Fluchtversuche über die Tschechoslowakei Von Hunden zerfleischt: Tod am Eisernen Vorhang

Vor 31 Jahren fiel die Berliner Mauer und damit eine Grenze, die unüberwindbar schien. Mindestens 400 Menschen sind beim Versuch ums Leben gekommen, aus der DDR in den Westen zu gelangen. Was weniger bekannt ist: Manche fluchtwilligen DDR-Bürger wählten einen Umweg über die Tschechoslowakei – in der Annahme, der Eiserne Vorhang dort würde weniger streng bewacht als daheim. Für einige von ihnen endete der Fluchtversuch über die ČSSR tödlich. Eines dieser Opfer war Hartmut Tautz aus Magdeburg. Die freie Welt war schon in Sichtweite, als der 18-Jährige von zwei Wachhunden zerfleischt wurde. Einer der bislang wenig beachteten Grenztoten.

Grenze Tschechoslowakei - ein Grenzzaun
In Čížov befindet sich der letzte im Originalzustand erhaltene Abschnitt des Eisernen Vorhangs in Tschechien. Bildrechte: imago images/CTK Photo

Hartmut Tautz hat einen Traum: Musik zu studieren. Doch das wird ihm verwehrt, weil er in der Schule mit seinen regimekritischen Ansichten aneckt. Er hat außerdem Angst – weil er in wenigen Wochen den Wehrdienst in der NVA antreten muss. Er entscheidet sich, über die Tschechoslowakei in den Westen zu fliehen.

Republikflucht über die Tschechoslowakei

Am Abend des 8. August 1986 nimmt Tautz seinen ganzen Mut zusammen. In der Plattenbausiedlung Petržalka, am Stadtrand von Bratislava und direkt an der österreichischen Grenze gelegen, glaubt er, ein Schlupfloch im Eisernen Vorhang gefunden zu haben: ein riesiges Maisfeld, das sich entlang der Grenze hinzieht. Zwischen den mannshohen Pflanzen werden ihn die Grenzer doch nicht so schnell entdecken.

Ein verhängnisvoller Irrtum! Denn was Tautz nicht ahnt: um solche schwierigen Grenzabschnitte zu überwachen, haben sich die tschechoslowakischen "Genossen" etwas ganz Besonderes einfallen lassen – sogenannte "selbstständig angreifende Hunde". Die äußerst aggressiven Tiere sind darauf abgerichtet, den "Grenzverletzer" zu stellen und, wenn nötig, auch zu töten. Selbst die Hundeführer haben manchmal Angst vor ihnen.

Hartmut Tautz, DDR-Flüchtling aus Magdeburg, der in der Nacht 8./9.08.1986 an der tschechoslowakischen Grenze getötet wurde.
Der 18-jährige Magdeburger Hartmut Tautz wurde am 8. August 1986 von Wachhunden tödlich verletzt, als er über die tschechoslowakische Grenze nach Österreich flüchten wollte. Bildrechte: Ústav pamäti národa

Von Wachhunden zerfleischt

Um 22:16 Uhr durchtrennt Tautz einen Signalzaun und löst damit Alarm aus. Eine Leuchtrakete geht hoch. Eine Zwei-Mann-Patrouille eilt herbei und lässt ihre beiden Hunde von der Leine – der Hundeführer leistet bei den Grenztruppen seinen Wehrdienst ab und ist nur drei Jahre älter als Hartmut, der jetzt um sein Leben rennt. Doch er hat keine Chance. 22 Meter vor der Grenze – die Lichter des österreichischen Dorfes Kittsee sind schon in Sichtweite – richten die beiden Schäferhunde Hartmut grausam zu.

Sein Schädel ist nach der Attacke skalpiert, das Gesicht verletzt, Ober- und Unterschenkel mit Bisswunden übersät. Doch statt ihm zu helfen, versuchen die Grenzer, den schwerverletzten Deutschen zu verhören und suchen die Gegend nach möglichen "Mittätern" ab. Als Hartmut schließlich ins Krankenhaus kommt, ist es zu spät. Um 1:15 Uhr erliegt er seinen Verletzungen. Der Gerichtsmediziner, der die Leiche obduziert, hält fest: Durch rechtzeitige medizinische Hilfe hätte man den jungen Mann noch retten können. Auch Jahrzehnte später wird er sich an den Fall noch erinnern – als einen der schlimmsten in seinem Berufsleben.

Grenzsicherung wie an der Berliner Mauer

Der Eiserne Vorhang in der ČSSR stand der Berliner Mauer in nichts nach: mit Sperrgebiet, Minenfeldern, Stacheldraht, Hochspannungs- und Signalzäunen, Wachtürmen, Scheinwerfern, Postenweg, Wachhunden und einem Schießbefehl war er fast genauso ein unüberwindbares Hindernis wie die Berliner Mauer. Zwischen 1952 und 1965 stand der Grenzzaun unter Hochspannung - danach begnügte sich das Regime mit einem Signalzaun, der nur eine niedrige Spannung führte und bei einer Unterbrechung Alarm auslöste.

Schild "Sperrzone Grenze"
Ähnlich wie an der innerdeutschen Grenze zog sich auch in der Tschechoslowakei ein mehrere Kilometer breites Sperrgebiet am Eisernen Vorhang entlang. In der Großstadt Bratislava war dieser jedoch sehr schmal, so dass Hartmut Tautz relativ einfach an die Grenzzäune herankommen konnte. Bildrechte: Cezary Bazydlo

Eiserner Vorhang in der Tschechoslowakei

Ähnlich wie in der DDR gab es entlang der Grenze eine Sperrzone, die bis zu zwölf Kilometer ins Landesinnere hineinragen konnte und nur mit einem Passierschein betreten werden durfte. Unmittelbar an der Grenzlinie entlang gab es eine bis zu zwei Kilometer breite "verbotene Zone", in der sich niemand außer Grenzsoldaten aufhalten durfte.

Um Flüchtlingen wie Hartmut Tautz die Orientierung zu erschweren, wurden bereits in den 1950ern Wegweiser, Ortsschilder und Markierungen von Wanderpfaden in der Sperrzone entfernt. Menschen, die unmittelbar an der Grenze wohnten, mussten umziehen, ihre Häuser wurden nach und nach abgerissen, damit sie Flüchtlingen keinen Unterschlupf bieten und den Grenzern die Sicht nicht versperren. Rund 50.000 Gebäude und 126 Dörfer hörten auf diese Weise auf zu existieren. Aus dem weiteren Hinterland der Grenze wurden außerdem Bürger ausgesiedelt, die man für politisch unzuverlässig befand - vergleichbar der deutschen Aktion "Ungeziefer". Diejenigen, die bleiben durften, wurden oft als "freiwillige Helfer" der Grenztruppen eingespannt, sogar Kinder. Sie hatten die Aufgabe, verdächtige Personen zu melden, und manchmal gingen sie mit den Grenzschützern gemeinsam – im Hinterland – auf Streife.

Zweistellige Opferzahl aus der DDR

Hartmut Tautz war einer von etwa 20 Ostdeutschen, die an der tschechoslowakischen Westgrenze starben. Diejenigen Ostdeutschen, die beim Fluchtversuch lebend gestellt wurden, wurden nahezu postwendend an die DDR ausgeliefert und dort genauso wegen Republikflucht abgeurteilt, als wären sie an der innerdeutschen Grenze oder Berliner Mauer gefasst worden.

Originalplakat "Vorbildliche Grenzeinheit"
Wie in der DDR wurden auch in der Tschechoslowakei Wehrdienstleistende in die Grenztruppen einberufen. Einen Schießbefehl gab es dort bereits ab Juli 1951. Bildrechte: Cezary Bazydlo

Tod kurz vor Mauerfall

Der letzte DDR-Flüchtling kommt am 15. Mai 1989 ums Leben, nur wenige Monate vor dem Mauerfall. An diesem Tag versucht eine Familie mit vier Kindern, in einem Wolga den Schlagbaum eines Grenzübergangs zu unterfahren. Die Eltern nehmen an, dass die Absperrung aus Plastik oder Holz dem beschleunigten Fahrzeug nachgeben wird, doch der Schlagbaum ist massiver gebaut als angenommen. Der Wolga verliert sein Dach und kommt im Straßengraben zum Stehen. Der achtjährige Kevin überlebt den Zusammenprall nicht, die Mutter und ein weiteres Kind werden schwer verletzt.

Verbrechen ohne Strafe

Hartmut Tautz wäre heute 52 Jahre alt. Weder die Grenzsoldaten, die die Hunde auf ihn losgelassen haben, noch ihre Vorgesetzten noch die politische Führung der Tschechoslowakei wurden bislang für seinen Tod zur Verantwortung gezogen. Immerhin aber: Im März 2017 entschied das Bezirksgericht in Bratislava, dass seiner Familie eine Entschädigung zusteht.

Misslungener Grenzdurchbruch von DDR-Bürgern im Mai 1989 / Quelle: Technické muzeum v Brně
Der letzte DDR-Flüchtling an der tschechoslowakischen Westgrenze stirbt nur wenige Monate vor dem Mauerfall beim Versuch, einen Schlagbaum mit diesem Wolga zu unterfahren – ein achtjähriges Kind. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR S-ANHALT | Sachsen-Anhalt heute: Grenzopfer | 15. August 2017 | 19:00 Uhr