1958 Namenstaufe ROBOTRON ROBOTRON: IT - Made in GDR

Komplizierte Rechnungen finden heutzutage in Hosentaschen oder in Armbanduhren statt und die kleinen technischen Wunderwerke, die sie ausführen, sind aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Der Beginn der digitalen Revolution ist in der DDR mit dem Namen ROBOTRON fest verbunden. Der Chemnitzer Rolf Kutschbach gilt als der Vater der Rechentechnik in der DDR.

Rolf Kutschbach, Vater des R300, des ersten Computers der DDR.
Rolf Kutschbach, Vater des R300, des ersten Computers der DDR Bildrechte: MDR/Kerstin Mauersberger

Es war eine kleine Szene von Ingenieuren und Technikern, die in den 1950er-Jahren die Informatik in der DDR begründeten. Zu einer Zeit, in der jedes Schulkind noch mit dem Rechenschieber den Mathematikunterricht bestreiten musste und auch in der jungen Planwirtschaft kaum ausreichend mechanische Rechenmaschinen zur Verfügung standen, träumten sie den Traum von 5.000 Rechenoperationen in der Sekunde.

Verpönte Wissenschaft

Doch die Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen, die Kybernetik, und mit ihr die Informatik war im Sozialismus verpönt. Lange Zeit galt sie als "reaktionäre Pseudowissenschaft" oder "ideologische Waffe des Imperialismus" und damit wollte der Arbeiter- und Bauernstaat nichts zu tun haben. Und während man sich in der jungen DDR mit ideologischen Fragen aufhielt und die Pioniere der elektronischen Rechentechnik eher in wissenschaftlichen Hinterzimmern ihr Dasein fristeten, brachte die US-amerikanische Firma IBM Anfang der 1960er-Jahre mit dem IBM 1401 erstmals ein Rechner in tausendfacher Stückzahl auf den internationalen Markt.

Roboter und Elektronik gleich ROBOTRON

Elektronische Rechenmaschinen wurden mittlerweile auch in der DDR gebaut, wenngleich sie die Kapazität und Leistung der neuartigen westlichen Computer noch lange nicht erreichten. Der VEB Elektronische Rechenmaschinen ELERMA im früheren Karl-Marx-Stadt hob 1958 den Namen ROBOTRON nach einem innerbetrieblichen Wettbewerb aus der Taufe und vertrieb seine Produkte unter diesem Namen. Die ehrgeizigen Ingenieure des Werkes beobachteten schon lange die internationale Forschung. Allen voran Rolf Kutschbach, der schon seit den Kindertagen Erfinder werden wollte. Ihn ließ der Gedanke nicht los, elektronische Datenverarbeitung in größeren Dimensionen zu denken, als es bisher geschah. Trotz der neuartigen Elektronik mussten die vielen einzelnen Arbeitsschritte nach wie vor von Menschen gemacht werden, das nahm der Wirtschaft Arbeitskräfte und kostete wertvolle Arbeitszeit.

Ulbricht wird Computerfan

Mangel sowohl an Arbeitskräften als auch an Effizienz - das waren Argumente, die auch in der Planwirtschaft ihre Gültigkeit hatten. Ideologische Fragen spielten Anfang der 1960er-Jahre schon längst keine Rolle mehr, denn ein leistungsfähiger Industriestaat war ohne elektronische Datenverarbeitung nicht mehr denkbar. Die Informatiker um Rolf Kutschbach wurden nun in Berlin gehört und Walter Ulbricht wurde zum ersten High-Tech-Fan im Staate: Alles, was die Planwirtschaft und damit den Sozialismus voranbringen würde, sollte ihm recht sein.

Es wurden Nägel mit Köpfen gemacht, schließlich galt es fünf bis zehn Jahre Rückstand in Forschung und Entwicklung aufzuholen. Der entsprechende Regierungsbeschluss zur "Entwicklung und Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der DDR" wurde 1964 erlassen. Die Computer-Pioniere konnten nun ihre Tüfteleien und Versuche aus dem Hinterzimmer holen, denn insgesamt 406 Millionen Mark sollten für das neue Prestigeprojekt in Mitteldeutschland investiert werden.

Zwischen "Denkmal und Galgen"

Große Erwartungen hatte man an die Ingenieure und Techniker, die man einst belächelte. Einerseits konnten sie nun ihre Arbeit vorantreiben, anderseits stieg der Erfolgsdruck mit jedem Tag. Sie selbst sprachen in dieser Zeit von einer Situation zwischen "Denkmal und Galgen". Die Entwicklung des ersten DDR-Computers verlangte allerdings nicht nur viel Kreativität, sondern stellte die Wirtschaft auch vor enorme Herausforderungen. Bereits seit den 1950er-Jahren bestand ein Embargo gegen die Einfuhr von High-Tech-Bauelementen in den Ostblock, so dass nahezu alle der 220.000 Bauelemente selbst hergestellt oder anderweitig beschafft werden mussten. Rolf Kutschbach gelang trotz des Embargos der Wettlauf gegen die Zeit und den internationalen Markt: Im Sommer 1966 konnte er die erste fertige Musteranlage vorstellen. Schon im Herbst wurde der "ROBOTRON 300" verpackt und in einer eigens gecharterten Maschine zur Moskauer Technikausstellung "Interorgtechnika" geflogen.

Der R300 geht in Serie

Die Betriebe sollen auf der Ausstellung Schlange nach dem "ROBOTRON 300", kurz R300, gestanden haben, obwohl man vergleichbare Modelle schon einige Jahre auf dem westlichen Markt kannte. Für den Ostblock war er das Nonplusultra. Doch trotz des großen Interesses und zahlreicher internationaler Anfragen war der erste DDR-Computer nicht für den Export gedacht. Walter Ulbricht hatte schlicht und einfach den Export verboten, der R300 war für die DDR-Betriebe gedacht und dort sollte er auch bleiben.

Im VEB RAFENA-Werk Radeberg bei Dresden wurde 1967 die Serienproduktion des R300 eingerichtet. Wo kurz zuvor noch fleißige Frauenhände Fernseher gebaut hatten, wurde für das Prestigeprojekt die ganze Produktion umgestellt: Von nun an wurden von den Fernsehtechnikern in dem zwei Meter hohen, acht Meter langen und 600 Kilo schweren Ungetüm 15.000 Transitoren verlötet und 380.000 Kontaktstellen in Handarbeit verdrahtet.

ROBOTRON: Das High-Tech-Kombinat der DDR

Robotron Hauptsitz in Dresden
ROBOTRON-Hauptsitz in Dresden Bildrechte: MDR/Kerstin Mauersberger

Die Rechner wurden in die ganze Republik geliefert und erfüllten ihren Auftrag. Das Projekt erfreute Planer und Politiker gleichermaßen, so dass es schon am 1. April 1969 zu einer weiteren tiefgreifenden Entscheidung kam: Mit dem Zusammenschluss mehrere Betriebe und einem Großforschungszentrum wurde das Großkombinat ROBOTRON mit Hauptsitz in Dresden, nach dem Vorbild westlicher Konzerne, gebildet. Zuletzt gehörten dem Kombinat über 20 Betriebe an fast 70 Standorten mit insgesamt rund 68.000 Beschäftigten an. Das einstige High-Tech-Kombinat wurde am 1. Juli 1990 offiziell aufgelöst und die Nachfolgebetriebe an die Treuhand übergeben.

Zuletzt aktualisiert: 18. April 2019, 16:11 Uhr