Meine Geschichte Siegfried Stolle und das Drachenfliegen in der DDR

Einmal wie Otto Lilienthal die Schwerkraft überlisten und die Freiheit der Lüfte genießen: Das war der Traum von Siegfried Stolle. Spontan probierte er bei einem Besuch in der Tschechoslowakei das Drachenfliegen, danach war es um den flugbegeisterten Ingenieur geschehen. Gleichzeitig wurde aber das Drachenfliegen in der DDR verboten und für Stolle begann ein Weg durch die Instanzen, um sich seinen Traum vom Fliegen auch in der DDR zu erfüllen.

Der 76-jährige Ingenieur Siegfried Stolle aus Berlin ist alles andere als "nur" ein Flugenthusiast: Er ist Drachenflieger mit Leib und Seele. Wenn man ihn heute mit selbstkonstruierten und -gebauten Drachen fliegen sieht, vermutet man nicht, was er für seinen Sport auf sich nahm. Alles begann jedoch mit einer anderen Leidenschaft Stolles: dem Flugmodellbau. Begeistert brachte er viele dieser kleinen technischen Meisterstücke in die Luft, nahm an Meisterschaften teil und hielt den DDR-Höhenrekord. Doch als er im Sommer 1981 im tschechischen Raná auch einen Geschwindigkeitsrekord fliegen wollte, setzte er sein Modell gegen den Hang. Mit dem Flugzeug zerbrach auch seine Begeisterung für den Modellbau, von Fluggeräten wollte Siegfried Stolle vorerst nichts mehr wissen.

Fliegen mit dem "Gelben Elend"

Am selben Abend noch kam ein tschechischer Freund mit tröstenden Worten auf den am Boden zerstörten Modellflieger zu und riet ihm, das Modellfliegen sein zu lassen und doch lieber das Drachenfliegen zu lernen.

Dann sind die abends in die Gaststätte gegangen und ich habe mir den Drachen genommen, eingehakt und einfach so getragen. Da habe ich festgestellt: 'He, der trägt sich ja selber!' Plötzlich fliege ich - 20, 30 Meter!

Siegfried Stolle, Jahrgang 1940 und passionierter Drachenflieger

Das fliegende "Gelbe Elend"

Das nordböhmische Dorf Raná war mit seinen Hügeln und saftigen Wiesen seinerzeit eine Pilgerstätte für alles, was Tragflächen hatte. Siegfried Stolle schwenkte um, überzeugte einen Modellbaufreund und kaufte in Pilsen seinen ersten Drachen. Das mit gelben Anorakstoff bespannte Fluggerät taufte der frisch gebackene Selbstflieger auf den Namen "Gelbes Elend". Über private Kontakte fand er vor Ort in Raná auch eine Abstellmöglichkeit für seinen Drachen, sodass er diesen nicht ständig den 350 Kilometer langen Weg von Berlin nach Raná transportieren musste. Damit konnte er auch unbequemen Fragen, vor allem an der Grenze, aus dem Weg gehen, denn die DDR war ab 1980 ohnehin das einzige Land im Ostblock, das Drachen- und Gleitschirmfliegen verboten hatte. So zog es den passionierten Flieger fast jedes zweite Wochenende mit dem Trabi in die Tschechoslowakei.