1983: Verschärfung des Luftfahrtgesetzes

Der Weg durch die Instanzen

Dem strikten Verbot in der DDR folgte 1983 die Änderung des Luftfahrtgesetztes, dass "Besitz, Herstellung, Vertrieb und Benutzung von Hängegleitern, Geräten zum Betreiben des Wasserskifliegens sowie Geräten mit gleicher oder ähnlicher Funktionsweise" unter Strafe stellte. Eine Konvention, der sich der resolute Maschinenbauer nicht unterwerfen wollte. Zwar begründete man von offizieller Seite die Maßnahmen mit der Überfüllung des Luftraumes und der damit verbundenen Unfallgefahr. Die Flugsportler konnten sich ausrechnen, dass man mehr Angst vor den Anhöhen zwischen Harz und Rennsteig und damit vor den Fluchtmöglichkeiten hatte. Verhöhnt kamen sich da die DDR Hobbyflieger vor, als im selben Jahr eine große Reportage über das Drachenfliegen im "Sputnik" zu lesen war. Stolle verfasste dennoch im April 1984 einen Brief an Erich Honecker, aber nichts geschah. Sogar bei der militärisch organisierten "Gesellschaft für Sport und Technik" (GST), die auch für Luftsportarten zuständig war, sprach Siegfried Stolle immer wieder vor.

Ich war lästig wie eine Scheißhausfliege. Da haben sie manchmal hinter vorgehaltener Hand gesagt: 'Jetzt kommt der lästige Drachenflieger.' Ich habe so getan, als ob ich nichts höre, war ja auch egal.

Siegfried Stolle

Während 1986 das Bruderland Ungarn sogar die Europameisterschaften im Drachenflug ausrichtete und im selben Jahr unweit von Berlin den 90. Todestag Otto Lilienthals - ganz ohne Drachen- und Gleitflieger - feierte, geriet sogar das Kleinod Raná in Gefahr. Eine Razzia des tschechischen Sportverbandes offenbarte nicht nur die große Zahl der Gäste aus der DDR, man beschlagnahmte auch sämtliches Material der auswärtigen Flieger.

Der Brief an Mielke

Siegfried Stolle schrieb eine weitere Eingabe, dieses Mal an den Minister für Staatsicherheit Erich Mielke persönlich. Als sich darauf jemand bei ihm meldete und um ein Gespräch bat, willigte Siegfried Stolle ein. Das Ergebnis war aber keine schlagartige Änderung des Gesetzes, sondern der Beginn einer operativen Personenkontrolle namens "Drachen".

Trotzdem fuhr Siegfried Stolle unter den Augen der Staatssicherheit weiter nach Raná und machte auch seine regelmäßigen Runden bei allen staatlichen Organen, die ihm vielleicht mit seinem Anliegen weiterhelfen konnten. Von der Luftfahrtinspektion über das Verkehrsministerium, immer wieder bei der GST und zum Schluss auch beim SED-Zentralkomitee brachte er sein Anliegen vor, scheinbar ohne Erfolg. Doch hinter den Kulissen hielt der Bürger Stolle ganze Abteilungen auf Trab und die Rädchen in Bewegung. Während er immer verbissener Eingaben und Briefe schrieb, war der Fall eigentlich schon längst entschieden - zugunsten des Flugsports.

Unkontrollierbar und längst zu viele: Drachenflieger

Auch das Ministerium für Staatssicherheit erkannte, dass man die mittlerweile über 120 Drachenflieger nicht mehr kontrollieren konnte, denn infolge der Razzia in Raná wichen viele auf andere Plätze aus. Man befasste sich nun an höchster Stelle mit dem Thema und wollte dem Vorschlag, den Flugsport doch unter dem Dach der GST stattfinden zu lassen, stattgeben. Die Mühlen mahlten jedoch langsam, sodass es von 1987 bis zum 3. März 1990 dauerte, bis das Luftfahrtgesetz zugunsten der Sportflieger geändert wurde.

Für andere mag das groß gewesen sein. Für mich war das nicht so. Ich hatte einen Sieg errungen, der durch den Mauerfall relativiert wurde.

Siegfried Stolle

Ein Sieg ohne große Freude für Siegfried Stolle, der nach zehnjährigem Verbot nun auch wieder in der DDR fliegen durfte. In Laucha an der Unstrut fand im Sommer 1990 die erste und einzige offizielle Flugveranstaltung dieser Art mit Siegfried Stolle als Startleiter statt. Was er hinter den Kulissen mit seinem Engagement bewegt hatte, wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht, denn der "Gegner", den er mühevoll bezwungen hatte, existierte schon nicht mehr. Erst aus seiner eigenen Stasi-Akte erfuhr der Drachenflieger, welche Auswirkungen sein stetiges Bohren bei allen offiziellen Stellen bewirkt hatte.

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2012, 16:49 Uhr