Scharz-weiss-Aufnahme einer Frau, die vor der DDR-Volkskammer redet. Im Hintergrund unter anderem Erich Honecker.
Bildrechte: dpa

Sensation in der Volkskammer Als die Abtreibung legal wurde

9. März 1972: Die DDR-Volkskammer beschließt das Gesetz "über die Unterbrechung der Schwangerschaft". Erstmals durften Frauen in den ersten zwölf Wochen nun selbst über einen Abbruch entscheiden.

von Dr. Grit Lemke

Scharz-weiss-Aufnahme einer Frau, die vor der DDR-Volkskammer redet. Im Hintergrund unter anderem Erich Honecker.
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Als die Volkskammer der DDR am 9. März 1972 das "Gesetz über die Unterbrechung der Schwangerschaft" verabschiedete, kam dies einer Sensation gleich: Mit 14 Gegenstimmen aus der CDU-Fraktion und acht Enthaltungen war es die einzige Abstimmung in der Geschichte des DDR-Parlaments bis zur Wende von 1989, die nicht einstimmig erfolgte, was in westlichen Medien entsprechend gewürdigt wurde.

Vor allem aber stellte der Inhalt des Gesetzes weltweit ein Novum dar. Erstmals übertrug es der Frau das Recht, innerhalb von zwölf Wochen nach Beginn einer Schwangerschaft eigenverantwortlich über deren Abbruch zu entscheiden. Bis dahin oblag es einer Kommission, unter Maßgabe bestimmter Indikationen über eine Abtreibung zu entscheiden.

Selbstbestimmung als "Geschenk" zum Frauentag

Das als eine Art "Frauentagsgeschenk" präsentierte Gesetz fiel in eine Zeit umfassender Rechtsreformen nach dem Machtwechsel von Ulbricht auf Honecker, der Frauen und besonders berufstätige Mütter zu Hauptadressatinnen seiner Sozialpolitik machte. Zudem antwortete es auf zunehmende Forderungen der Frauen nach mehr Selbstbestimmung, die gerade im medizinischen Bereich durch ihren wachsenden Anteil innerhalb der Ärzteschaft Raum griff. Obwohl das Thema Abtreibung in der DDR ein Tabu war - und auch nach dem Gesetz noch lange blieb - war allgemein bekannt, dass viele Frauen diese illegal durchführen ließen oder gar selbst Hand anlegten. Bei dieser gefährlichen Praxis starben offiziell jährlich etwa 70 bis 80 Frauen, die Dunkelziffer war jedoch weitaus höher.

Reaktionen auf das neue Gesetz

Dennoch regte sich ein schwacher Protest gegen die neue Regelung in kirchlichen Kreisen. Schon nach Bekanntgabe des Gesetzentwurfs hatte die katholische Kirche sich in einem von allen Kanzeln verlesenen Hirtenbrief vehement für den Schutz menschlichen Lebens durch den Staat ausgesprochen. Wenig später wurde in einem "Wort der Bischöfe der evangelischen Landeskirchen in der DDR" Ablehnung und "tiefste Bestürzung" geäußert. Freikirchliche Gruppierungen schlossen sich an, doch blieben all diese Einwände marginal. Auch seitens eines Teils der Ärzteschaft geäußertes Unbehagen führte nicht zu einer öffentlichen Debatte. Zeitzeuginnen berichten, dass das medizinische Personal den Eingriff anfangs oft nur widerwillig durchführte. Kirchlichen Krankenhäusern blieb es gar vorbehalten, ihn abzulehnen, wovon sie in den meisten Fällen Gebrauch machten.

Von der Ausnahme zum Routine-Eingriff

Dennoch wurde die "Schwangerschaftsunterbrechung" - wie es fälschlicher Weise hieß - mit den Jahren zur Normalität. In fast allen Krankenhäusern gab es Spezialabteilungen, die den Eingriff geradezu fließbandartig vornahmen. Denn die Zahl der Abtreibungen war nach 1972 tatsächlich sprunghaft angestiegen, wie eine Untersuchung für den Bezirk Gera belegte: Nach ca. 1.000 im Jahr 1971 waren es 1973 knapp 5.000. Landesweit kamen zwischen 1972 und 1986 auf 100 Lebendgeburten 47 Abtreibungen. Bis zum Ende der 80er-Jahre wurde in der DDR jede dritte Schwangerschaft abgebrochen. Die kostenlose Abgabe der Pille, die das Gesetz von 1972 ebenfalls vorschrieb, tat ein Übriges, um die Geburtenrate dramatisch sinken zu lassen: In Gera innerhalb kürzester Zeit um 22 Prozent, insgesamt lag sie 1975 nur noch bei 52,3 (Geburten auf 1.000 Frauen im gebärfähigen Alter).

Beratung ist die Ausnahme

Eine 1979/80 in zahlreichen Frauenkliniken durchgeführte Studie kam zu dem Schluss, der Umgang mit dem Gesetz sei "sehr verantwortungsbewusst". Es werde hauptsächlich von Frauen in Anspruch genommen, die schon Kinder - und zwar mehr als der Bevölkerungsdurchschnitt - hätten. Zugleich wurde bemängelt, dass die im Gesetz ebenfalls ausdrücklich vorgeschriebene Beratungspflicht des Arztes durch die regelrechte Massenabfertigung aus Zeitgründen zumeist vernachlässigt werde. Anstatt ein Gespräch mit der Schwangeren über Alternativen, mögliche soziale Maßnahmen und eine künftige Empfängnisverhütung zu führen, wurde oft schon beim ersten telefonischen Kontakt ein Termin für den Eingriff vergeben. Diese unbefriedigende Situation wurde nun auch in Fachgremien thematisiert. Der Arbeitskreis "Ethik in der Medizin" fordert 1985, künftig auch die Würde des "unerwünschten werdenden Lebens" stärker zu berücksichtigen.

Roman entfacht öffentliche Debatte

Einen ersten – wenn auch nur in Nischen geführten – Disput löste genau zehn Jahre nach Verabschiedung des Gesetzes Charlotte Worgitzkys sehr offener und teils schockierender Roman "Meine ungeborenen Kinder" aus. Dabei wurde von Frauenseite argumentiert, das Problem seien weniger die Schwangerschaft als vielmehr die vielen Jahre danach und die Doppelbelastung der Frau durch Erwerbs- und Familienarbeit. Die künftige Bevölkerungsentwicklung scheint dies zu bestätigen:

Durch zahlreiche sozialpolitische Maßnahmen wie der Einführung des "Babyjahres" und eine reduzierte Wochenarbeitszeit für Mütter stabilisierte sich die Geburtenrate zum Ende der DDR trotz legalem Schwangerschaftsabbruch wieder, bereits 1979 gab es wieder mehr Geburten als Sterbefälle. Wirklich aufgearbeitet wurde das Problem der Abtreibung in der DDR jedoch bis heute nicht.

(zuerst veröffentlicht am 02.03.2012)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: Die schwerste Entscheidung meines Lebens | 04.10.2018 | 22:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2019, 15:40 Uhr