, die bei Zündholz in Riesa arbeitete. Die Brigaden schweißten die Menschen zusammen und bildeten einen sozialen Mittelpunkt für die Mitarbeiter. Veronika Rossmanek, die als Werkzeugmacherin beim VEB Landmaschinenbau Güstrow einstieg, erinnert sich:

Mit der Brigade hat man gearbeitet und gefeiert. Mein ganzer Freundeskreis hat sich aus dem Arbeitsleben entwickelt, das war normal.

Veronika Rossmanek

Gemeinsame Probleme schweißen zusammen

Die Planwirtschaft der DDR setzte genaue Ziele in der Produktion, die auch erfüllt werden mussten, sonst gab es Ärger. Das hieß dann für die Arbeiter oftmals aber auch, den Mangel zu managen. Am Arbeitsplatz ging es oft vor allem darum, gemeinsam Probleme zu lösen, um den Plan um jeden Preis zu erfüllen. Andreas Patzenhauer kann vor der bitteren Seite der Schokoladenproduktion berichten. Auch bei Halloren in Halle wurde um die Planerfüllung gekämpft. "Da mussten wir uns zusammensetzen und uns ausdenken, wie erreichen wir das? Das ging nur über Sonderschichten am Samstag oder zusätzliche Schichten. Aber woher die Arbeitskräfte nehmen?", beschreibt Patzenhauer den Zustand der sozialistischen Arbeitswelt. Dennoch ist er sich sicher: Es war nicht immer ein Zuckerschlecken im Betrieb, aber die Gemeinschaft ließ vieles besser aushalten.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch in der Doku-Reihe: Orte der Arbeit 23.04.2019 | 30.04.2019 | 07.05.2019 | jeweils 22:05 Uhr

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