Operation im Bezirkskrankenhaus Karl-Marx-Stadt, aufgenommen im Oktober 1985
Bildrechte: dpa

Schönheitsoperationen in der DDR Wahre Schönheit kommt von innen?

Schönheitsfarmen und Beauty-Institute gab es in der DDR nicht. Doch auch im Sozialismus wurden nicht nur die "die Ohren angelegt", sondern auch andere plastisch-ästhetische "Verschönerungsmaßnahmen" von Chirurgen durchgeführt.

von Kathrin Aehnlich

Operation im Bezirkskrankenhaus Karl-Marx-Stadt, aufgenommen im Oktober 1985
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Heutzutage, im Zeitalter der ewigen Jugend und Schönheit, stellt sich die Frage, ob es nicht auch im Sozialismus den Wunsch nach Brustvergrößerung, Gesichtsstraffung oder Fettabsaugung gab. Unnötig, möchte man meinen, denn war die sozialistische Persönlichkeit nicht von innen heraus schön und zählte ein Klassenstandpunkt nicht mehr als ein glattes Gesicht oder ein straffer Hals? Es gab keine Schönheitsfarmen und Beauty-Institute, sondern nur Polikliniken und Krankenhäuser. Hin und wieder hörte man davon, dass einem Kind "die Ohren angelegt" wurden. Vor allem Jungs, die diesen Makel nicht mit langen Haaren kaschieren konnten, wurden auf diese Weise "verschönert".

Doch das war nicht alles. So wurden, ohne dass dies groß in der Öffentlichkeit bekannt war, in einigen Abteilungen der "Mund-, Gesichts- und Kieferchirurgie" in Berlin, Jena, Rostock oder Leipzig seit den 1970er-Jahren plastisch-ästhetische Operationen durchgeführt, die keinen krankheitsbedingten Hintergrund hatten. Vor allem Künstler und Funktionäre zählten zu den "Patienten". Allerdings gab es die Verschönerungen nicht auf Rezept. Ein Gesichts-Lifting kostete 2.000 Mark - eine Summe, für die man nach oft jahrelanger Ansparphase eine Schrankwand oder ein Motorrad bekam.

"Westgeschenke" implantiert

Es gab bestimmte Berufsgruppen, die ihre Schönheit einfordern und einen Antrag an die Sozialversicherung stellen konnten. So zum Beispiel Schauspieler und Schauspielerinnen, aber auch Grundschullehrerinnen, die sich in ihrem Beruf "zu alt" vorkamen. Die Genehmigung der Anträge blieb dem Ermessen der jeweiligen Sozialversicherungsangestellten vorbehalten. In dem meisten Fällen jedoch bezahlten die Patienten die "Korrekturen" selbst. Auch wenn es oft Künstler waren, die sich verjüngen ließen, gab es doch hin und wieder Vertreterinnen aus der Arbeiterklasse, so zum Beispiel eine Traktoristin, die sich in der Leipziger Universitätsklinik das Gesicht straffen ließ.

Schwierigkeiten bereitete, wie in allen Bereichen der Volkswirtschaft, das "Material". In der DDR wurden keine Brustimplantate produziert und die "Füllmasse" kam vom RGW-Partner Bulgarien. Das war nicht immer zur Zufriedenheit der Ärzte und Patientinnen, da das Material nicht keimfrei war und zu Infektionen führte. Die Lösung des Problems kam aus dem "Westen". Wie in so vielen Fällen musste die Verwandtschaft herhalten. Brustimplantate als Weihnachtswunsch statt einer "Levis"? Eine schwere Entscheidung. In der Leipziger Universitätsklinik wurden die "Westgeschenke" implantiert.

Die Tricks der Schönheitschirurgin

Prof. Dr. Barbara Langanke
Prof. Dr. Barbara Langanke Bildrechte: Universitätsklinikum Leipzig

Frau Professor Dr. Barbara Langanke, damals in ihrem Krankenhausalltag mit Gesichts- und Kieferchirurgie befasst, arbeitete auch hin und wieder im Ressort "Schönheitschirurgie". Die kompetente Ärztin, die mit Leib und Seele ihren Beruf ausübte, war - gestählt durch die Mängel im Krankenhausalltag - der Auffassung: "Wer operieren gelernt hat, muss das auch mit Messer, Gabel und Löffel können." Ein Meisterstück der Improvisation war die Beschaffung des Nahtmaterials für das Face-Lifting. Ab den 1980er-Jahren gab es Importe für Nahtmaterialien, die den hohen Anforderungen der plastischen und wiederherstellenden Kiefer- und Gesichtschirurgie genügen sollten. Doch mit den teuren Importen musste man haushalten und natürlich wurden diese Materialien zu allererst für die Unfallchirurgie bereit gestellt. Monofile, glatte Fäden für die Schönheitsoperationen waren rar. Hilfe gab es in Leipzig aus einer nahegelegenen Zoohandlung. Etwa 200 Meter vom Klinikgebäude entfernt, in der Windmühlenstraße, lag die Zoohandlung "Skalar". Dort fanden sich in dem Regal für den Anglerbedarf Rollen mit extrem dünner Schnur. Das waren genau die monofilen Fäden, die für die Operationen fehlten. Und so kam die Angelschnur nach einer Behandlung im Gas-Sterilisator direkt in den OP. Das Resultat waren gelungene Nähte und narbenfrei verjüngte Patienten. Diese wussten allerdings nicht, welchem Trick sie ihr neues Aussehen zu verdanken hatten. Und das war vielleicht auch besser so.

Kurzbiografie der Autorin Kathrin Aehnlich wurde 1957 in Leipzig geboren. Nach einem Ingenieur-Studium studierte sie von 1985 bis 1988 am Leipziger Literaturinstitut und veröffentlichte Hörspiele und Erzählungen.
1989 Beginn der journalistischen Arbeit für die unabhängige Wochenzeitung "Die andere Zeitung" (DAZ), dann erste Hörfunk-Dokumentationen. Seit 1992 ist sie Feature-Redakteurin bei MDR FIGARO.

Kathrin Aehnlich ist Autorin und Regisseurin von zahlreichen Features und Dokumentarfilmen und schreibt Erzählungen und Romane. Zuletzt erschienen ist ihr Roman "Wenn die Wale an Land gehen" (August 2013).

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: LexiTV | 19.02.2002 | 14:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2014, 12:55 Uhr