"Schwalben" mit E-Motoren

In Polen werden seit 2016 die legendären "Schwalben" von Simson Suhl mit E-Motoren ausgestattet. Die Zweiräder der inzwischen legendären "Vogelserie", u.a. bestehend aus Spatz, Schwalbe, Star und später aus S50 und S51, erfreuten nicht nur Teenager-Herzen, die darauf ein Gefühl von Freiheit genießen konnten. In den 1950er- und 1960er-Jahren war ein anderes Fahrzeug für die meisten Familien schlichtweg unerschwinglich.

Simson Schwalben
Moderne Schwalbe mit Elektromotor. Bildrechte: Jana Gareis

Robust und langlebig war die Devise

Ein Kraftrad aus dem Hause Simson in Suhl machte viele Familien mobil. Da die Räder entscheidend waren für die Mobilität der DDR-Bürger, galten besondere Standards für die Konstruktion und Herstellung der Maschinen. Eine Anforderung für jedes Fahrzeug war, dass man damit mit 60 Stundenkilometern über die Straße düsen konnte oder - mit natürlich weniger Tempo - Feldwege bewältigen konnte. Außerdem sollten die Krafträder 40.000 Kilometer ohne Probleme laufen und erst dann zu einer Reparatur müssen.

Mopeds und Motorräder von Simson

Ab 1964 wurde bei Simson in Suhl die legendäre "Vogelserie" gefertigt: der Spatz, der Star, der Habicht, der Sperber und die legendäre Schwalbe.

Simson Schwalben
Michał Koziołek motzt seit 2016 in seiner Firma "RetroElectro" originale Schwalben mit einem Elektromotor auf. Iin einer kleinen Garage in Breslau baut er Schwalben für den internationalen Markt um, denn da seine E-Schwalben als Oldtimer gelten, bekommen sie von den polnischen Behörden mit Elektromotor keine Zulassung. Bildrechte: Jana Gareis
Star SR 4-2
Der Simson "Star" SR 4-2 hatte bereits eine 3-Gang-Fußschaltung und konnte mit 3,4 PS eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erreichen. Bildrechte: Conrad Weigert
Habicht
Von 1966 bis 1972 wurde der Simson "Sperber" produziert. Mit seinem hochdrehenden Motor mit geänderten Steuerzeiten und 4,6 PS erreichte der SR4-3 eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h. Trotz seines Hubraums von rund 50 cm³ wurde der "Sperber" deshalb als Leichtkraftrad eingestuft. Bildrechte: Conrad Weigert
KR 50
Der KR 50 war ein verkleidetes Kleinkraftrad in Roller-Optik, das von 1958 bis 1964 insgesamt 164.500 mal bei Simson in Suhl (Thüringen) gebaut wurde. Der KR50 gilt als Vorläufer der legendären "Schwalbe". Bildrechte: Conrad Weigert
Touren-AWO mit Beiwagen
Der Einzylinder-Viertaktmotor des Motorrades leistete 12 PS und beschleunigte die Maschine auf 100 km/h. Hier das Modell mit Seitenwagen. Bildrechte: Conrad Weigert
AWO 300 G
Auch im Geländesport kamen die einzigen Viertaktmotorräder aus dem VEB Simson Suhl zum Einsatz. Hier eine AWO 300 G aus dem Jahr 1958. Mit 300 cm³ und einem Viergang-Kardanantrieb leistete die Maschine 21 PS.
(Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: "Höhenflug eines Kult-Rollers" | 29.09.2018 | 18:00 Uhr. )
Bildrechte: Conrad Weigert
Simson Schwalben
Michał Koziołek motzt seit 2016 in seiner Firma "RetroElectro" originale Schwalben mit einem Elektromotor auf. Iin einer kleinen Garage in Breslau baut er Schwalben für den internationalen Markt um, denn da seine E-Schwalben als Oldtimer gelten, bekommen sie von den polnischen Behörden mit Elektromotor keine Zulassung. Bildrechte: Jana Gareis
Simson Schwalben
Diesen Behördenärger hat die Münchner Firma "Govecs" nicht, denn sie verbaut keine Originalteile. Auch sie produziert in Breslau. Sie hat die Markenrechte an der E-Schwalbe. Bildrechte: Jana Gareis
Spatz SR4-1
Ab 1964 wurde bei Simson in Suhl die legendäre "Vogelserie" gefertigt. Grundlage war anfangs ein Rheinmetall-Motor mit 2 PS und später der Einzylinder-Zweitaktmotor M53 von Simson mit einer Motorleistung zwischen 2,3 und 4,6 PS. Hier ein "Spatz" SR 4-1. Der "Spatz" hatte einen Motor mit 49,6 cm³ Hubraum, 2,3 PS Leistung und zwei Gängen. Der "Spatz" wurde 1964 bis 1970 gebaut. Bildrechte: Conrad Weigert
Star SR 4-2
Die Produktion des Simson "Star" begann fast zeitgleich mit dem Roller "Schwalbe" im Herbst 1964. Bis zum Serienauslauf im Jahre 1975 wurden 505.800 Stück verkauft. Bildrechte: Conrad Weigert
Star SR 4-2
Der "Habicht" war das letzte Modell aus der sogenannten Vogelserie. Der gebläsegekühlte 50 cm³-Motor hatte wie der "Sperber" ein 4-Gang-Getriebe. Die Höchstgeschwindigkeit des "Habicht" betrug etwa 60 km/h, die meisten waren allerdings deutlich schneller. Bildrechte: Conrad Weigert
"Schwalbe" vom Typ KR 51
Die "Schwalbe" vom Typ KR 51 ist der erste Motorroller von Simson, der zur Vogelserie gehört. Dieser Kleinkraftroller wurde erstmals als Zweisitzer entwickelt und von 1964 bis 1986 produziert. Bildrechte: Conrad Weigert
"Simson S 51" (Enduro-Variante)
Die Simson S 51 (hier die Enduro-Variante) ist mit 1,6 Millionen produzierten Fahrzeugen das meistgebaute Kleinkraftrad Deutschlands. Die S 51E erschien 1982. Besondere Merkmale waren der hochgezogene Auspuff mit verändertem Seitendeckel auf der rechten Seite und die typische Lackierung in Metallic-Silber. Bildrechte: Conrad Weigert
AWO 425
Die AWO 425, auch als Touren-AWO bezeichnet, wurde zwischen 1950 und 1961 im thüringischen Suhl gebaut. Bildrechte: Conrad Weigert
AWO 425 "Sport"
Daneben wurde mit einem völlig neu konzipierten Fahrwerk mit Hinterradschwingenfederung, einem verbesserten Motor und Vollnabenbremsen die AWO 425 "Sport" gefertigt. Bei diesem Modell gab es Motorvarianten mit 14 und später mit 15,5 PS Leistung. Bildrechte: Conrad Weigert
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Ein Minusgeschäft fürs Werk

"Robust, stabil sollten die sein und bis an den Balaton sollte man damit kommen", sagt Erhard Werner, der lange Zeit der Leiter des Konstruktionsbüros bei Simson war, über die Produktionsstandards. Der wichtigste Punkt: Erschwinglich sollte die Mobilitätsgarantie für den DDR-Bürger sein. Mit einem Verbrauch von drei Litern Sprit auf 100 Kilometer war zum Beispiel die "Schwalbe" kein Schluckspecht.

Die legendäre Schwalbe - das Kultobjekt aus der Simson-Produktion
Eine "Schwalbe" Bildrechte: MDR

Die Simson-"Vögel" gingen für rund 1.500 DDR-Mark über den Ladentisch. Doch der Verkaufspreis bereitete der obersten Riege der Simson-Werke in Suhl schlaflose Nächte. Die Herstellungskosten lagen nämlich bei 2.000 DDR-Mark. Pro Zweirad wurde also ein Verlust von 500 DDR-Mark gemacht. Der Verkaufspreis wurde allerdings weit weg in Berlin vom Staat Seite festgelegt, ohne vorher Kalkulationen anzusehen. Ein höherer Verkaufspreis galt bei den Löhnen in der DDR als nicht durchsetzbar.

Nestproduktion gegen die Eintönigkeit am Band

In dieser Halle wurden einst Millionen von Simson-Rollern lackiert
In dieser Halle wurden einst Millionen von Simson-Mopeds lackiert. Bildrechte: MDR

Um wirtschaftlicher zu produzieren, führten die Werksleiter bei Simson die sogenannte Nestproduktion ein - ein Prinzip, dass heute noch in der modernen Fahrzeugproduktion eingesetzt wird. Das Ziel war, die Langweile vom Fließband zu verbannen und die Arbeiter für mehr und abwechslungsreichere Aufgaben zu befähigen. Daher wurden für jeden Motor sogenannte Nester gebildet, in denen die Arbeiter immer unterschiedliche Arbeiten verrichteten. Das wirkte sich positiv auf die Leistung aus und die Motoren wurden schneller fertig, die Produktion stieg. Trotzdem blieben die Herstellungskosten über dem Verkaufspreis.

Größter Betrieb der Region

Der Star - ein Roller aus der so genannten Vogelserie.
Auch aus der Vogelserie von Simson: der "Star" Bildrechte: MDR

Das Simson-Werk in Suhl war der größte Arbeitgeber der Region. 3.500 Arbeitnehmer standen hier in Lohn und Brot. Bis zur Übernahme des Werks durch Teile der Belegschaft 1991/92 wurden in Suhl mehr als sechs Millionen Schwalben und Co. produziert. Ein Viertel der Krafträder wurde exportiert, etwa 20.000 Stück pro Jahr gingen in sozialistische Brüderländer und etwa 30.000 Stück in den Westen. Dabei wurde hier und da eine Schiffsladung Simson genutzt, um beispielsweise zur Weihnachtszeit die Versorgung mit Orangen zu sichern.

Alleinstellungsmerkmal 60 Stundenkilometer

Der Sperber - ein Roller aus der so genannten Vogelserie.
Für Motorfans: Der "Sperber" wurde als Leichtkraftrad eingestuft, schaffte aber bis zu 75 km/h. Bildrechte: MDR

Nach der Wende war das Simson-Werk der erste Großbetrieb, der von der Treuhand abgewickelt wurde. Der Versuch, als GmbH zu überleben, scheiterte an der Konkurrenz aus dem Westen und aus Asien. Außerdem stiegen viele Ostdeutsche nun aufs Auto um. Diese gab es nun im Überfluss in allen Preisklassen, ob gebraucht oder neu.

Doch bald zeigte sich, dass sich die robuste Qualität der "Simson"-Vögel bewährt. Ein weiterer Grund für deren große Beliebtheit auch nach der Wende ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern in der 50ccm-Klasse. Nach den heutigen Vorschriften dürfen zweirädrige Kleinkrafträder nur noch eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern erreichen. Mit den Oldies von damals darf aber immer noch mit 60 Sachen über die Straßen gedüst werden.

Erfolgreiche Marktnische: Ersatzteile für die Kult-Räder

Ersatzteile für Schwalbe und Co. sind deshalb so gefragt, dass das Unternehmen MZA, das nach der Insolvenz des Traditionswerkes Teile von Simson übernommen hatte, unzählige Ersatzteile für die alten Kleinkrafträder produziert. Mittlerweile expandiert das Unternehmen sogar und baut rund 25 Kilometer entfernt von Suhl, in Meiningen, ein neues Logistikzentrum. Die Schwalbe und ihre Schwestern sind zum Kultobjekt avanciert und Simson hat sprichwörtlich mit der Produktion der robusten Krafträder den Vogel abgeschossen.

Die Schwalbe lebt weiter: jetzt als E-Schwalbe aus Polen

Simson Schwalben
Michał Koziołek stattet Schwalben mit einem E-Motor auf. Bildrechte: Jana Gareis

Im polnischen Breslau motzt Michał Koziołek seit 2016 Schwalben auf und stattet sie mit einem modernen Elektromotor aus. Seine Firma "RetroElectro" hat er mit Freunden gegründet. Trotz vieler Anfragen aus Polen verkauft er seine immerhin gut 4.000 Euro teuren Schwalben derzeit nur ins Ausland. Der Grund dafür: Oldtimer (als solche gelten die Schwalben aus Ostdeutschland) mit Elektromotor werden von den polnischen Behörden nicht zugelassen.

Besser hat es da die Münchner Firma "Govecs". Sie hat die Markenrechte für die E-Schwalbe und fertigt sie seit 2017 in Breslau in großem Stil. Allerdings verwendet das mittelständische Unternehmen keine Originalbauteile - und umgeht so den Behördenärger. Bei "Govecs" kostet eine E-Schwalbe "Made in Poland" rund 5.500 Euro.

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(bb)

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im TV: "Höhenflug eines Kultrollers" 29.09.2018 | 18:00 Uhr

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