Das Ende eines legendären Schattenreiches Alexander Schalck-Golodkowski und die "Koko"

"Koko" - Hinter diesem Begriff verbirgt sich eines der größten Schattenreiche der DDR. Die Abkürzung steht für "Kommerzielle Koordinierung", eine 1966 eingerichtete Abteilung des Ministeriums für Außenhandel. Doch welche Art von "Außenhandel" hier betrieben wurde, wusste die Öffentlichkeit nicht.

Schalck baute praktisch seinen eigenen Geheimdienst auf", erinnert sich Markus Wolf, HVA-Chef bis 1986. "Was der verhandelte und welche Geschäfte er tätigte, erfuhren wir – wenn überhaupt – nur durch unsere Quellen in der Bundesrepublik.

Zitat aus dem Buch "Auf der Spur der Stasi-Millionen Andreas Förster

Als im Oktober 1989 Berichte über illegale Beschaffungsmethoden oder SED-Tarnfirmen im Westen auftauchen, steht die DDR-Führung Kopf. Die Volkskammer bittet den Mann zur Aufklärung, der vom ersten Tag Beginn an die Abteilung leitet: Alexander Schalck-Golodkowski. Doch zwei Tage vor seinem Vorsprechtermin verschwindet er in den Westen. Offiziell heißt es, er sei geflohen.

Der Staatssekretär ist zu dieser Zeit bereits eine politische Größe in der DDR. Seit seinem ersten Fernsehauftritt im Oktober '89 wird er innerhalb kürzester Zeit sogar als Kandidat für einen Chefposten in der neuen Regierung gehandelt. Das alles scheint vergessen, als plötzlich die pikanten Informationen über die Geschäftsmethoden der "Koko" in einem "Spiegel"- Bericht zu lesen sind. Unter dem Titel "Fanatiker der Verschwiegenheit - Die einträglichen Geschäfte des DDR-Staatssekretärs Alexander Schalck-Golodkowski" schildert das Magazin, wie der "Genosse stets dabei war, wann und wo Staat und Partei versuchten, ihre Fremdwährungskasse durch Geschäfte aufzufüllen - saubere wie illegale."

Schluss mit der Korruption im Osten?

Viele der Infomationen, die der "Spiegel" bekommt, stammen von Insidern aus dem Osten und das, obwohl ganz klar ist, dass diese den Staatsapparat der DDR diskreditieren. Auch einige im Osten haben scheinbar ein Interesse daran, Interna über die "Koko" zu verraten. Schließlich passt der Skandal hervorragend zu den Versprechen der Neuen im Staat, mit den alten korrupten Strukturen zu brechen.

Das demonstrieren sie öffentlichkeitswirksam: Die "Koko" wird zerschlagen und kommt unter öffentliche Kontrolle. Diese besteht nun in Teilen aus Mitarbeitern der MfS-Auslandsspionage.

"The most wanted man"

Alexander Schalck-Golodkowski ist derweil "the most wanted man" des Ostens. Nachdem er im Herbst 1989 untergetaucht ist, sucht die DDR ihn mit Haftbefehl. Erst vier Monate später taucht er in Bayern, im "Tal der Millionäre" wieder auf.  Der Haftbefehl samt Auslieferungsersuchen der DDR werden von der Bundesrepublik ignoriert. Erst später kommt heraus, dass der BND und alte "Freunde" im Westen dem berühmten DDR-Flüchtling bei der Umsiedlung behilflich waren. Denn der Ex-Staatssekretär und Politbüromitglied hat wertvolle Informationen.

Der Untersuchungsausschuss

Doch auch im Westen hat der neue Bundesbürger keine Ruhe. Parlamentarier des Deutschen Bundestags verlangen einen Schalck-Untersuchungsausschuss, der klärt, welchen Deal es tatsächlich gab und welche deutsch-deutsche Geschäfte mit der "Koko" liefen.

Über ein Jahrzehnt lang untersuchen Parlamentarier und Justiz die Geschäfte. Das Betättigungsfeld war weit - die Geschäfte zur Devisenbeschaffung reichten von Waffenschmuggel über Kunst- und Antiquitätenhandel bis hin zum Menschenhandel - mit politischen Häftlingen ließ sich viel Geld machen, ebenso mit (unwissenden) Probanden für Medikamenten. Die Geldströme lässt der Devisenbeschaffer über mehrere Stationen laufen, sodass kaum noch nachzuvollziehen ist, woher das Geld eigentlich stammt. Bekannt wird auch, dass die Bundesrepublik schon Jahre vor dem Mauerfall über diese Praxis Bescheid wusste. Als immer mehr Verflechtungen der Geschäfte des DDR-Devisenbeschaffers mit West-Parteienspendern, Wirtschaftsmagnaten und Banken sichtbar werden, stellt der Untersuchungsausschuss seine Arbeit 1994 ein.

Erst 1995 strengt die bundesdeutsche Justiz schließlich doch noch mehrere Prozesse gegen den Koko-Chef Alexander Schalck-Golodkowski an. Alexander Schalck-Golodkowski wird in zwei der Prozesse für seine Beteiligung an Embargovergehen und am DDR-Waffenschmuggel zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr beziehungsweise 16 Monaten verurteilt.